laut.de-Kritik

Grundsolides Alternative-Rockalbum auf hohem Niveau.

Review von

Der Herr heißt Ryan Adams, das Album ist schlicht "Rock'n'Roll" betitelt - ganz schön selbstbewusst, möchte man sagen. Denn wer würde angesichts dieser natürlich zunächst rein formalen Umstände nicht automatisch den sympathisch zerfurchten Altrocker ähnlichen Namens und dessen Musik assoziieren.

Diese Assoziation ist noch nicht einmal von der dunklen Seite des Mondes hergeholt, denn im Grunde handelt es sich bei den Songs auf "Rock'n'Roll" um eingängige Rockmusik, die sich weder besonders innovativ oder gar sperrig gibt, und von daher, ebenfalls rein formal, nicht weiter von der des Namensvetters und ähnlich gelagerten Konsorten entfernt ist, als das A- vom B-Hörnchen beispielsweise.

Zum Glück gibt es aber doch den kleinen, aber feinen Unterschied. Denn Ryan Adams, der, wie die Legende besagt, über die bisher vier veröffentlichten Longplayer hinaus auf geradezu Unmengen bereits produzierter Songs sitzt, kommt trotz eingängiger Kompositionen und zeitgemäßer Produktion ganz offensichtlich aus dem Lager der Indie-, Alternative-, oder wie man es sonst nennen möchte-Rocker. Und hat auf sehr angenehme Art einen unterschwelligen Tiefgang im Programm, der einem beim ersten Hören zunächst zu entgehen droht. So easy perlen die meist im Midtempo gehaltenen Tracks aus den Boxen.

Lediglich das famose "Note To Self: Don't Die" langt ab und an etwas deftiger zu, und auch auf "1974" wird ordentlich abgerockt (wenn auch nicht wirklich gehardrockt). Ansonsten geht es meistens recht zahm zu in Sachen Härte, zumindest für ein Album, das einen solch stolzen Titel trägt. So what, hart rocken ist schließlich nicht gleich gut rocken, und die Qualität von Adams Songs liegt eben nicht in ihrer Wildheit, sondern vielmehr in ihrer Eingängigkeit (= Catchyness, nicht Belanglosigkeit) und der Abgeklärtheit, mit der sie vorgebracht werden, begründet. In gewisser Weise könnte man Ryan Adams durchaus in der Nähe klassischer Singer/Songwriter sehen, ebenso aber auch in der Nähe U2s oder Tom Pettys, nur halt ca. 77 Jahre jünger und frischer. Denn eines ist nach dem Hören von "R'n'R" klar: Der Mann schert sich einen rechten Scheiß drum, ob man seinen Songs anhört, was bei ihm so zu Hause in der Plattenkiste rumsteht.

So lässt Ryan zum Beispiel auf "Anybody Wanna Take Me Home" den Smiths-Fan mal so richtig raus. Das gilt sowohl für das offensichtlich J. Marr-inspirierte Gitarrenspiel wie auch für das Morissey nicht ganz unähnliche Geflöte im Gesang. Nur dass Adams vielleicht ein paar Zigaretten und Whiskeys mehr in der Stimme hat. "So Alive" stürmt dann erfurchtslos das U2-Stadion, und "This Is It" könnte locker als Zoot Woman - Cover durchgehen, bis seine Stimme dann doch zu Muse überschnappt. Und bei "Boys" wird halt ungeniert gefoofightered. Normalerweise kann ich so was ja nicht haben, aber auch hier ist die Selbstverständlichkeit, mir der Adams die fremden Stile angeht, Gold wert. Hat man den Umstand erst mal gefressen, macht es ziemlich Spaß, die Platte am Stück durchzuziehen, die trotz einheitlichem Flow durch Vielfalt in der fröhlichen Einfalt nie langweilig wird.

Kritisch anzumerken ist vielleicht noch, dass zwar alle Songs ein sehr gehobenes Qualitäts-Level in Songwriting und Vortrag nicht unterschreiten, es aber auch nur wenige Ausreißer nach ganz oben gibt. Neben dem bereits erwähnten "Note To Self ..." taugt mir persönlich eigentlich nur noch "Do Miss America" zur Aufnahme auf die im Zwei-Wochen-Turnus erstellten Auto-Cassette. Doch da stellt sich halt die Frage, was man lieber hat: Ein Album mit ein bis zwei Hits und sonst einem Haufen Schund (wie man das ja zur Genüge kennt) oder ein grundsolides Rockalbum auf gleichbleibend ordentlichem Niveau. Da ich eher zu den Albumtypen gehöre, die sich Hits gerne auch mal auf einer 7ner holen, bin ich mit "R'n'R" rundum gut bedient und versteige mich zu der Prophezeiung, dass wir von Ryan in Zukunft noch eine ganze Palette guter Scheiben zu erwarten haben.

Trackliste

  1. 1. This Is It
  2. 2. Shallow
  3. 3. 1974
  4. 4. Wish You Were Here
  5. 5. So Alive
  6. 6. Luminol
  7. 7. Burning Photographs
  8. 8. She's Lost Total Control
  9. 9. Note To Self: Don't Die
  10. 10. Rock N Roll
  11. 11. Anybody Wanna Take Me Home
  12. 12. Do Miss America
  13. 13. Boys
  14. 14. The Drugs Not Working

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