Sechs Alben, sechs Verwandlungen: Michael Schuh und Alex Klug blicken zurück auf eine Karriere, die Kommerz und Experiment vereinte.

Konstanz/Köln (laut) - Die Hoffnung, sie war nie wirklich weg, denn: Es könnte ja passieren. Wer, wenn nicht er? Er würde es so machen wie Beyonce und Bowie. Keine Ankündigung, und über Nacht der lapidare Satz: Mark Hollis hat ein neues Studioalbum verfügbar gemacht.

Das wäre vorstellbar gewesen, wenn auch nicht, weil der Brite damit wie die anderen Musiker auf den größtmöglichen Effekt abzielte, sondern um gleich wieder in Ruhe gelassen zu werden. Endlich, hätten dann alle geschrieben, Mark Hollis, der legendäre Sänger der 80er Jahre-Kultband Talk Talk, Genie im selbstgewählten Exil, veröffentlicht die ersten Songs seit zwei Jahrzehnten - aber Vorsicht, sie klingen nicht wie "Such A Shame".

Was natürlich ein unglaublich alberner Zusatz ist, aber die erste Hollis-Veröffentlichung im sensationsgetriebenen Social-Media-Zeitalter hätte entsprechend emotional rüberkommen und an seine Klassiker andocken müssen. Zumal sich das neue Zeug ja sowieso kein Fortysomething freiwillig angehört hätte, der 1984 begeistert "Such A Shame" und "It's My Life" gekauft hat. Und während Hollis sofort wieder in seine Offline-Welt entschwunden wäre, hätte sich die vergleichsweise überschaubare Menge der Enthusiasten, die die letzten beiden Talk Talk-Alben "Spirit Of Eden" (1988) und "Laughing Stock" (1991) vergöttert, in diese neuen Songs lechzend hineingekniet.

Doch es wird nicht mehr geschehen, Mark Hollis ist nach kurzer schwerer Krankheit im Kreise seiner Familie gestorben. Er hinterlässt ein beeindruckendes Gesamtwerk, das Kommerzialität und Experimentierfreude vereint. Der berühmte Song "Such A Shame" muss oft als belächelter Gegenpol zu den späteren, vermeintlich ernst gemeinteren Jazzrock-Exkursen seiner Band herhalten. Dabei lag genau in dieser stilistischen Ambivalenz die Faszination. Die kaum fassbare Verwandlung, die das Londoner Trio mit seinem vierten Studioalbum Ende der 80er durchführte - ist es vermessen, sie mit jener der Mutter aller Popbands aus Liverpool zu vergleichen? Liegen zwischen "Love Me Do" und "I Want You (She's So Heavy)" nicht auch Welten (und ebenfalls sechs Jahre)?

Talk Talk beschritten einen Weg, den sich seither kaum jemand zu gehen traute: Eine Flucht aus jeglichen musikwirtschaftlichen Zwängen in die völlige Improvisation, von Spandau Ballet zu Stockhausen. Dass Hollis anschließend knapp zwei Jahrzehnte als Künstler verstummte, ist das krönende Finale dieser Saga der Sydbarrettisierung. Grund genug, noch einmal alle Album-Stationen genauer zu betrachten. Fünf Talk Talk-Studioalben sowie das einzige und letzte Soloalbum von Hollis pflastern diesen Weg. Viel Spaß!

Alle Studioalben im Check

Zwei Dekaden lang entzog sich der Nonkonformist dem Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Und doch blieb es all jenen, die noch zu Lebzeiten Zeuge seiner musikalischen Anmut wurden, mehr als 20 Jahre ein hoffnungsstiftendes Mantra: Mark Hollis ist noch irgendwo da draußen – und zementiert mit jedem verstrichenen Tag seinen Status als größte Anti-Popikone aller Zeiten. Das ist nun vorbei.

Doch wie untätig war der 64-Jährige wirklich? Neben einem UNKLE-Gastbeitrag und einer Zusammenarbeit mit Anja Garbarek gab es nur weniges, was der vermeintlich Verschollene nach draußen diffundieren ließ. Doch nun geht die Geschichte um, Hollis sei noch 2014 nach Berlin gereist, um sich unter anderem mit Wim Wenders zwecks Soundtrack-Verhandlungen zu treffen, wie das rbb-Programm Radioeins gestern berichtete.

Dass Hollis seine Unscheinbarkeit perfektioniert hat, zeigt die Story hinter dieser Begebenheit: Demnach fand das Treffen einen Tag vor der Verleihung des Echos statt. Dutzende Musik- und Medienmacher fluteten das Grill Royal, ohne den unscheinbaren Briten im Sixties-Mod-Outfit eines Blickes zu würdigen. Hollis blieb unerkannt - und es ist nicht auszuschließen, dass er daran verdammt viel Freude hatte.

Die Zusammenarbeit mit Wenders kam nie zustande. Zu wenig greifbar, zu reduziert, sei das wenige Material gewesen, über das Hollis also offenbar verfügte. Ob es also wirklich noch eine Unterbietung des einzigen Soloalbums gibt und ob diese nach Berlin jemals (wieder) zu hören sein wird: ungewiss. Zu hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Hollis nach schlechten Erfahrungen mit Reißbrett-Label-Compilations in seinem Testament kafkaeske Verschluss- oder gar Zerstörungsmaßnahmen angeordnet hat.

Schließlich ist die Musik des Mark Hollis das Gegenteil von algorithmisch gesteuerten Filterblasen. Und womöglich hätte es doch nicht richtig funktioniert mit dem Überraschungscoup im Netz. Denn das Internet von heute ist laut, und Hollis mochte es seit jeher still. Die Stille, die vorgestern eingetreten ist, war nicht die, die wir uns von ihm gewünscht haben.

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8 Kommentare mit 8 Antworten, davon einer auf Unterseiten

  • Vor 2 Monaten

    Sehr schöner Text. Nur über die Bewertungen lässt sich genüsslich streiten.

    "The Party's Over" und "It's My Life" hätte ich einen Punkt schlechter bewertet. Das erste Album ist unspektakulärer Synthiepop mit 2 bis 3 netten Tracks, wie es ihn in den 80ern überall gab. Das zweite hat zwar grandiose Singles abgeworfen und mit "Renée" ein schönes schwelgerisches und melancholisches Stück, aber es deutete die Klasse ihres Meisterwerkes "The Coulour Of Spring" (5/5) erst an.

    Das lebt nämlich von einer tollen luftigen Instrumentierung und genialen Arrangements sowie Hollis' emotionale Ausnahmestimme. Ein perfektes Pop-Album, das so gut wie keine Schwachstelle besitzt, bis auf das zu sperrige "Chameleon Day" vielleicht, aber das verweist schon auf "Spirit Of Eden", das ich eher im Art-Rock der 80er-Jahre verorte, wobei ich Talk Talk ihren Pionierstatus gar nicht absprechen will. In einer etwas getrübteren Stimmung ist das Album für mich pures Gold.

    Aber es gab schon davor Alben, die von einer reduzierten Klangästhetik und von sparsamer Instrumentierung lebten, etwa "Sleeps With The Fishes" von Pieter Nooten und Michael Brook (unbedingter Tipp!) und "Secrets Of The Behive" von David Sylvian.

    Jegliche Vergleiche schüttelten sie aber dann mit dem natürlicheren und erdverbundeneren "Laughing Stock" ab, das sich zunehmend offener gestaltete und noch mehr atmete. Mit "Mark Hollis" kann ich manchmal nicht viel anfangen, weil es mir zu ruhig geraten ist, aber gerade das macht den Reiz dieses Werkes aus. Im Grunde ein tolles Nachtalbum, das sich am besten in völliger Dunkelheit genießen lässt.

    • Vor 2 Monaten

      Ach ja, meine derzeitige Bewertung:

      "The Party's Over" (2/5)
      "It's My Life" (3,5/5)
      "The Colour Of Spring" (5/5)
      "Spirit Of Eden" (4/5)
      "Laughing Stock" (4,5/5)
      "Mark Hollis" (3,5/5)

      Kann sein, dass das in ein paar Jahren ganz anders aussieht. Jedes Album lebt schließlich von einer ganz eigenen Stimmung.

    • Vor 2 Monaten

      The Colour Of Spring war auch einst mein Favorit, denn Arrangements und Instrumentierung - ausgenommen die Drums - sind gut. Jetzt kommt für mich das große Minus und das ist wie schon angedeutet der monotone Drum-Sound, der dann doch an die 80er erinnert. Immerhin wirkt es etwas natürlicher oder organischer als auf It's My Life.
      Völlig zeitlos kommt dagegen der lässig improvisierte Stil von Spirit Of Eden und Laughing Stock daher, zumindest wenn man wie ich gerne Jazz hört.

  • Vor 2 Monaten

    "Zu hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Hollis nach schlechten Erfahrungen mit Reißbrett-Label-Compilations in seinem Testament kafkaeske Verschluss- oder gar Zerstörungsmaßnahmen angeordnet hat."

    Bis dahin ist der "Nachruf" ja gelungen und ich wollte schon den Klug wegen seiner Klugheit feiern, aber ich frage mich ernsthaft wo da wieder der Schuh gedrückt hat?

    Das wahrscheinlichste Szenario was beim Hollis wohl auch zutrifft für sein aufhören/sich zurück ziehen ist, überspitzt gesagt, der beliebte Mittelfinger. In Folge dessen hatte er dann einfach nichts mehr auf Lager oder zu Ernten, da er den Ackerbau still legte. Also recht profan alles. Oder hat einer zum recherchieren die Witwe interviewt? Poltern gehört ja auch zum Geschäft und so eine Legende hört sich ja nett an, nur dem Hollis wäre das sicher nicht recht. Fragen kann man ihn ja leider nicht mehr.

    Die Geschichte mit Wenders ist allerdings schade und neu, nach meiner Meinung der beste deutsche Filmregisseur und seit Paris/Texas auch bezogen auf Musik/Soundtrack, recht gut unterwegs. Wenn Hollis was liefern hätte können, wäre das bestimmt toll geworden.

    • Vor 2 Monaten

      Was anderes, die 88er Veröffentlichung von Spirit of Eden, hört sich "geerdeter" an, als die 97er Remaster die im Stream zu finden ist. Höre ich das richtig?

    • Vor 2 Monaten

      Ohne Scheiß, die 88er Fassung ist erschreckend besser als der 97er Stream. Unfassbar der dynamische Druck (mein Kopfhörer hüpft) der am Ohr anliegt. Selbst die Arschhaare feiern das und stellen sich Kerzengerade auf, kann nicht gescheit sitzen. ;)

      Wer hat das Remaster verbrochen? Standesrechtlich und so..... ;)

    • Vor 2 Monaten

      Schwurbel schwurbel

    • Vor 2 Monaten

      Stirbt laut.de eigentlich gerade oder sind derzeit alle in Gauger-Paralyse?

      Naja, egal, hier drölfzig Links zu mäßig talentierten Frauen, die rappen:

    • Vor 2 Monaten

      Naja, laut ist doch sowieso nurnoch am Dahinsiechen, seit r1er und seine Schergen hier Jeden mundtot machen, der Ihnen nicht in den Kram passt.

    • Vor 2 Monaten

      Jüngst ist es aber besonders still geworden. Außer dem Souli-Faden ist eigentlich nichts passiert und die letzten Tage hab' ich vergebens auf Refresh gedrückt, ohne irgendetwas Interessantes von Userseite zu finden.

  • Vor 2 Monaten

    schöner Beitrag und ein Beweis, wie man mit vielen Worten es nicht schafft die Würde annähernd auszudrücken, die Mark Hollis verkörpert hat.