laut.de-Kritik

Zwischen Dota Kehr und Judith Holofernes.

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Das Gefühl von Einsamkeit drängt sich in Zeiten von Corona förmlich auf. Ausgerechnet jetzt erscheint mit "Der Einsamkeit Zum Trotze" Sarah Leschs drittes Album unter eigenem Namen. Dies stellt aber kein Kalkül dar, näherte sich die in Leipzig lebende Liedermacherin mit den rebellischen Dreadlocks dem Alleinsein doch schon im Herbst des letzten Jahres mit der EP "Den Einsamen Zum Troste" thematisch an: Sie interpretierte vier sorgsam ausgewählte Texte von Kollegen wie Konstantin Wecker und Georg Danzer neu und vertonte mit Dota Kehr ein Gedicht von Mascha Kaléko. Nun findet sie eigene Worte.

Album und EP produzierte ihr langjähriger Begleiter Robert Amarell, der eine völlig neue Band zusammenstellte und ihre Lieder arrangieren ließ. Der Longplayer weist eine enorme Bandbreite zwischen Akustik-Pop mit viel Hafen-Akkordeon ("Der Rosa Elefant", "Das Letzte Lied"), leichtfüßigen Flöten ("Sternschnuppe"), countryesken Klängen ("Der Einsamkeit Zum Trotze", "Der Tag An Dem Die Flut Kam"), barocken 60s-Pop-Anleihen ("Das Letzte Lied") polterndem Indie-Rock ("Raum") und traditioneller Liedermacher-Kunst ("Osmotisches Herbstlied", "Tod Eines Freundlichen Riesen", "Geh Nach Haus") auf, die keine Langeweile aufkommen lässt. Der Fokus liegt gleichwohl auf Sarahs Texten.

Dass die 34-Jährige trotz ihrer glasklaren und zuckersüßen Stimme, die an ihr großes Vorbild Dota Kehr erinnert, ihren Scharfsinn nicht verloren hat, hört man schon dem Opener "Der Rosa Elefant" an, wenn sie still das "heitere, heile Familienschauspiel" beobachtet, aber insgeheim "die Messer geschärft" hat, denn am Tisch "sitzt ein riesiger rosaner Elefant". Der könnte vieles versinnbildlichen, etwa die verschwiegenen Probleme innerhalb der Familie. Er könnte aber auch als Metapher dafür stehen, dass das Unausgesprochene an die Oberfläche drängt. Es will gehört werden.

Dabei hatte die Wahl-Leipzigerin ihre Karriere schon fast an den Nagel gehängt. Das permanente Stehen "in der Öffentlichkeit" kostete "enorme Kraft" - vor allem "dann, wenn man mit seinen Seelenthemen auf die Bühne geht", berichtete sie kürzlich der teleschau. Die innerliche Isolierung habe sie "ziemlich verbittert", so Lesch weiter. "Zum Trotz" habe sie "dann weitergemacht", schöpfte nach und nach neuen Mut und bekam wieder eine "Leichtigkeit" zurück, die sie in "Sternschnuppe" nahezu zelebriert.

Zudem lässt es sich in "Beute Im Bauch" auch mal gut "Träume schmeißen", während der Song leichtfüßig vor sich hinschunkelt. Andererseits legen sich über das Werk auch oftmals trübe Gedanken, so dass es alles andere als Fast-Food für zwischendurch darstellt. Man muss sich gefühlsmäßig auf die Platte einlassen und zuhören, was die Liedermacherin zu sagen hat.

Und die hat eine ganze Menge zu sagen, etwa in "Osmotisches Herbstlied". In dem Lied verknüpft Sarah Lesch einsame Herbstbilder in bester Reinhard Mey-Manier mit "Sehnsucht" nach "Alltagsromatik", nur um im hochemotionalen Refrain die richtige Frage zu stellen: "Sind wir denn nur auf dieser Welt als Zaungäste der Endlichkeit?". Das schmerzt und berührt zugleich. Am Ende kommt die Sängerin und Musikerin zur Erkenntnis, dass man nichts "tun" kann, "nur Handschuhe kaufen und Schallplatten hören, versuchen sich auszuruhen", sich also auf das zu besinnen, was man im Hier und Jetzt vorfindet. Den Kopf steckt sie ja ohnehin nicht in den Sand.

Dementsprechend heißt es im Titelstück: "Die Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren und die nächstbeste Zeit ist jetzt". Dafür braucht es auch Verbundenheit, die mehr bedarf "als Verbindungen", so Lesch im Statement auf ihrer Homepage. Verbundenheit benötigt "das Gefühl, gebraucht zu werden, gebunden zu sein, vermisst zu werden und zu vermissen".

Das verdeutlicht "Tod Eines Freundlichen Riesen", wenn die Mittdreißigerin darüber sinniert, wie "es wohl wird", wenn sie ein "altes Herz", das sie "viel zu selten" besucht, "nicht mehr" hat. In "Schwenkgrill" zeigt sie sich dagegen wieder von ihrer entwaffnenden Seite, wenn sie die Einsamkeit in einer schwankenden Beziehung thematisiert und dabei dem Gegenüber den Spiegel vors Gesicht hält: "Ich hab' meinen Leichtsinn wieder, für den waren wir beide zu schwer".

Am Ende des Weges wartet das Glück. Das entgleitet in "Hunger" aber immer wieder in Form einer vermeintlich unerreichbaren Liebe, während intime Piano- und Schlagzeug-Klänge erklingen. "Ich dacht', ich rannte um mein Glück, obwohl es nur für deines war", heißt es zu Beginn. Jedoch nimmt es der Widerpart nicht wahr. Gegen Ende kehrt sich das Verhältnis jedoch um: "Ich lös' mich auf bis du mich siehst". Ob es in dieser schmerzhaft fragilen Nummer ein Happy End gibt, erfährt man nicht.

Wenn Sarah Lesch in "Der Tag An Dem Die Flut Kam" davon singt, die ersten Hürden einer Beziehung erfolgreich hinter sich zu lassen, hört man auch den Wunsch nach Stabilität heraus. "Wir müssen neue Wege finden, es braucht Tränen, Schweiß und Mut und es wär' schön, wenn du dann hier wärst in der Flut", säuselt sie. Es bleibt jedoch im abschließenden "Geh Nach Haus" die Ungewissheit zurück, wenn sie das Gefühl aus der Kindheit einholt, nirgendwo auf dieser Welt zu Hause zu sein. Kein Wunder, sah sich die geborene Thüringerin, die ihre Kindheit ab ihrem fünften Lebensjahr in Schwaben verbrachte, schon früh in ihrem Leben mit den Gegensätzen zwischen Ost und West konfrontiert.

Letzten Endes versteht sie es nicht nur gut, den Finger in die Wunde zu legen, sondern auch ihre verwundbaren Schwächen zu offenbaren. Doch gerade diese Verletzlichkeit trägt dazu bei, Verbundenheit zu schaffen. Vor allem Fans von Dota Kehrs Schaffen und den dunklen Balladen Judith Holofernes' sollten die Platte in ihr Herz schließen.

Trackliste

  1. 1. Der Rosa Elefant
  2. 2. Beute Im Bauch
  3. 3. Osmotisches Herbstlied
  4. 4. Der Einsamkeit Zum Trotze
  5. 5. Tod Eines Freundlichen Riesen
  6. 6. Das Letzte Lied
  7. 7. Schwenkgrill
  8. 8. Hunger
  9. 9. Raum
  10. 10. Sternschnuppe
  11. 11. Der Tag An Dem Die Flut Kam
  12. 12. Geh Nach Haus

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