laut.de-Kritik

Der Blueprint für harte, ehrliche Thug Life-Musik.

Review von

"Scribble in your notepade / created your life". In seinem "Takeover"-Diss 2001 spricht Jay-Z dem Kollegen Nas die Straßen-Credibility seiner Stories ab. Bei Bradley Jordan aka Scarface indes hätte sich der Jigga das sicher dreimal überlegt – gleichwohl er im sagenumwobenen "Illmatic"-Jahr '94 selbst sein intimes Tagebuch veröffentlichte. "I got this killa up inside of me / I can't talk to my mother so I talk to my diary" ("No Tears").

Doch Scarface ist kein verkopfter Dichter, den die großen Jungs aus dem Viertel verprügeln und der sich im Kinderzimmer seine dunklen Fantasien von der Seele schreibt. Der Geto Boy rappt seit 1988 Hardcore und legt mit "The Diary" – seinem dritten Soloalbum – gar den Blueprint für harte, aber ehrliche Thug Life-Musik vor. Schonungslos und bildgewaltig erzählt er auf allen zehn Songs vom Leben in der Houstoner Hood – und das in einer Zeit, in der sich aus dem Süden höchstens Outkast und mit Abstrichen UGK um die Käsekrümel streiten durften, die den Metropolen New York und L.A. vom Tellerrand fallen.

Selbst in deutschen Kellern pumpt seinerzeit das kopfnickende, aber stark g-funkige "The Diary" – trotz kompletter Unkenntnis der Dirty South-Szene - aus allen Boxen. Vor allem "Hand On A Deadbody" mit Ice Cube und Devin The Dude sowie der Remix vom Geto Boy-Klassiker "Mind Playin Trinks On Me" fügten sich nahtlos zwischen den Polit-Raps von Ice Cube oder auch Advanced Chemistry und dem Westcoast-Sound à la Quick und Dre ein.

Auf dem gnadenlosen "Hand On A Deadbody" droppt Scarface seine Antwort auf Rodney King, AmeriKKKA und die Rap-Verbotsversuche der demokratischen Clinton-Regierung – vor allem von Tipper Gore, der Ehefrau des Vizepräsidenten Al. "America's been always known for blaming us niggas for they fuck-ups / And we were always considered evil / Now they trying to bust our only code of communicating with our people / Lets peep the game from a different angle / Matt Dillon pulled his pistol every time him and someone tangled / So why you criticize me / For the shit that you see on your tv / That rates worse than PG / Just bring your ass to where they got me / So you can feel the hand of the dead body."

'Face fleht hier zwischen den Zeilen fast: "Politiker kommt in die Ghettos und schaut euch unser Leben und vor allem unser Sterben an. Ich töte nicht, ich berichte doch nur davon." Ähnliches textet fast zeitgleich die Punkband Slime und fordert auf "Zusammen": "Alter Geruch, schreit nach Zusammenbruch / Manchmal wünschte ich, du würdest / Herunterkommen zu mir".

Der Song funktioniert natürlich auch als reiner Ellenbogen-Raus-Track. Devin The Dude croont sich eine Hook vom Leib, die Nate Dogg nicht besser in die Booth gelegt hätte und Ice Cube bleibt mit der kurzen, aber prägnanten Punchline "So fuck Bill and Hillary / Ice Cube their ain't no killing me" in durchaus punkiger Erinnerung. Das ultra-lässige "Mind Playin' Tricks On Me" symbolisiert dagegen die andere Stimmung jener Tage von Anfang bis Mitte der 90er. Kaum ertönt der erste Vers "Yeah, at night I can't sleep / I'm tossin' and turnin' / I still got the candlesticks burnin'", kifften und tranken sich ganze Heerscharen von Jugendlichen um den Verstand.

Die zwei Singles gewährten also Einlass in die Welt des Scarface und trieben auch die restlichen Tagebuch-Tracks mit Nachdruck in Köpfe und Körper. Der Opener "White Sheet" ist beim oberflächlichen Durchskippen ein klassischer Gangsta-Tune, der die Funk-Synthies immer etwas dunkler als in L.A. interpretiert, immer etwas mehr nach Cognac statt nach Cannabis schmeckt. Wie schrieb Rick Ross-Günstling Gunplay über das Werk im Complex Magazin: "Es ist der Texas-Gangster-Style, den ich fühlen konnte. Es war dope, richtig entspannt, aber hart."

In seiner Lobpreisung vergisst Gunplay jedoch die wichtigste Komponente von "The Diary". Eine, die das Album erst auf Klassikerlevel hievt und neben Hova auch alle anderen Emcees ehrfürchtig auf die Knie fallen lässt: die Lyrik.

Selbst jener brutale U-Can't-Fuck-With-Me-Song "White Sheet" entpuppt sich bei aller Härte als lyrisches Meisterwerk. Meist reichen Scarface zwei Zeilen, um ganze Platten alt aussehen zu lassen. "I see your mama in the waiting room steady crying / I see your ass in the doctors arms slowly dying". Schmerz, Leid und Rache: Hier unten in der Hood macht das Leben hart.

Um das wenig glamouröse Ghetto-Leben noch zu unterstreichen, verlangsamt der alleinige Producer N.O. Joe auf "No Tears" den Beat immer mehr und gibt Scarface die Möglichkeit, den ewigen Kreislauf des Todes auf den Punkt zu bringen. Ausgehend von einer Begräbnis-Szenerie entwickelt der Rapper eine emotionslose und unpathetische "Live by the gun, die by the gun"-Story. "I'm rolling through your hood and now my heart is filled with anger / You at your sister's house now your sister's life's in danger / By a total stranger / With a gang of / Niggas wanting to bang you / And hang you / Stain you with one up in the chamber."

Wer glaubt, kälter geht es nicht mehr: Das folgende "Jesse James" kriecht fast gescrewed und gechopped durch die Boxen- den Hörer umfängt ein Alptraum. "I got the nigga that I came here to get, notify his children / That they old man done fell up out the game / Because I came through this motherfucka / And killed his ass just like Jesse James." Man hat nie das Gefühl, Scarface hätte Spaß am tumben Prollen und am Gangsterleben. Er bleibt aber trotzdem mittendrin, mit seinem "Killer Inside". Die OG-Credibility eines Kool G Rap paart sich mit der Mic-Präsenz eines Krs-One und den lyrischen Fähigkeiten der New Yorker jener Zeit.

Nach dem etwas schnelleren "Gs" erwischt Scarface beim melancholischem "I Seen A Man Die" einen Jahrhundertmoment im Studio. Der ganze Tough Talk, die Gewaltbereitschaft, das Töten endet in einer Line, für die Scarface extra seine Stimme drosselt: "I could never see a man cry, til I seen a man die." Liebes Tagebuch, ich trage den Killer in mir, wir alle tragen ihn in uns, aber ich weiß, dass es schlecht ist.

Danach war die Rap-Welt eine andere und auch das Album widmet sich mit dem souligen "One" und dem "99 Luftballons" sampelnden "Goin Down" lieber den Sonnenseiten eines jeden Mannes: den Frauen. In "One" verleiht Face seine Frau an seine Freunde und berichtet frivol von den Erlebnissen. "Got em in my room about to hop in the tub / My homie walked in, "Shit, Brad, what's up?" / Told my homie put it down we spend to act a fool / The ho said "Cool, hop yo ass in the pool / I wanna polish up your tool." In "Goin' Down" blubbern derweil die ehemaligen Nena-Synthies mit der Bong des Hörers um die Wette, während es um die unglückliche Liebe geht.

"The Diary" endet mit dem lauten, icecubigen Titeltrack und heimste vollkommen zu Recht die 5-Punkte-Wertung in The Source ein. In einem Jahr, in dem der "Clan an die Front" ging, das "Leben eine Bitch" wurde, Biggie "bereit zu sterben war", Common Chi-Town auf die Flowkarte brachte, Redman die dunkle Seite erkundete, Outkast die Cadillac Muzik erfanden und New Yorker Underground-Rapper wie O.C. auch noch das nächste Level erreichten – in diesem goldenen Hip Hop-Jahr also, bildet diese Scheibe den Übergang, die Schnittmenge zwischen der G-Funk-Ära und Eastcoast-Lyricism. Danke, Mama Jordan, danke liebes Tagebuch.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. The White Sheet
  3. 3. No Tears
  4. 4. Jesse James
  5. 5. G's
  6. 6. I Seen A Man Die
  7. 7. One
  8. 8. Goin' Down
  9. 9. One Time
  10. 10. Hand Of The Dead Body
  11. 11. Mind Playin' Tricks 94
  12. 12. The Diary
  13. 13. Outro

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10 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 8 Jahren

    Super geschrieben. Das Album habe ich damals erst zu spät realisiert. "Wenn du die Geto Boys magst, wirst du Scarface lieben" war aber dann auch ein Argument. Da wird einem echt wieder bewusst was das für Jahre waren damals. Heutzutage werden nur halb so gute Alben schon zum Meilenstein gemacht.

  • Vor 8 Jahren

    Meilenstein klar, ja, Legende natuerlich, der Suedstaatentrauerkloss schlechthin, ohne den es all die anderen Trauerkloesse gar nicht gaebe - mit denen sich die Geschichtsunbewussten hier aber im Zuge der Rezension beschaeftigen koennten: jeder sollte z.B. 'Ghetto Dreams' von Fat Pat gehoert haben, um mal mit dem upper echelon der S.U.C. zu beginnen. Das ist selbstverstaendlich in jeder Faser besser als all der seichte alternative rap, den Garret hier so oft postet, wenn er nicht gerade hart fuer EGJ am streetteamen ist und 'AMYF' als Bushidos "vielleicht bestes Werk" bezeichnet. :D Kriegt ihr auf CD nicht mehr zu kaufen, aber amazon und iTunes sollten es parat haben.
    Mucke halt fuer die homies auf den Hoefen, die da unablaessig ihre Runden drehen und sich auch nicht schaemen, mal die Wasserwerke laufen zu lassen, weil es manchmal eben einfach nicht anders geht. Oder fuer O.G.s, die sich gerne mal bedranken, denn sie wissen: man muss die Sachen auch mal langsam - und verlangsamt - angehen. Oder auch einfach zum sommerlichen cruisen (no homo) und sich bosshaft fuehlen, wohlgemerkt bereits zu einer Zeit, als der Boss noch Schulmalwettbewerbe gewann statt Anabol zu spritzen.

    Nebenbei, Stefan, das neue Slim Thug-Album schon gehoert? 2-3 leider zu standardmaessige Sachen drauf, der Rest aber bangt. Genauso Trae-Mixtape, landet in deiner naechsten Liste hoffentlich weiter vorne.

    Meilenstein kommt uebrigens auch zur rechten Zeit, wo mit 'Houston Rap' der Stadt und ihrer Musik gerade ein ansprechendes Denkmal gesetzt wurde.

    SCREWED 4 LIFE. Wo ist eigentlich Elmo?

  • Vor 8 Jahren

    Falls es jemanden interessiert: Swans - White Light From The Mouth of Infinity ist voll der Meilenstein und so ... wieso ist der hier nicht? ;)