laut.de-Kritik

Pop-Versprechen eingelöst, aber das Ende schwingt mit.

Review von

"Ich habe das Spiel komplett durchgespielt, jeden Preis gewonnen, den man gewinnen kann, und jeden Endboss vielleicht schon drei Mal besiegt. Für mich geht es jetzt darum: Kannst du noch dieses Radio-Ding zum Ende reiten?" 2018 formulierte Sido im Interview seine Ansprüche für "Ich & Keine Maske".

Kein hiesiger Rapper blickt auf eine derart logische Entwicklung zurück. Ohne dabei nennenswert an Glaubwürdigkeit einzubüßen, führte ihn der Weg vom maskierten Draufgänger aus der Hochhaussiedlung zum frisch gescheitelten Juror bei "The Voice of Germany" in der ProSieben-Primetime.

"Raus aus den Pantoffeln, rein in die Schuhe, die nur mir passen", lässt Sido seinen Arbeitstag in "Wie Papa" starten. Zu einer wunderbar sphärischen Produktion von DJ Desue und X-plosive bringt er sein aktuelles Selbstverständnis auf den Punkt ("Ich bin dieser Rapper mit den Radio-Songs") und reflektiert seinen Status, den noch immer ein gewisses Spannungsverhältnis prägt: "Ich komm' aus'm Drecksviertel und, ja, ich wohn' jetzt im Speckgürtel. Es gibt Verlierer und Gewinner, doch egal, wie dieses Leben spielt, Berliner ist man immer."

Vom "Leben auf der untersten Etage" handelt "Junge Von Der Straße", der wie so viele Songs des Berliners beginnt: "Er ist einer von den Jungs aus'm Block. Er ist perspektivlos und scheißt auf den Staat." Nach den ersten zwar oft gehörten, aber nach wie vor wichtigen Schilderungen, tappt er doch noch in die Falle, das Leben in der Misere einfach auf eine mangelnde Arbeitsmoral zu schieben: "Mir war klar, es gibt immer einen Ausweg. Ab und zu muss man's eben riskieren." Auf "Ich" wusste er noch, dass es für das bildungsferne, abgehängte Prekariat nur eine Richtung gibt: "Bergab".

Sein eingangs erwähntes Pop-Versprechen löst Sido in "Leben Vor Dem Tod" ein. Gemeinsam mit Monchi plädiert er dafür, gelegentlich aus dem Alltag auszubrechen. Das fällt längst nicht so schlimm wie Mark Forsters Durchhalteparolen aus, aber bleibt letztlich doch wachsweich und damit perfekt fürs Radio geeignet. Die beschriebenen Träume von einem ausnahmsweise früheren Feierabend oder dem einmaligen Urlaub fallen derart bescheiden aus, dass auch die Große Koalition sie sich nicht schöner hätte ausmalen können. Eine Spur aufwieglerischer hätte es schon sein dürfen.

Das größte Hitpotenzial weist sicherlich "2002" auf. Sido nimmt sich die ersten zwei Minuten gänzlich zurück, um den Newcomer Apache 207 glänzen zu lassen, bevor er sich selbst in die Prä-"Maske"-Zeit versetzt: "Ich wusste, entweder geht mein Album ab, oder ich sitze bald im Knast." Da ihm das titelgebende Jahr nur "Gras im Blut" und "Hass im Herz" bescherte, fehlt jede Grundlage für nostalgische Anwandlungen. Konsequenterweise kleiden DJ Desue und X-plosive seine Zeilen nicht in rückwärtsgewandten Sound, sondern in einen poppigen Trap-Beat mit Autotune als Accessoire.

"Beste Zeit" liefert mit Vergnügungsreisen, die Sido rund um den Globus führen, das Gegenprogramm zu "2002". Gleichsam kontraintuitiv spielt der Song zwar deutlich im Hier und Jetzt der finanziellen Unabhängigkeit, doch bedient sich stilistisch mit seinem staubigen Bumm-Tschack-Instrumental bei längst vergangenen Tagen. Auch "High" steht zumindest inhaltlich im Kontrast zu "2002". An der Seite von Samra und Kool Savas erfreut sich Sido schlichtweg am eigenen Dasein: "Dieses Leben macht mich high."

Im Angesicht des Verlusts nimmt diese Erkenntnis noch an Bedeutung zu. Mit "Papu" widmet er seinem verstorbenen Großvater eine Hymne, die nahe geht. "Damals dachte ich, er redet auf mich ein, aber damals war ich dumm, heute versteh' ich, was er meint", schildert Sido, wie sich ihm Ratschläge und Anekdoten erst im Nachhinein erschlossen haben: "Heut' seh' ich die Welt mit deinen Augen." Mit fortschreitendem Alter muss er nun auch die schrittweise erfolgende optische Verwandlung anerkennen: "Sie sagen, ich seh' immer mehr so aus wie er."

So schwingt auf Sidos achtem Soloalbum neben dem gewohnten Hedonismus ("Fällig", "Beste Zeit") auch zunehmend das eigene Ende mit. Im abschließenden "Pyramiden" mit Johannes Oerding zertrümmert er die losen Genre-Grenzen, während er sich den Kopf über sein Erbe zerbricht: "Wir schaffen etwas Großes, auch wenn es nicht zu sehen ist. Irgendwas, das für immer bleibt." Trotz alledem verweigert er sich aber noch dem Abgesang, wie er analog zum letztjährigen Interview in "Wie Papa" erklärt: "Ich glaub' nicht, dass ich 'ne Legende bin, weil 'Legende' so nach Ende klingt."

Trackliste

  1. 1. Wie Papa
  2. 2. Junge Von Der Straße
  3. 3. Melatonin (mit Yonii und Beka)
  4. 4. 2002 (mit Apache 207)
  5. 5. Leben Vor Dem Tod (mit Monchi)
  6. 6. Beste Zeit
  7. 7. High (mit Samra und Kool Savas)
  8. 8. Energie (mit Luciano)
  9. 9. Jedes Geheimnis
  10. 10. Papu
  11. 11. Fällig (mit Santos)
  12. 12. Das Buch
  13. 13. Schono Ke (mit Casper)
  14. 14. Pyramiden (mit Johannes Oerding)

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