laut.de-Kritik

St. Vincents scharfer Sound hinterlässt deutliche Spuren.

Review von

Sleater-Kinney-Fans müssen heutzutage tapfer sein. Vor vier Jahren hatte man sich noch über die Wiedervereinigung und "No Cities To Love" gefreut. Nun steht mit "The Center Won't Hold" plötzlich die Welt Kopf.

Wo eben noch Punk regierte, findet sich nun ein kruder Mix aus New Wave, Synth-Pop, Industrial, Art-Rock und gar einer Piano-Ballade. Aus heiterem Himmel muss man sich entscheiden, wie man nun damit umgehen soll. Lass ich mich darauf ein?

Versuchen wir, der Veränderung einer Chance zu geben. Am Ende gibt es genug Bands, die ihren Lebtag lang ein und das selbe Album immer und immer wieder veröffentlichen. Seien wir doch froh über jene, die sich auf einen neuen Weg trauen. Selbst wenn dieser nicht der ist, den wir uns von ihnen erwünschen. Spannender ist es allemal.

Nur konsequent, dass die Wandlung auch einen Wechsel im Line Up mit sich bringt. Die innig geliebte Janet Weiss verließ Sleater-Kinney "nach intensiver Überlegung und mit großer Trauer" sechs Wochen vor der Veröffentlichung von "The Center Won't Hold", da sie sich nicht dem eingeschlagenen Weg identifizieren kann. Bei den Aufnahmen war sie jedoch dabei.

Damals noch zu dritt, fand die Band mit Annie Clark aka St. Vincent jedenfalls die perfekte Produzentin, um etwas Neues zu probieren. Eben jene St. Vincent, die sich mittlerweile mit nahezu jedem neuen Album selbst neu erfindet. Sie hinterlässt mit ihrem schnittigen, scharfen Sound deutliche Spuren. Ein opulenter Mix, in dem sich ebenso genug Licht für die verschrobenen Winkel wie Schatten für die Pop-Momente findet.

Die musikalische Identität mag sich verändert haben, die Sprache nicht. Carrie Brownstein und Corin Tucker bleiben deutlich, auch wenn sich der Blickwinkel ein wenig verschoben hat und mehr auf das Schicksal einzelner Personen als auf das große Gesamtheit gerichtet ist. Es ist das ungewöhnlichste Stück, die einfühlsame Piano-Ballade "Broken" zum Schluss, die dies noch einmal besonders verdeutlicht. Eine Auseinandersetzung mit den wiederbelebten Traumata, die die Frauen, speziell Dr. Christine Blasey Ford während der Anhörung zum Brett Kavanaugh-Fall wegen sexueller Übergriffe durchlitten. "She, she, she stood up for us / When she testified / Me, me too / My body cried out when she spoke those lines."

Ein Song, der nochmal Brownsteins stimmliche Möglichkeiten eindringlich in Erinnerung ruft. Die Bandbreite der Frau, die kurz zuvor im Synth-Pop von "Can I Go On" noch so schön wie Cyndi Lauper jaulte. "Everyone I know is tired / But everyone I know is wired / To machines, it's obscene / I'll just scream 'til it don't hurt no more."

Aufgrund der Bandbreite des Longplayers stehen sich in kürzester Zeit mit "Hurry On Home" ("Disconnect me from my bones / So I can float, so I can roam / Disconnect me from my skin / Erase the marks, begin again") und "Reach Out" ("Reach out and touch me / I'm stuck on the edge / Reach out / The darkness is winning again") zwei komplett unterschiedliche Songs gegenüber. Der eine rumpelndes, abweisendes New Wave-Stück, der andere mit einer einnehmenden Pop-Hook, irgendwo zwischen Garbage und Blondie.

Den Post-Punk des melancholischen "The Future Is Here" durchziehen düstere Synthesizer. Der leichte "Now Now Now Now Now"-Refrain stellt nur einen Rettungsring für die Protagonistin dar, die ansonsten in der Kälte und Isolation des Stücks zu versinken droht. Fast als wollten Sleater-Kinney ihre Fans bitte, sie auf dem neuen Weg nicht zu verlassen, croont Tucker unvertraut tief: "Never have I felt so goddamn lost and alone / Are you my friend? Are you there for me? / Can you come to my house? I'll tell you everything / I need you more than I ever have / Because the future's here, and we can't go back."

Wie es sich für einen Neubeginn gehört, funktioniert auf "The Center Won't Hold" noch nicht alles. Manches stolpert noch über die eigenen Füße. Aber das ist im Grunde doch das Schöne. Der Zauber und die Spannung der Musik befindet sich immer dort, wo noch nicht alles perfekt ineinander greift. Fernab von Automatismen. Wer das Suchen noch nicht aufgegeben hat, lebt noch.

Trackliste

  1. 1. The Center Won't Hold
  2. 2. Hurry On Home
  3. 3. Reach Out
  4. 4. Can I Go On
  5. 5. Restless
  6. 6. RUINS
  7. 7. LOVE
  8. 8. Bad Dance
  9. 9. The Future Is Here
  10. 10. The Dog / The Body
  11. 11. Broken

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