laut.de-Kritik

50% von Talk Talk machen ein Bowie-Album.

Review von

Ein Album als perfekte Fata Morgana: Von Beginn an wirkt "Drift Code" entrückt. "Vanishing Heart" fließt als weiches, warmes Bächlein ins Ohr. Sacht wie schwacher Pulsschlag deutet sich der Rhythmus an. Mondscheinriff und nachtblaue Orgel fließen fragmentarisch ein. Umfangen von diesem Geflecht taucht ein intensives Timbre auf. 'Der Thin White Duke ist auferstanden!' blitzt es reflexhaft durch des Hörers Kopf. Die Illusion gerät perfekt, nahezu magisch. "It feels so good to be alive ... haha-haha!"

Doch die Stimme gehört nicht David Bowie, sondern Paul Douglas Webb alias Rustin Man alias ein Viertel von Talk Talk. Es mussten 16 Jahre vergehen, bis Webb sich nach der Kollabo mit Portisheads Beth Gibbons auf "Out Of Season" wieder zu einem Soloalbum aufraffen konnte. In Verschrobenheit wie Zurückgezogenheit liegt er mit seinem Ex-Kollegen, dem Talk Talk-Sänger Mark Hollis fast gleichauf. Damals vermied der scheue Schöngeist bewusst den Einsatz der eigenen Stimme.

Für "Drift Code" überwand er die quälend dominante Schüchternheit erstmals. Dabei erschöpft sich der natürliche Klang seines angenehmen Organs nicht lediglich in bowiesken Augenblicken. Zwischendurch erinnert die Färbung ebenso deutlich an frühe Soft Machine bzw. deren Robert Wyatt. Webbs Eigenständigkeit schmälert sich dadurch nicht im Geringsten. Zahllose, teils flüchtig mit Diktiergerät aufgezeichnete Grundideen aus 25 Jahren bilden den Kern dieser neun detailverliebten Lieder.

Um das Sammelsurium adäquat, ohne jegliche Hemmung umsetzen zu können, bastelte er sich seinen ganz eigenen, märchenhaften Rahmen aus Abgeschiedenheit, Familie und Freundschaft. So erstand er eine alte Scheune, abgeschieden auf dem Land in Essex County, und baute sie zum schicken Tonstudio um. Während des kreativen Prozesses wohnten er nebst Gattin Sam (die auf "Judgement Train" singt) sowie beiden Töchter in dem gemütlichen Anwesen und schufen eine Mischung aus Musik-Oase und Cottage. "Es sollte nicht nur Arbeitsraum sein, sondern ebenso Lebensraum. Also richteten wir das Ganze mit Statuen, Lichterketten usw. ein. Ich glaube, wenn man dort, wo man Musik macht, eine magische Atmosphäre erschafft, spiegelt sich das in der Musik wieder."

Dabei entstand eine ebenso intime wie intensive Aura. Gegensätze wie ein Hauch 40er Jahre Swing, sphärische Klanglandschaften, weitläufige Melodiebögen und sanfter Psilotrip vereinigen sich zu in sich ruhender Entschleunigung. Fast alle Instrumente spielt Rustin Man allein ein. Nur für das Schlagzeug angelt er sich den alten Kumpel Lee Harris, seines Zeichens ehemaliger Talk Talk-Drmmer. Damit vereinen sich nach so langer Zeit immerhin 50% der kultisch verehrten Mutterband.

Auch textlich stellt Webb unter Beweis, dass Hollis nicht der einzig wahre Künstler bei Talk Talk war. Einerseits bietet Webb magischen Realismus auf, dessen Storytelling mit göttlichen Gestalten, satanischen Geschöpfen sowie allerlei mysteriösen Kräften ringt. Andererseits setzt er konkrete Themen wie melancholische Verlustgefühlen einer Generation zwischen Gestern und Moderne in Szene.

"Martian Garden" etwa kreist um seine Nachbarn, die Dorfbewohner, deren gewohnte Welt zwischen Landflucht und Digitalisierung erst verwaist, dann zerbröselt. Sensibel und intelligent stellt er nicht den Fortschritt selbst in Frage, wohl aber manch überflüssige Auswirkungen wie das Verschwinden lieb gewonnener Errungenschaften oder Gewohnheiten.

Eingebettet in wehmütig psychedelischen Artpop gelingt ihm zeitkritische Philosophie. Nebenbei klingt das Stück wie ein Kind von Bowies "All The Madmen" und "After All". Angesichts des hohen Qualitätspegels kann man nur hoffen, dass es nicht wieder ein Vierteljahrhundert bis zum nächsten Lebenszeichen dauert.

Trackliste

  1. 1. Vanishing Heart
  2. 2. Judgement Train
  3. 3. Brings Me Joy
  4. 4. Our Tomorrows
  5. 5. Euphonium Dream
  6. 6. The World's in Town
  7. 7. Light The Light
  8. 8. Martian Garden
  9. 9. All Summer

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