laut.de-Kritik

Synthesizer und Drumcomputer statt schweizerdeutschem Alpenflair.

Review von

"Musikalisch gibt es nur vier Elemente: Drum-Machine, Synthesizer, Gesang und akustische Gitarre. Es gibt nur eine Sprache: Englisch." Diesem Dogma unterwarf sich Sophie Hunger für "Molecules". Es mündet in einem radikalen Stilwandel, den sie mit der ersten Single "She Makes President" bereits schockwirkungsvoll ankündigte. Nicht jeder Fan wird sich mit der modernen Ausrichtung anfreunden, doch besonders im Mainstream könnte das Album für die Schweizerin einen großen Schritt bedeuten. Künstlerisch tut es das ganz bestimmt.

Statt sich wie zuvor eklektisch aus Jazz, Rock, Pop, Singer/Songwriter und Folk zu bedienen, fährt Hunger auf "Molecules" eine klare Linie – oder sagen wir: eine klarere Linie. Durch die selbstauferlegten Regeln kristallisieren sich im Zusammenspiel von Beats, Synthesizern und Akustikgitarre eindeutige Klangfarben heraus, sie prägen das Album. Indem Hunger die Kernzutaten in unterschiedlichem Verhältnis mischt, und auch die Grundstimmung variiert, geraten die Songs dennoch sehr abwechslungsreich.

"Tricks" lädt mit rastlosem Beat zum Tanzen ein. "What do you do when your dreams have all come true?", fragt Hunger und gibt die Antwort mit zum (Mit-)Machen aufforderndem Staccato-Gesang eigentlich schon selbst: neue suchen! Das nachfolgende "Let It Come Down" trieft ebenfalls vor Synthies, schlägt aber in eine gänzlich andere Kerbe. Schwerfällig wabert es wie eine Doom-Version von M.I.A.s "Paper Planes" vor ich hin – Träume beerdigt Hunger inzwischen: "Bury your dreams and bury your frown / And let it come down / At Western Time, in acid rain it will fall again / Like an aircraft bomb, like an avalanche / like a falling star / Halleluja!"

Die zwiespältigen Lyrics untermalt sie mit ebenso zwiespältiger Vocal-Performance. Im Refrain schwebt ihre Stimme behänd über den Instrumenten, in den Strophen dringt sie in tiefere Lagen und intoniert unheilvoll. Ähnliches geschieht "I Opened A Bar", dessen Vibe etwas an Kate Tempest erinnert. Hunger lädt unterschiedlichste Personengruppen in ihre Kneipe und jede bekommt einen eigenen Ausdruck. Ein belustigtes, spöttisches Lachen mit Hintergedanke, wenn sie erklärt: "I opened a bar for arctic plates where they can melt on microwaves", schlägt eine Zeile später in trockenen Sarkasmus um, da es heißt: "I opened a bar for veterans / To chat about dismemberments". Das Ende gerät nachdenklich: "I opened a bar for my own mother / To explore when she discovers that I passed / And she may long for a place to look for clues". Da bleibt selbst dem munteren Drumbeat, der auch super in einen Hip Hop-Track gepasst hätte, nichts anderes übrig als abrupt zu verstummen.

Obwohl Hunger in modernen Soundlandschaften wandelt und weitgehend auf Improvisationsräume, die in der Vergangenheit bei ihr einfach dazugehörten, verzichtet, offenbaren sich im Songwriting nach wie vor deutliche Einflüsse aus der Folk- und SInger/Songwriter-Ecke. "That Man" ist eine melancholische Storyteller-Ballade, wie gemacht für typisches "Me and my guitar"-Setup. Nur heißt es jetzt eben: "Me, my synths and a simple beat". Durch "There Is Still Pain Left" pulsiert die Erinnerung an Nick Drake – auch, weil Hunger ein ähnliches Feeling einfängt. Hook, sanftes Gitarrenspiel und lockerer Beat vermitteln positive Schwerelosigkeit, unterschwellige Verzweiflung schwingt trotzdem immer mit.

Zusammen mit "Silver Lane" bildet "There Is Still Pain Left" die Brücke zwischen Hungers Katalog und "Molecules". Im Gegensatz zu etwa den wummernden Clubkultur-Abgesandten "She Makes President" und "Electropolis" bleiben Akustikgitarre und elektronische Elemente hier in Balance, die Übersetzung vertrauter Kompositionsweisen auf neue Instrumente klar ersichtlich.

Zwar vermisst man an manchen Stellen die Zügellosigkeit, die Hunger bewusst gegen mehr Kontrolle eingetauscht hat, und die Wärme jazziger Instrumentalpassagen, die abgekühlter Computerdynamik weicht. Musikalisch existiert immer eine gewisse Distanz zum Hörer. Vielleicht gerade deshalb, weil Hunger lyrisch auf direkterer Ebene denn je persönliche Angelegenheiten aufarbeitet. Doch das große Plus dieser Herangehensweise ist der Fokus auf klar umrissene Strukturen. In den reduzierten Arrangements verwässert nichts die starken Hookmelodien. Besagter Distanz sei Dank, drängen sich diese trotz aller Catchiness nie auf.

"Molecules" markiert den Beginn eines weiteren Kapitels in der kreativen Entwicklung Sophie Hungers. Vor zwei Jahren meisterte sie mit dem Score zu "Mein Leben Als Zucchini" bereits den Schritt in die Filmmusik, nun setzt sie erfolgreich eine Duftmarke als Electro-Folk-Künstlerin mit Pop-Appeal. Bevor sie erneut weiterzieht, lässt Hunger diesem ersten Statement hoffentlich noch ein zweites in diesem Bereich folgen. Denn was tiefer im Gang hinter der mit "Molecules" aufgestoßenen Tür liegt, könnte noch interessanter sein, als "Molecules" selbst.

Trackliste

  1. 1. She Makes President
  2. 2. Silver Lane
  3. 3. There Is Still Pain Left
  4. 4. Tricks
  5. 5. Let It Come Down
  6. 6. I Opened A Bar
  7. 7. Oh Lord
  8. 8. The Actress
  9. 9. Electropolis
  10. 10. That Man
  11. 11. Cou Cou

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LAUT.DE-PORTRÄT Sophie Hunger

Eindringlich - und doch unnahbar. So gibt sich die Schweizer Sängerin und Songschreiberin Sophie Hunger. Ihr Stil vereint Folk, Jazz und zarte Rockanleihen.

7 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 6 Monaten

    nächstes album dann sophie hunger auf trapbeats feat. bausa. ist aber kein kommerz dann sondern weiterentwicklung.

  • Vor 6 Monaten

    Treffende Rezension. Danke.
    Mich stören am Album die zu simplen bumbum Drum-Tracks. Die Stimme ist wie meistens überzeugend.

  • Vor 6 Monaten

    Hätte wohl das werden können, was "Is this desire?" in der Diskographie von PJ Harvey ist: Der selbst für eine experimentierfreudige Künstlerin absolute musikalische Ausreißer, der dennoch von einem Großteil der Alt-Fans geliebt wird und durch den Stilbruch zu vorher sogar noch neue Fan-Schichten zu erschließen wusste...

    Letzteres traue ich "Molecules" auch durchaus zu, ich kann auch alles nachvollziehen, was Frau Hunger der Presse zum Thema konzeptuelle Selbstbegrenzung erzählt hat, allein die Seite der Instrumentals und Arrangements hat halt sehr unter diesem Konzept gelitten, imo.

    3x gehört, aktuell leider nur 3/5 - die jedoch nur, weil ich Musik mit so einer Stimme / solch einem Gesang einfach nicht weniger als 3 Sterne geben kann. Und live spielt sie ja zumeist sehr ausgewogene Sets aus Neu und Alt, werde ich mir zum aktuellen Album also trotz verhaltenem Eindruck auch sehr wahrscheinlich gönnen.

  • Vor 4 Monaten

    Es ist typisch, dass bei Sophie Hunger ein neues Album stets Verwirrung beim Hörer Auftritt denn sie ist alles andere als eingängig . Aber das Zuhören lohnt sich, denn es entfalten sich schöne Melodien, die man zunächst nicht erwartet hätte. Die Kritik mit dem zu banalen Wummer Drums ist nicht nachvollziehbar. Live kann man sehen, dass etwas, was sich zunächst einfach anhört, alles andere als einfach ist.

  • Vor 2 Monaten

    ich könnte nicht sagen, daß ich enttäuscht bin. Molecules ist anders, aber doch 100% Sophie Hunger. Dem bösen Anwalt stimme ich zu, daß ein "Walzer für Niemand" hier so nicht erklingt. Aber der war ja einer der ganz Großen bisher. Sowas geht nicht mit jedem Album.