laut.de-Kritik

Hannover goes Doom-Blues.

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Leadgitarrist Matze Jabs fiedelt sich die Finger wund und pariert die dicken Rhythmus-Riffs von Rudolf Schenker locker aus dem Handgelenk. Schlagwerker Rarebell und Buchhalter-Buchholz am Bass drücken unaufhaltsam die einfachen aber wirksamen Beats durch - und dann singt Don "fucking" Dokken: "I realize I missed a day / I'm too wrecked to care anyway / I look around and see this face / What the hell have I lost my taste". Wat? Don wer? Wo ist Klaus Meine? Warum greift im Sommer 1981 im französischen Studio von Produzentenlegende Dierks nicht der langjährige Leadsänger zum Mic? Sind das noch die Scorpions oder können die weg?

Ein paar Monate zuvor stehen alle Zeichen noch auf Angriff. Die Band aus Hannover spürt, dass ihr mit dem achten Studioalbum der weltweite Durchbruch gelingen könnte. Bereits Mitte der 70er hatte man sich von Uli Jon Roth getrennt und auf den folgenden Alben "Lovedrive" und "Animal Magnetism" die letzten kritiker-geliebten Krautrock-Krümel über Bord in den Maschsee geworfen. Übrig blieb eine klassische, tighte Hardrock-Band, die spielerisch und mit protestantischer Arbeitsmoral Ohrwurm-Hooks und treibende Gitarrensounds en Masse aus den Lederärmeln schüttelt – und die im Jahre 1981 durch die ersten US-Charterfolge motiviert auch Manhattan stürmen will.

Die Zeit ist perfekt. Hardrock und Heavy Metal schicken sich an, Musikwelt und Mainstream gleichzeitig zu übernehmen und die Scorps stehen top vorbereitet in den Startlöchern. Die Stimmung in Frankreich ist zu Beginn der "Blackout"-Aufnahmen euphorisch, der amerikanische Traum vom Reihenhaus zum Rockstar nur noch eine Frage der Zeit – als die unzähligen Live-Shows ihren Tribut fordern und Klaus Meine die Stimme komplett versagt. Weg, sie ist einfach weg wie Michi Becks Ex - und Meine steht im Frühling 1981 vor den Trümmern seiner Karriere. Hornhaut auf den Stimmbändern zwingen ihn zu mehreren Operationen, die selbst dem toughen Frontmann sämtliche Hoffnungen auf eine Rückkehr rauben.

Bandleader Rudolf Schenker reagiert. Für einen Song ("Hey", zu finden auf der Jubiläums Deluxe Edition) stellt er sich hinter das Mikrofon, erkennt jedoch schnell, dass sein dünnes Stimmchen nur für Background-Vocals taugt und lässt besagten Kumpel Don Dokken einfliegen. Dieser wartet nach ersten kleinen Erfolgen mit seiner gleichnamigen Band noch auf den Durchbruch und ergreift die einmalige Chance sofort. Es ist bisher nicht überliefert, ob die Aufnahmen mit dem Ersatz-Vocalist wie oben beschrieben abliefen, doch trotz der wunderbaren Stimme des Amerikaners und der Gefahr, den Absprung in Richtung Weltspitze zu verpassen, trifft Schenker eine richtungsweisende Entscheidung: Er wartet auf Klaus' vollständige Genesung - und die Scorpions heben ab.

Leadgitarrist Matze Jabs fiedelt sich die Finger wund und pariert Schenkers dicke Rhythmus-Riffs locker aus dem Handgelenk. Schlagwerker Rarebell und Buchhalter-Buchholz am Bass drücken unaufhaltsam die einfachen aber wirksamen Beats durch – und dann singt Klaus Meine die ersten Zeilen des Openers und Titeltracks: "I realize I missed a day / I'm too wrecked to care anyway / I look around and see this face / What the hell have I lost my taste".

Klarer und kraftvoller als je zuvor peitscht er seine Vocals über den härtesten Nackenbrecher der Band. Fast scheint es, als schreie er all seinen – in der Phase der Unsicherheit angesammelten – Frust heraus. "Blackout, I really had a Blackout" - und die ganze Band schiebt nach. Wie kein zweites Studioalbum versprüht "Blackout" jene mitreißende, aber zu gleich professionell-fokussierte Energie der legendären Liveshows. Hit auf Hit feuern die Scorpions durch die Boxen, egal ob auf Speed ("Dynamite", "Now!") oder als catchige Midtempo-Groover ("You Give Me All I Need", "No One Like You"), der Mix aus peitschenden Tenor-Gesang mit höchsten Noten und kongenialem Gitarrenspiel gehört zum Besten, was im Rock jemals in dreieinhalb Minuten-Tracks gebannt wurde.

Vor allem Matthias Jabs tritt endgültig aus dem Schatten seiner Vorgänger Uli Jon Roth bzw. Michael Schenker. Der ewig Unterschätzte avanciert vom Ersatzspieler, der Ende der 70er immer mal wieder auf die Bank musste, wenn Michael Schenker nüchterne Phasen hatte, zum absoluten Stammspieler und vollwertigem Mitglied. Ohne Ego. "Die musikalische Form wurde dann sogar noch etwas kompakter, als Matthias Jabs 1978 in die Band kam. In den Jahren zuvor hatte Uli - auch ein sehr starker Gitarrist - die Band musikalisch gespalten", so Klaus Meine im laut.de-Interview.

Jabs lässt seine Gitarre auf "No One Like You" metallisch wie aufheulen wie Motorsägen und kontert so perfekt die melodiösen Gesangslinie von Meine. Zusammen mit Schenker etabliert er die Trademark-Riffs, die seitdem jedem Scorpions-Song die einzigartige Sound-Note verleihen. Der Song reißt durch die Wechsel zwischen ruhigeren Strophen und impulsiver Eruption im Refrain jeden Musikfan vom Barhocker. Noch ist jener europäische Einfluss spürbar, der später vom straighteren LA-Style verdrängt werden wird.

Mit den gleichen Zutaten und ähnlich gut: das direkt folgende "You Give Me All I Need". Die Halbballade startet akustisch ruhig und steigert sich dann zu einer fast bombastischen Hymne par Excellence. Zusammen mit "Blackout" gehören die beiden Hits zu den zehn besten Scorpions-Songs aller Zeiten (Noch dabei wären übrigens "The Zoo", "Still Loving You", "Big City Nights", "Bad Boys Running Wild", "In Trance", "Always Somewhere" und "We'll Burn The Sky". Die Qualität bliebe gar bis zu Platz 50 absurd hoch. Welche Rock-Band aus Deutschland könnte hier mithalten? Richtig, keine).

Doch die "Blackout"-Scheibe erkämpft sich seinen Platz unter den besten Hardrock-Alben aller Zeiten auch mit Härte und Vielseitigkeit. "Now!" taucht tief ein in ein wildes Meer aus AC/DC und Thrash Metal-Riffs. Klaus Meine strapaziert hier seine Stimme trotz drohendem Karriereende bis zum Äußersten und einige Kritiker bescheinigen ihm damals: "Die Ärzte haben ihm bei den Operationen eine Metal-Stimme eingepflanzt." Und Klaus selbst meint: "Als ich zurück kam, war ich in Top-Form. Ich konnte sogar wieder die höchsten Töne aus den Anfangstagen treffen." Härter und schneller waren die Scorpions vor "Now!" nie – bis das direkt danach losbrechende "Dynamite" den Eindruck innerhalb von ein paar Sekunden Lügen straft. Unaufhaltsames Motörhead-Bass-Geballer trifft auf härteste Metal-Riffs und der einfache wie wirkungsvolle Mitgröhl-Refrain machen den Song zum Live-Abreißer.

In der zweiten Hälfte variieren die Scorpions Sound und Tempo. Für andere Bands wäre "Arizona" als sommer-luftiger AOR-Gedächtnistune ein absolutes Highlight, auf "Blackout" dient der grundsolide Track nur als kurze Verschnaufpause. Bei "China White" packt die Maschsee-Metaler ihre Black-Sabbath-Fanutensilien aus und marschieren gegen den Krieg. Tonnenschwer bohren sich die hypnotischen Riffs in die Hirnrinden, in denen der sonst so fokussierte Profi seinen spitzen Schreien freien Lauf lässt. Hannover goes Doom-Blues. Die ewig und zu Unrecht unterschätzte Ballade "When the Smoke Is Going Down" braucht sich hinter den bekannteren Engtanz-Sureshots wie "Still Loving You", "Send Me An Angel" oder "Holiday" nicht zu verstecken und beschließt – wie später auch viele Konzerte – das größte Werk aus deutschen Hardrock-Landen. Als i-Tüpfelchen veredelt der Künstler Gottfried Helnwein das Cover der Platte mit einem aufsehenerregenden Selbstportrait, das den schwierigen Entstehungsprozess und die Energie der Musik perfekt symbolisiert.

Die Reaktionen sprengen selbst die optimistischsten Erwartungen. Alle Träume und Hoffnungen, die die Band vor dem Ausfall von Klaus Meine gehegt hatte, erfüllen sich. "Blackout" kracht in die US-Top Ten, verkauft sich alleine im anvisierten Mutterland des Rock über eine Million Mal und wird zum besten Hardrock Album des Jahres gekürt. Zusammen mit Iron Maidens "Number Of The Beast", dem vielleicht wichtigsten Heavy Metal-Album aller Zeiten, steht die Scheibe in vorderster Startreihe – weit vor den zeitgleichen, ebenfalls superben Veröffentlichungen von Judas Priest ("Screaming For Vengeance"), Accept ("Restless And Wild") oder Manowar ("Battle Hymns").

Für die Scorpions bildet das Album den Schritt zum Legendenstatus und zur Vormachtstellung im Hardrock der 80er Jahre. Beides bauen sie zwei Jahre später mit dem wesentlich amerikanischeren "Love At First Sting" aus und tatsächlich zerlegen sie auch den Madison Square Garden auf ihren Tourneen in alle Einzelteile. Erst die 90er Grunge- und Nu Metal-Ära beendet den Triumphzug der Band aus Hannover. Mögen auch große Bands wie Monster Magnet, Metallica oder die Smashing Pumpkins eher von den Prä-Blackout-Scorpions beeinflusst sein, so ist der weltweite Hardrock ohne die Scorpions und vor allem ohne "Blackout" nicht vorstellbar. Es steht zudem als musikalisches Symbol für starken Willen, Hoffnung und Freundschaft. Oder wie Klaus Meine im Zeit-Interview verriet: "Rudolf wollte mich nicht gehen lassen. Die Reaktion war einmalig: "Egal, was auch passiert, wir warten auf dich." Ich musste also Wege suchen, wie ich diese Krise überwinde. Das war ein wahrer Akt der Freundschaft, die bis heute gehalten hat. Das habe ich auch bis heute nicht vergessen."

Und Don Dokken? Den hört man höchstens auf einem oder zwei Songs im Hintergrund. "So genau weiß es aber keiner, noch nicht mal ich kann das noch heraushören", erinnert sich Meine später. Das Schicksal hielt jedoch auch für den unglücklichen Kurzersatz eine eigene, erfolgreiche Karriere mit seiner Band Dokken bereit. An "Blackout" konnte er jedoch nie heranreichen. Wie so viele.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Blackout
  2. 2. Can't Live Without You
  3. 3. No One Like You
  4. 4. You Give Me All I Need
  5. 5. Now!
  6. 6. Dynamite
  7. 7. Arizona
  8. 8. China White
  9. 9. When The Smoke Is Going Down

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5 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 18 Tagen

    Was ich mich bei den Scorpians und ihren Kritikern immer frage, ob die ihre Gehörgänge auch ordenlich durchspülen, bevor sie mal wieder Blackout und den großen programmierten Amidurchbruch abfeiern?

    Man(n) nehme allein Holiday 3 Jahre vorher von der Lovedrive oder die Midtempo Ballade Always Somewhere, drehe den Fader bis zum Anschlag und scheiß was auf Stimmbänder und Amiland so und so. Mehr Druck in seiner einmaligen Stimme, unterstützt von seinem Bandkollegen, entwickelte Meine nie mehr.

    Mit der Animal Magnetism waren die Scorpions ein kalter Fisch und Blackout? Nun ja die Story um seine Stimmbänder nett, war sonst noch was? Savage Amusement 88 und das grottige auf die Wende aufgesetzte Wind Of Change, ganz toll, schunkeln wir schon wieder oder was?

    Gruß Speedi

  • Vor 18 Tagen

    Schöne Story zum Album, typisch deutsch im besten Sinne.

  • Vor 18 Tagen

    Ernsthaft!? Matze heißt Matthias, der Song 'Hey' dann 'Hey you' ... Keine gute Arbeit der Text.

    • Vor 18 Tagen

      Wenn das alles ist, ist ja alles töfte. Zumal Matze die Kurzform von Matthias ist und der Song "Hey" so oft auch benannt ist (wohl falsch, aber trotzdem).

  • Vor 16 Tagen

    Ja ja, auch damit habe ich mich durch die Pubertät gehört. Ich schmeiss die Scheibe gleich mal auf den Teller und quäle (erziehe) meine Tochter.

  • Vor 15 Tagen

    Achja die Scorpions...aus heutiger Sicht fast etwas unterbewertet hierzulande. Bis heute ja schließlich die erfolgreichste Band Europas, da kommen auch die Herren Rammstein nicht hin. Wer bei denen schon alles im Vorprogramm gespielt hat...Metallica...AC/DC...

    Absolut verdienter Meilenstein, das Album braucht sich nicht hinter Alben wie Defenders of the Faith von Judas Priest oder The Number of The Beast von Iron Maiden zu verstecken. Im Prinzip sind alle Alben von Lovedrive bis Crazy World Weltklasse Savage Amusement vielleicht ausgenommen).

    Live machen Sie auch heute noch Spaß, hab Sie erst im Juli in der Donau Arena in Ludwigsburg gesehen.