laut.de-Kritik

Sommer, Sonne, Kaktus: unverschämt elegant.

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Unlängst ließ Kevin Parker in einem Interview verlauten, einen "zuckrigen Popsong zu schreiben, sei für ihn das Yin zum Yang des psychedelischen Rock". In den letzten Jahren standen die musikalischen Lebenszeichen dabei allerdings derart eindeutig auf Yin, dass man um das seelische Gleichgewicht des Tame Impala-Masterminds doch ein wenig Sorge haben musste.

Ein halbes Jahrzehnt ist mittlerweile auch schon wieder vergangen, seit das fantastische Currents Parkers Weg vom verschrobenen Hendrix-Nostalgiker zum internationalen Popstar einläutete. Der arbeitet mit reichweitenstarken Künstlern wie Travis Scott oder Lady Gaga zusammen, andere Popgranden wie Rihanna covern ihn. Anders als bei der Hundertachtzig-Grad-Wende von vor fünf Jahren, fällt die Veränderung diesmal wesentlich subtiler aus.

Die Vorab-Singles haben schon deutlich aufgezeigt, dass der selbsternannte "chronische Nostalgiker" auf dem vierten Album seines Projektes dem Siebziger-Jahre-Synthpop treu bleibt. Was auf "Currents" allerdings noch schlank und zurückgenommen daherkam, spielt "The Slow Rush" nun weitaus vielschichtiger und flächiger aus.

Am Beispiel der letzten Single "Lost In Yesterday" meint man ziemlich deutlich herauszuhören, dass Parker seinen Wohnsitz zwischen beiden Alben von Australien nach Los Angeles verlegt hat. Das Sounddesign lehnt sich an eine Stilrichtung an, die in den Siebziger Jahren an der Westküste der USA entstand und für die vor einigen Jahren die etwas abwertende, aber ungemein treffende Bezeichnung des "Yachtrock" erfunden wurde. Die Synthesizer-Klänge am Anfang des Stückes erinnern an Möwenschreie, die kommenden vier Minuten kommen beeindruckend smooth, sonnig und vor allem lässig an die Reling gelehnt daher.

Dabei erscheint die Vorstellung, dass Parker das Album bei einem Spaziergang über den Sunset Boulevard konzipierte, einigermaßen absurd. Der Musiker ist bekannt als krampfhafter Perfektionist, als einer, der sich über Wochen im heimischen Studio einschließt, wo er seine Alben im Alleingang schreibt und aufnimmt. Ähnlich wie beim großen Einzelgänger Prince vergisst man dieses akribische Vorgehen leicht, so grundentspannt und aus der Hüfte geschossen klingt das Endergebnis.

Was musikalisch fast schon als Easy Listening-Erlebnis konsumiert werden könnte, offenbart allerdings mehr musikalische Tiefe als es mancherorts scheint. Wer genau hinhört, der oder die wird immer wieder anerkennend den Hut davor ziehen, wieviele Ideen, Entwicklungen und Wendungen Parker auf Songs wie "Instant Destiny" aus relativ einfachen Grundmotiven herausholt.

Im starken Kontrast zur schillernden Fröhlichkeit und der vermeintlichen musikalischen Oberflächlichkeit stehen die persönlichen Texte des Albums. Auf dem brillanten "Posthumous Forgiveness" adressiert Parker seinen verstorbenen Vater. Im ersten Teil noch als eine Anklage an die übermächtige autoritäre Vaterfigur gehalten, schlägt der Song nach einem Break zur Mitte hin musikalisch wie textlich melancholischere und versöhnlichere Töne an. Das Bedauern des Sängers, dass der zweifelnde Parker sr. den Weg seines Sohnes zum erfolgreichen Musiker nicht mehr miterlebt hat und es zeitlebens zu keiner Aussprache mehr kam, stellt den emotionalen Höhepunkt der Platte dar.

Doch auch anderweitig herrschen eher nachdenkliche Töne vor. Musikalisch stellt "It Might Be Time" die Rückkehr zu Strand und Segelboot dar, textlich gibt es aber eher die (glücklicherweise selbstreflektierte) vorgezogene Midlife-Crisis. Fans der ersten Stunde dürften sich übrigens freuen, dass hier alte "Lonerism"-Drumpatterns entstaubt werden, während die Hip Hop-affine Fraktion amüsieren könnte, dass Parker soundtechnisch nach einigen boogieartigen Synthies zwischenzeitlich sogar in G-Funk-ähnliche Gefilde abdriftet.

... und dann steht da natürlich noch das "Let it Happen", der funkelnde Popdiamant eines Albums, dessen offensichtliche Hitdichte sonst eher gering bleibt. Mit federnden Synthies, gedämpften Drums und treibendem Bass bündelt "Borderline" den smoothen und geschliffenen Retrochic des Albums auf viereinhalb Minuten pure Eleganz.

Wie ein langer Tag in der Sonne, macht auch "The Slow Rush" zum Ende hin ein bisschen rammdösig. Trotzdem, und auch wenn einem so manche Gesangslinie nach vier Alben vielleicht doch ein bisschen bekannt vorkommt, zeigt das Erfolgskonzept Tame Impala noch keine Abnutzungserscheinungen. Dazu trägt in erster Linie die einmal mehr fantastische Produktion bei. Der perfektionistische Soundästhet Parker schafft mit "The Slow Rush" ein zurückgelehntes, vielschichtiges und vor allem ein unverschämt elegantes Album.

Trackliste

  1. 1. One More Year
  2. 2. Instant Destiny
  3. 3. Borderline
  4. 4. Posthumous Forgiveness
  5. 5. Breathe Deeper
  6. 6. Tomorrow's Dust
  7. 7. On Track
  8. 8. Lost In Yesterday
  9. 9. Is It True
  10. 10. It Might Be Time
  11. 11. Glimmer
  12. 12. One More Hour

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