laut.de-Kritik

Achtung: Hochinfektiöser Indie-Pop!

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Die Hysterie ist nun auch in Deutschland angekommen. Ein eher dröger Virus mit vergleichsweise geringer Sterblichkeitsrate sorgt für Panikkäufe und ausgerechnet Nudeln, noch in Zeiten der Ernährungsoptimierung als Dickmacher verschrien, erleben aktuell eine Rückkehr als das neue Gold der Prepper-Gesellschaft. Doch wer kümmert sich um die Psyche im andauernden Alarm-Zustand? Die Empfehlung an dieser Stelle: Das neue Album von Real Estate, ihre zuverlässige Indie-Pop-Band für Wohlbefindlichkeit und Entspannung seit 2009. Aber Achtung: hochinfektiös!

Alleine die Motive der letzten Albumcover riefen Geräusche wie Meeresrauschen und Möwenklänge hervor. Doch mit dem sechsten Album versucht man dem Vorwurf von Stillstand und zunehmender Beiläufigkeit etwas entgegen zu setzen. Gerade auf "In Mind" von 2017 geriet der mittlerweile perfektionierte Jangle-Edel-Pop etwas zu nett. "The Main Thing" bemüht sich hörbar um neue Wege.

"Paper Cut" geht gleich mit World Music-Grooves, Moog-Sound und Easy-Listening-Streich-Orchestrierung voran. So viel Uptempo gab im verträumten Band-Oeuvre selten, fast möchte man Tame Impala rufen. Doch wo die Australier um Sänger Kevin Parker mittlerweile genau umgekehrt in Richtung Yacht-Pop abbiegen, erlauben sich Real Estate psychedelische Ansätze in "Also A But". Der hektische Drum-Sound am Ende erinnert so gar nicht mehr an den Strandkorb am Ozean oder Art-Rock à la Genesis.

Das etwas ziellose Instrumental-Stück "Sting", letztendlich nur ein Lückenfüller, um "Silent World" einzuleiten, wirkt dagegen künstlich aufgesetzt. Im Vordergrund bleiben die auf den ersten Blick unspektakulären Songs, deren makelloses Arrangement erst später auffällt. So ruhig Lieder wie "Procession" auch sind, deren Inszenierung lässt keine Langeweile aufkommen. Beach Boys- und Air-Referenzen ergeben selbst für Unkundige der Naturwissenschaft eine perfekte Zusammensetzung für einen Sommertag, weitab von Lärm und Aufgeregtheit.

Wer nur nach Triggerpunkten für die ständige Empörung im eigenen Leben sucht, schaltet hier sicherlich weg. Für den Rest scheint die Sonne in "Shallow Sun", dass melancholisch und doch leicht über die Wellen des Pazifik hinweg schwebt. Etwas hippiesk hingegen geraten die Texte: "The days were long / When we were young" klingt schon gefährlich nach Dad-Rock und Anti-Atomkraft-Metaphern ("Floating atop a mushroom cloud"). Da würde man wohl selbst bei Fridays For Future die Nase rümpfen.

"The Main Thing" ist, dass die Band überhaupt noch existiert nach dem Rauswurf von Gitarrist Matt Mondanile wegen Vorwürfen bezüglich sexueller Belästigung. Diese Qualitätsmusik darf einen gerne auf die berühmte einsame Insel begleiten, oder eben in die wochenlange Quarantäne.

Trackliste

  1. 1. Friday
  2. 2. Paper Cup (Ft. Sylvan Esso)
  3. 3. Gone
  4. 4. You
  5. 5. November
  6. 6. Falling Down
  7. 7. Also A But
  8. 8. The Main Thing
  9. 9. Shallow Sun
  10. 10. Sting
  11. 11. Silent World
  12. 12. Procession
  13. 13. Brother

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