laut.de-Kritik

Rammstein sind für alle da, auch für dich!

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YOLO! Und ROLO sowieso. Rammstein haben ausgesorgt und genießen ihre künstlerische Freiheit. Das erste Album seit zehn Jahren ist mit Abstand das tanzbarste und humorvollste der Band geworden. Trotzdem festigt die Band mit dem unbetitelten Werk ihre Marke. Denn klar ist: Wer singt "Wir lieben das Leben", der liebt auch die Liebe und die Lust – letztere gerne im SM-Style.

Ja, richtig gelesen. Rammstein teilen sich eine Liedzeile mit "Viva Colonia". Im selben Song heißt es auch: "Wir leben nur einmal". YOLO, eben. Auch zu "Sex" schunkelt und grölt es sich hervorragend. Nur an Gott glauben die Berliner noch immer nicht. "Zeig Dich", kommandieren sie zynisch gen Himmel und weisen anklagend auf die Sünden der Verkünder am Boden, die "aus Versehen sich an Kindern vergehen".

Gleich darauf rammt die Faust zum Ballermann-Beat in zwei Wunden gleichzeitig: Fremdenhass und Sextourismus. Till Lindemanns "Ausländer" trägt kein Kopftuch, keinen Turban. Er ersteht vor dem inneren Auge als biodeutscher Sockensandalist, der zum Ficken jedes Jahr nach Thailand fährt. Von seinem aus "Pussy" bekannten Kollegen unterscheidet diesen Gesellen jedoch, dass er nicht nur plump mit seiner Bratwurst wedelt, sondern mehrsprachig wortgewandt verführt: "Wenn die Sonne untergeht und man vor Ausländerinnen steht / Ist es von Vorteil, wenn man dann sich verständlich machen kann."

So ist man erst einmal hin- und hergerissen, ob man den in Rammsteins Utopie mit internationalem Pass von einem One-Night-Stand zum nächsten tingelnden Protagonisten für seine triebgesteuerten Taten verabscheuen oder ihn wegen löblicher Maßnahmen zu Völkerverständigung und Abbau bzw. Umkehrung von Vorurteilen sympathisch finden soll. Zum Glück macht die Band die Entscheidung mithilfe einer üppigen Portion Humor obsolet. Die sickerte wohl von Lindemanns Soloausflügen in die Hauptband. "Ich bin Ausländer / mi amor, mon chéri / Ciao ragazzi, take a chance on me", kauderwelscht der Sänger im Refrain, um die Casanova-Kompetenzen zu veranschaulichen. "Come on baby, c'est la vie / Du kommen mit, ich dir machen gut."

In "Tattoo" setzen Rammstein noch eins drauf und veralbern voreilige Hautverzierungen: "Deinen Namen stech' ich mir / Dann bist du für immer hier / Aber wenn du uns entzweist / Such ich mir jemand, der genauso heißt." Doppelten Boden sucht man in diesem Song vergeblich. Hier genießt Lindemann nur, Kraft seiner Worte ein harmloses Phänomen zu martialisch inszeniertem Masochismus umzufunktionieren.

Zu Vollzeitkomikern sind die sechs trotz solcher Witzeleien und ABBA-Zitaten nicht geworden. Dass Rammstein nach wie vor Worte sorgfältig abwägen und durchdenken zeigt es bei der bereits vorab vieldiskutierten Hymne "Deutschland". Musikvideo und Text erschaffen das Bild einer verrotteten, von nationalistischem Übel zerfressenen Heimat, deren Brust Rammstein mithilfe provokanter Rhetorik ("Deutschland, Deutschland über allen") zum letzten Dolchstoß entblößen. Das sonst grenzenlose Verlangen der Band versiegt: "Meine Liebe kann ich dir nicht geben."

Neben politischen Abgründen, die Rammstein außerdem in "Radio", einem Plädoyer für Kunstfreiheit, aufreißen, tun sich in bandtypischer Manier auch welche im stillen Kämmerlein auf. Der "Hallomann" vergreift sich an kleinen Mädchen, "Was Ich Liebe" thematisiert psychische Selbstkasteiung – mit vager Andeutung einer Gefahr für Außenstehende und nekrophilen Untertönen.

Der intensivste Moment gelingt in "Puppe", wenn Lindemann die Geschichte eines kranken Kindes und seiner Schwester, einer Prostituierten erzählt. Nach zartem Beginn, in dem Lindemann seine Hörer in der Sicherheit wiegt, das naive Kind würde nicht mitbekommen, was passiert, und sich friedlich mit seinem Spielzeug beschäftigen, nimmt der Song eine radikale Wendung. Die Gitarren setzen aus, nur Schlagzeug hämmert und Lindemann schreit im Wahn: "UND DANN REISS ICH DER PUPPE DEN KOPF AB!" Einen weiteren schockierenden Twist hebt sich die Band bis zum Schluss auf.

Solche rohen Momente kommen gerade deshalb überraschend, weil der Sänger insgesamt mehr Melodie in der Stimme trägt als früher. Daran passen Rammstein ihre Kompositionen an, agieren fließender. Keyboarder Flake profitiert davon. Bei "Radio" frönt er Kraftwerk, "Weit Weg" prägt er mit großflächigem Synth-Gewaber, "Ausländer" mit zugänglichem Scooter-Techno und in "Sex" wichst er in einem abgefahrenen Solo drauflos.

Trotz der Neuerungen ist "Rammstein" ein Fest für Fans. Die Stücke wimmeln vor Anspielungen an die Vergangenheit, allerorten baut die Band sowohl textliche als auch musikalische Referenzen ein. Drummer Schneider recycelt in "Sex" das "Haifisch"-Drumpattern. "Zeig Dich" gemahnt mit durchgehender "Alliterationskette ("Verdammnis, Versprechen, verüben sie Verbrechen") an "Zerstören". Bei "Ausländer" wird Lindemann zum Señor aus "Te Quiero Puta". "Diamant" erinnert an krachfreie Balladen à la "Roter Sand". "Tattoo" versetzt mit seiner rohen Schnörkellosigkeit zurück in Zeiten von "Herzeleid".

Mit diesem Zitate-Reigen geht allerdings einher, dass Rammstein abseits der beiden politischen Tracks kaum neue Themen anschneiden. Pädophile, Gemarterte, Beischlafende und Priester sind bekannt im Kosmos der Band. Inhaltlich fügen Songs wie "Zeig Dich" und "Hallomann" ihren jeweiligen Vorgängern "Halleluja" und "Weisses Fleisch" nichts mehr hinzu, transportieren lediglich deren Aussage ins Heute. Heute sind Rammstein eben nicht mehr unerhörte Tabubrecher, sondern Stadionfüller.

"Rammstein" spiegelt auch die Entwicklung wider, die die Musikwelt wegen chronischer Übersättigung momentan durchmacht und die auch vor der Metalszene nicht halt macht: Das Motto "härter, lauter, extremer" ist längst einem "opulenter!" gewichen. Rammstein beherrschen die dafür nötige Klaviatur nahezu perfekt. Das zeigte bereits die beispiellose Anlaufkampagne.

Jetzt bestätigen sie es mit den elf Songs ihres neuen Albums. Dazu gehören Klischees. Dazu gehören simple, durchdringende Gitarrenriffs von Kruspe und Landers. Dazu gehört, dass Lindemann vorhersehbar "Sääääääx" krakeelt. Dazu gehört, dass bald europaweit Stadien brennen und womöglich überdimensionalen Puppen blutrotes Konfetti aus dem zerfetzten Torso sprudelt. Und dazu gehört, dass Rammstein einen Fick darauf geben, ob das noch Metal ist oder schon Schlager. Rammstein sind für alle da. Ob du willst oder nicht: auch für dich.

Trackliste

  1. 1. Deutschland
  2. 2. Radio
  3. 3. Zeig Dich
  4. 4. Ausländer
  5. 5. Sex
  6. 6. Puppe
  7. 7. Was Ich Liebe
  8. 8. Diamant
  9. 9. Weit Weg
  10. 10. Tattoo
  11. 11. Hallomann

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39 Kommentare mit 62 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Nach einigen Malen hören und dem Konzert am Wochenende in Frankfurt, finde ich das Album wirklich arg durchwachsen. So für sich genommen ist es schon ganz ok, aber grade wenn man die älteren Lieder live im direkten Vergleich dazu hat, fällt die Ideenlosigkeit schon sehr auf.
    Persönlich kann ich mit den Songs Radio, Ausländer und Sex so gar nichts anfangen, sprechen mich weder musikalisch, noch textlich an. Dagegen finde ich Zeig dich, Puppe und Diamant recht stark. Die anderen Lieder kommen über ein "gut bis ok" nicht hinaus. Auch Deutschland ist eigentlich nur in Zusammenhang mit dem Musikvideo richtig gut.
    Aber vielleicht musste das Album auch genau so sein, im großen Bild gesehen: Das ganze ist ein verkanntes Konzeptalbum. Das hat der Parabellritter auf Youtube mal so in den Raum geworfen. Unter dem Gesichtspunkt kann man es natürlich nochmal ganz anders sehen, was die Tracks und ihren Inhalt angeht - für mich macht es das aber nicht wirklich besser.
    Für mich ihr schlechtestes Album: 3/5

  • Vor einem Jahr

    Der Komponist von „Ausländer“ hat wohl ein wenig abgekupfert zumindest bei der Melodie siehe Ayreon Aquatic Race

  • Vor 9 Monaten

    Herr Redakteur.. Sie sind aber schon älter als 12 oder? Wer gibt einem solchen unkreativ musikalischem Spätwerk 4/5 Punkte - wenn die Lyrics unterste Schublade sind?

    Sehen wir uns das Produkt mal an
    1. Deutschland -> musikalisch ein solide heavy Ballade und Text geht in Ordnung, aber wirkt kalküliert, gut gebe ich trotzdem 4/5 Sterne , meinetwegen oh boi
    2. Radio -> Poppig aber gut - dürfen old Rammstein gern probieren 5/5
    3. Zeig dich -> 0815 Rammstein Track 3/5
    Sounds Great?? Letz check it out:
    4. Ausländer -> mag Geschmackssache sein aber für mich klingt das nach Ballermanmusik - als Scherznummer a la Pussy okay aber das ist keine gute musik 2/5
    5. Sex -> Alter? Ich wünschte ich würde den Popel-Text nicht verstehen, dann könnte ich 5/5 sogar geben aber mit dem Schwachmaten Lyrics 2/5
    6. Puppe -> beim ersten mal hören mega geil, aber das ist mehr ein Hörpsiel als ein Song. Sobald die Gänsehaut des Schockvalue vorüber ist fällt auf was das schon wieder für ein schwacher lyrischer Erguss ist - und Till konnte mal texten (zb mein herz brennt) 2,5/5
    gut machen wirs ab hier kurz, es wird nicht spannender:
    7. was ich liebe -> schöne ballade, nix besonderes 3,5/5
    8. diamant -> noch ne ballade, bisschen unnötig und bisschen zu dick aufgedragen - vielleicht wurde till da ein "Dick" aufgetragen?? 2,5/5
    9. weit weg -> joa keine ahnung, der song ist beanglos meinetwegen 3/5
    10 Tatto -> omg 1/5 ... spieluhr finden vielleicht kinder noch krass mit hoppe hoppe reiter mein herz bla aber tattoo? ist das jetzt hoffentlich nur noch comedy?
    11. hallomann KOTZ wollen die da manson persiflieren?? 1/5
    --
    zusammengefasst sehr durchwachsen wie ein nackensteak
    2/5 Sterne