laut.de-Kritik

Dance-Musik in seiner modernen Perfektion - ein Meisterstück.

Review von

Die vergangenen Jahre waren für Marius Lauber äußerst arbeitsintensiv, veröffentlicht er bereits sein drittes Album innerhalb einer halben Dekade. Nach seinem zeitlosen und homogenen Debüt und dem erzählerischen Nachfolger "Young Romance" zieht es Roosevelt zurück auf die Tanzfläche. Im Interview verriet er uns, dass "Polydans" für die unterschiedlichen Facetten von Dance-Musik steht, und das ist ihm auch ganz wundervoll geglückt auf seinen zehn abwechslungsreichen Songs. Jeder davon zitiert eine gewisse Ära und große Namen, bei dem sich Lauber aber treu bleibt. Ein Drahtseilakt, den er mit großer Leichtigkeit vollführt.

Das bombastische "Easy Way Out" eröffnet mit breiten Bläsern und wandelbaren Beats. Der erhabene Hauch von Justice weht durch die Produktion, wenn eine verzerrte E-Gitarre samt Solo auf helle Synthies treffen. Beim darauffolgenden "Strangers" bleiben wir auch gleich im French House. Schmeichelnd, butterweich, legere Funkyness, windige Streicher und ein dramaturgischer Aufbau ergeben Roosevelts "Get Lucky". Ein unaufgeregter Hit, an dem Nile Rogers von Chic seine wahre Freude hätte.

Der Funk bleibt bei "Feels Right" erhalten, der das Tempo etwas anzieht und an Laubers frühere Tage erinnert, insbesondere an "Montreal". "Echoes" schlägt in dieselbe Kerbe, beherbergt aber das breitere Klangspektrum: fiepende Sounds, Melodiekaskaden, druckvoller Bass. Funkelnde Dance-Perlen made in Germany, die man schmerzlich vermisst hat.

Des Weiteren findet man auf "Closer To My Heart" verträumten 70er Yacht-Rock, der ein bisschen nach Highschool-Romanze schmeckt, dabei aber nicht für einen Zuckerschock sorgt. Da wippt man vergnügt mit dem Kopf und schlürft einen Mojito.

"Lovers" nimmt derweil eine Abzweigung Richtung New Wave und Synthpop mit einer Prise Pet Shop Boys. Der vielleicht einfachste und schmuckloseste Song auf "Polydans". Das unterkühlte "Forget" fängt das jedoch lässig auf durch einen simplen Moog-Synthesizer-Loop und einen dreckigen Beat ab der Mitte.

Der Rest des Albums fällt recht technoid aus, bei dem das Instrumental "Montjuic" besonders hervorsticht. Es rollt bedrohlich aus den Boxen dank düsterer Cyberpunk-Synthies und schwerem Beat, am Ende setzt die Distortion bis zur Unkenntlichkeit ein, während ein wildes Schlagzeugspiel ertönt. Ein Schelm, wer dabei an "Contact" von Daft Punk denkt. Cleveren Deep House serviert "See You Again", bei dem man sich sehnlichst in einen Club versetzt wünscht, und das elegische "Sign" legt einen Teppich aus weichen Synthies zum Ausgang, bei dem sich mehrere Ton- und Gesangsspuren übereinander lagern.

Was bei allen Alben des Deutschen gleichbleibt, ist sein Gesang. Diesen legt er bewusst in den Hintergrund seiner Songs und verpasst ihm einen leichten Reverb-Effekt, so dass er eher wie ein weiteres Instrument fungiert. Dazu bleiben die Lyrics auf einem oberflächlichen Niveau, was aber nicht schwer ins Gewicht fällt, da die ausdifferenzierten Produktionen und der Spaß am Tanzen im Fokus stehen.

"Polydans" glitzert, strahlt und bringt Freude. Es taut die pandemisch eingefrorenen Endorphine auf und verwandelt das eigene Wohnzimmer in eine Tanzfläche. Roosevelt malt seine eingängigen Melodien stets mit einem feinen Pinsel der Melancholie aus, wodurch sich seine Musik so vertraut und richtig anfühlt. Das alles wird noch gewichtiger, wenn man sich vor Augen führt, dass er alle Instrumente selbst eingespielt und das Album alleine produziert hat, was "Polydans" einen ungemein frischen Touch verleiht. Es ist Dance-Musik in seiner modernen Perfektion und mit Abstand das Beste, was Deutschland im Bereich elektronischer Musik derzeit zu bieten hat – ein Meisterstück.

Trackliste

  1. 1. Easy Way Out
  2. 2. Strangers
  3. 3. Feels Right
  4. 4. Closer To My Heart
  5. 5. Montjuic
  6. 6. Forget
  7. 7. See You Again
  8. 8. Lovers
  9. 9. Echoes
  10. 10. Sign

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9 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor einem Monat

    "Mit Abstand das Beste, was Deutschland im Bereich elektronischer Musik derzeit zu bieten hat"? Irre steile These, die, wenn man sich dieses Album anhört, schnell zur Beleidigung mutiert. Sorry, aber man muss als Fan elektronischer Musik kein selbsternannter Realkeeper sein, um das kacke zu finden.

  • Vor einem Monat

    Also für ein „Meisterstück“ müsste jeder Song ein Knaller sein. Das ist m.E. nicht der Fall und daher hinkt Marius Lauber hier seinem Debüt hinterher. Aber stark ist es dennoch und nach dem eher poppigen (aber auch guten!) „Young Romance“ hat dieses Album doch wieder mehr spannende Facetten. Man kann nur den Hut vor Lauber ziehen, dass er das alles selbst eingespielt und produziert hat. Aus meiner Sicht bietet er internationales Top Ni wau und es gibt nicht viele deutsche Künstler, die das erreichen. „Feel‘s Right“ und „Strangers“ gehören dabei zu meinen persönlichen Favoriten und machen Bock auf Frühling und ein oder auch zwei Gin Tonic auf der Terrasse:-)