laut.de-Kritik

Tränen oder Tinnitus? Die Rückkehr des Vertrauens!

Review von

Viele Künstler bevorzugen es, alleine und zurückgezogen an ihren Songs zu schreiben. Da ist es erst mal gar nicht wichtig, ob daraus ein Album entsteht oder nicht. So war es auch für Jason Pierce mal wieder ein innerer Kampf mit sich selbst. Und dann endlich, nach sechs Jahren des Vermissens erscheint ein geheimnisvolles Zeichen auf Instagram. Morsezeichen kündigten im Juni die neuen Songs von Spiritualized an.

J. Spaceman kehrt mit seinem unverwechselbaren Space-Rock-Sound zurück. "And Nothing Hurt" berührt Herz und Verstand. Man verfällt sofort in diese emotionale Traurigkeits-Sphäre. "A Perfect Miracle" ist die klassische Spiritualized-Emotion, die wir schon beim psychedelischen "Ladies And Gentlemen We're Floating In Space" inhalierten und die hier eine Ukulele einleitet.

Die Melancholie erreicht ihren Höhepunkt mit eindrucksvollen Streicher- und Synthesizer-Arrangements. Trotz Schwermut schwebt man, dank Jasons einfühlsamer Stimme und dem harmonischen Chorgesang, schwerelos in einer Blase des guten Gefühls. Alle neun Songs nimmt der Perfektionist in Eigenproduktion zu Hause in London auf. In einem Zimmer, mit einem Laptop und einem Schlagzeug. Dafür musste J. sich erstmal in die digitale Aufnahmetechnik reinfuchsen. Der Aufwand hat sich definitiv gelohnt. "And Nothing Hurt" ist ein neues brillantes Album, das mit kleinem Budget und vielen schlaflosen Nächten entstand. Es ist kein Soloalbum, denn hier wirken einige Musiker und SängerInnen mit, aber inszeniert und dirigiert von einem Typen, der Samples von Originalaufnahmen nutzt und diese von Musikern, später im Studio, exakt so einspielen lässt.

Auf Gitarrensoli steht nicht jeder, aber wenn Jason in die Saiten haut, dann klingt das nach purer Leidenschaft und Energie ("I'm Your Man"). Da tönt sogar das Saxophon, wie ein süßes Karamell-Topping ("Here It Comes (The Roaf) Let's Go"). J. fährt ein aufwendiges Klangspektrum mit schwerelosen Melodien auf ("Let's Dance"), ausgetüftelt bis zum Rasseln des Schellenkranzes. Eine einfühlsame Show eines einsamen Rock'n'Rollers, zerbrechlich und trotzdem stabil, mit Hymnen für die Ewigkeit ("On The Sunshine"). "And in the morning light. All that wasted time. Cos it’s only in the darkness that the stars begin to shine."

Die einsamen Momente, die der Produzent der Platte erlebt haben muss, fühlt man von Song zu Song mit. Jason Pierce wirkt oft zurückhaltend und kühl, lässt aber musikalisch seine Zuhörer an seinen ganz persönlichen Gefühlen und Abgründen teilhaben. So klingt "Damaged" wie ein Soundtrack des gebrochenen Herzens. Mit "And Nothing Hurt" lassen sich die einsamen Momente besser ertragen.

"The Morning After" klingt gerade zu beschwingt in dieser ganzen Tristesse und endet mit einer kreischenden Jazz-Orgie. Erholen kann man sich von dem Ohrensausen dann mit "The Prize". Lieber Tränen oder Tinnitus? Das ist hier die Frage. "I don't know if love's the prize". "Sail On Through" beendet das berauschende Gefühlschaos. Melodie und Stimme betten sich wie ein Wiegenlied ins Gehör und vertraute Morsecodes lösen die Hypnose. Langsam wacht der Körper wieder auf. Danke, Jason Pierce, für diese Rückkehr des Vertrauens und wir hoffen jetzt einfach mal, das war nicht das letzte Album von Spiritualized. Und noch ein Traum wird wahr, der Mann kommt mit Band für ein Konzert nach Deutschland. Bleibt nur noch zu sagen: "Ich glaube mir, geht es ganz gut. Ich muss mal irgendwo heulen."

Trackliste

  1. 1. A Perfect Miracle
  2. 2. I'm Your Man
  3. 3. Here It Comes (The Road) Let's Go
  4. 4. Let's Dance
  5. 5. On the Sunshine
  6. 6. Damaged
  7. 7. The Morning After
  8. 8. The Prize
  9. 9. Sail On Through

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1 Kommentar

  • Vor einem Jahr

    Erstaunlich, dass Pierce auch ohne Orchester und mit reduzierten Mitteln den erhabenen Spiritualized-Sound hinbekommen hat. Die Chöre und Harmonien, Bläser und Streicher dürfen aber gewiss nicht fehlen. Alle paar Jahre gibt es ein neues Spiritualized-Album, aber das Warten lohnt sich. Mit dem Vonnegut-Zitat war Moby in der Zwischenzeit jedoch schneller.