laut.de-Kritik

Hinterhofdarwinismus nach eigenen Regeln.

Review von

"In meiner Welt gibts keine Grenzen." Tatsächlich zeigt die Corona-Krise gegenwärtig auch der Kunst und Kultur ihre Grenzen auf. Selbst ein mit übergroßem Selbstvertrauen ausgestatteter Rapper wie Shadow030 war vor den Auswirkungen nicht gefeit. Erst verzögerte sich die Veröffentlichung seines dritten Albums, dann fiel seine gemeinsame Tournee mit Silla den Ausgangsbeschränkungen zum Opfer. Zumindest seine Wut lässt sich der Berliner nicht nehmen. So steigt er angemessen brachial in "RRRAAAHHH!" ein: "Einigen wird nicht gefallen, was ich gleich sag': Auf die Fresse, kein Erbarmen!"

Shadow030 zeigt sich ab dem "Intro" wieder einmal entfesselt. Neben "roher Gewalt" erschöpft er sich darin aber auch in angedeuteten Klatschgeschichten: "Gehypte Rapper wollten Feature machen. Aber dann halt doch nicht aufgrund meiner Power und krassen Optik." Glücklicherweise operiert er dabei auf einem konstant hohen Energielevel. Er hat es nicht nötig, Schwächen unter erdrückenden Produktionen zu begraben. Vielmehr läuft der Hijackers-Beat andächtig im Hintergrund, als wollte er lieber keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Das würde nur den Zorn des Berliners weiter erregen.

Was seiner unbändigen Raserei allerdings noch immer fehlt, sind klare Ziele und Richtungen. Nur an zwei Stellen weist er über die scheinbar gottgebende Trost- und Hoffnungslosigkeit seiner Lebensumstände hinaus auf seinen konkreten persönlichen Hintergrund. Zum einen spricht er im "Intro" in den wohl emotionalsten Versen des ganzen Albums über den Tod seines Vaters, für den er sich in Teilen selbst die Schuld gibt: "Wer will mir sagen, die Schmerzen vergehen?" Das hat Relevanz und sollte neben den Gossip-Andeutungen des Songs deutlich mehr Raum einnehmen.

Als zweites sticht das Gefühl heraus, "Unerwünscht" zu sein. Losgelöst vom etwaigen Erfolg fehlt Shadow030 der Habitus für die 'besseren Kreise': "Leute wie wir passen nicht ins Profil. Wir sind unerwünscht. Deswegen vermeiden die meisten die Reichen und bleiben nur unter sich." So nachvollziehbar die auch im Interview behandelte Thematik der Stigmatisierung, so wenig erschließt sich die Kombination dessen mit einem Instrumental, das einen leichten Karibik-Einschlag aufweist. Auch die Autotune-Anflüge wirken im Kontext merkwürdig deplatziert.

"Unerwünscht" bleibt glücklicherweise eine von nur wenigen musikalischen Unstimmigkeiten der nach wie vor äußerst souveränen Trap-Produzenten Hijackers. Erst die unheilvolle Atmosphäre von "Mehr Money" ermöglicht es dem rappenden Ungetüm, sich mit tiefem Singsang aus der Seitengasse zu erheben. Am dortigen Altglascontainer entstand offensichtlich das gespenstische Instrumental zu "Zwanni Auf K". "Dresscode" flirrt mit Leichtigkeit durch die Boxen, "Crime" setzt auf dezente Streicher und "Seiten Auf Null" setzt dank seines elegischen Pianos einen betrüblichen Schlusspunkt.

Eine hoffnungsfrohere Stimmung kommt in "Mousse Au Chocolat" auf. Eingeklemmt zwischen den akustischen Fight Clubs "Mehr Money" und "RRRAAAHHH!" geht es darin direkt in den Flieger: "Ich fühl' mich wie ein Star, auch wenn ich keiner bin. Unterschreib' Verträge, Privilegien dank Sponsoring." Joshi Mizu trägt mit seinem Gesang zum krassen Stilbruch bei: "Mein Leben schmeckt gerade so wie Mousse au Chocolat." Jalil mimt dagegen erneut den Lauerjäger. In "Alles Bluff" ergänzt er den Tollwut-Flow des Hauptdarstellers um eine ruhige, abgeklärte Note.

So bewegt sich "RRRAAAHHH!" in einem ganz ähnlichen stilistischen Rahmen wie schon "Schwarzer Hoody", nur der zeitliche Kontext erweist sich pandemiebedingt als ein völlig anderer. Zwar bleibt jede Form der künstlerisch verarbeiteten Aggression legitim, doch der nach eigenen Regeln spielende Hinterhofdarwinismus wirkt schlicht unpassend in der nach Empathie und Solidarität verlangenden Zeit der "Corona-Wut", wie Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo es nennt. Shadow030 und die Hijackers erbringen ihre gewohnte Leistung, sie veröffentlichen nur zum ungünstigsten Zeitpunkt.

Trackliste

RRRAAAHHH!

  1. 1. Intro
  2. 2. Volles Magazin
  3. 3. Mehr Money
  4. 4. Mousse Au Chocolat (mit Joshi Mizu)
  5. 5. RRRAAAHHH!
  6. 6. Alles Bluff (mit Jalil)
  7. 7. City Of God (mit D.I.V.)
  8. 8. Hellwach
  9. 9. Dresscode
  10. 10. Crime
  11. 11. Berlin City Beton
  12. 12. Unerwünscht
  13. 13. Seiten Auf Null

#Keinblenderscheiß EP

  1. 1. Fenster (mit Silla)
  2. 2. Ne Ne Ne
  3. 3. Replika
  4. 4. Zwanni Auf K
  5. 5. Liebe Macht Blind

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5 Kommentare

  • Vor 5 Monaten

    Ich hör mal rein, erwarte aber jetzt nix. Fand den schon immer eher langweilig

  • Vor 5 Monaten

    Die "gang bang" line auf dem Vollen Magazin Track sowie die "Behinderten Parkplatz" Zeile auf dem Track mit Jalil fand ich ekelig aber sonst geht das Album gut nach vorne. Ist immer noch rough und raw aber von den Beats her melodischer. Klar gibt es wenig Themenvielfalt dafür ist es aber gut durchhörbar.
    4/5 wären schon okay :)

  • Vor 4 Monaten

    Power? Ist doch völlig unspektakulär. In ein paar Wochen wieder vergessen.

  • Vor 4 Monaten

    1/5 Leserwertung ist schon arg ungerechtfertigt. Gebe dem ganzen eine 3/5, zur kälteren Jahreszeit hätte mich das evtl auch mehr gecatched. Bin über die Beatwahl enttäuscht. Nix laidback wie auf seinem vorherigen Album mit Arizona, sein wohl bester Track. Gebe jetzt 5/5 um das ganze mal ein wenig anzupassen mit den ganzen anderen Deutschrapclowns.
    PS: Wie siehts aus mit einer Rezension von Bangs AOB? Oder verliert echter Boom Bap komplett an Relevanz auf eurer Plattform? Peace

  • Vor 4 Monaten

    1/5 Leserwertung ist schon arg ungerechtfertigt. Gebe dem ganzen eine 3/5, zur kälteren Jahreszeit hätte mich das evtl auch mehr gecatched. Bin über die Beatwahl enttäuscht. Nix laidback wie auf seinem vorherigen Album mit Arizona, sein wohl bester Track. Gebe jetzt 5/5 um das ganze mal ein wenig anzupassen mit den ganzen anderen Deutschrapclowns.
    PS: Wie siehts aus mit einer Rezension von Bangs AOB? Oder verliert echter Boom Bap komplett an Relevanz auf eurer Plattform? Peace