laut.de-Kritik

Hypnotische Dark-Ambient-Soundscapes in Überlänge.

Review von

Der 1981 im Bundesstaat Wisconsin geborene Musiker Dominick Fernow blickt in seiner Karriere auf mehr als einhundert Releases zurück. Unter Pseudonymen wie Vatican Shadow und Rainforest Spiritual Enslavement veröffentlicht er eine überzeugende Scheibe nach der nächsten. Pünktlich zum zwanzigsten Geburtstag seines Hauptprojektes Prurient kommt mit "Rainbow Mirror" nach "Frozen Niagara Falls" von 2015 seine zweite Platte für das Extrem-Metal-Label Profound Lore auf den Markt. Dennoch gibt es auf diesem über dreistündigen Mammutwerk nicht viel zu Lachen.

Oftmals sieht man beim Hören dieses Albums graue und verfallene Industriestädte vor dem inneren Auge. Atmosphärisch lässt sich die Platte mit "Works" von Abul Mogard aus dem letzten Jahr vergleichen. In "April Fool's Day Aspect Sinister" streift man andererseits durch eine bedrohliche Dschungel-Landschaft in Australien. In "Cruel Worlds" beobachtet man ein unheimliches Ritual in einer Tempelstätte in Japan oder Südkorea. In diesen Tracks bringen akustische Momente Abwechslung in das kalte, nebulöse und monotone Soundbild. Die Nähe zu Rainforest Spiritual Enslavement kann man deswegen in manchen Songs schwer leugnen.

Die letzten zwei Dekaden war Prurient nicht mehr als ein Pseudonym. Für die erste Liveshow am 1997 erweiterte er das Projekt kurzzeitig zum Trio. Nach der anschließenden Tournee durch kleine Clubs und Garagen arbeitete der Wahl-New Yorker alleine an seiner ersten Scheibe "A Simple Mark". Jedoch agieren Matt Folden von Dual Action und Jim Mroz von Lussuria, die man beide als Gastmusiker für Dominick Fernow kennt, als vollwertige Bandmitglieder auf "Rainbow Mirror".

Die sehr langen Nummern entstehen unter Live-Bedingungen im Studio. Anschließend produziert und mixt Shifted die Tracks in Berlin. Neben dräuenden Drone- und Dark-Ambient-Soundscapes zehren lärmende Gitarren- und elektronische Noise-Feedbacks, die einem durchgängigen Schaben und Kratzen gleichen, an den Nerven des Hörers. Man denkt an Aufnahmen der Einstürzenden Neubauten und Nurse With Wound in den frühen Achtzigern. Der Dreier sorgt somit über die Gesamtspielzeit für ein heftiges Kopfkino.

Als Höhepunkt der ersten Hälfte kristallisiert sich "Chaos-Sex" heraus, das an die Soundtracks von Silent Hill erinnert. Ähnlich wie bei den Kompositionen Akira Yamaokas für diese grandiose Videospielreihe befindet man sich in einer surrealen Horrorwelt, die manch verstörendes Geheimnis birgt. "Falling In The Water" entführt wegen der spacigen Synthies von Dominick Fernow, die große Teile von "Frozen Niagara Falls" bestimmen, in ein dystopisches Zeitalter à la "Blade Runner" oder "Brazil". Obwohl manche Stücke im Anschluss kaum über Variationsreichtum verfügen, lohnt sich das Durchhalten.

Vor allem "Naturecum" kann man mit seiner auf- und abschwellenden Songstruktur als überaus einnehmend bezeichnen. Dieser abgründige Trip bereitet dem Hörer durchaus Albträume. Zum Einschlafen eignet sich diese Platte, die man aufmerksam und konzentriert hören sollte, definitiv nicht. Weiterhin vermitteln die trostlosen Industrial-Klänge in "Path Is Short" nur wenig Hoffnung. Ein Geruch von Stahl, Öl und Männerschweiß manifestiert sich in der Nase, wenn man dieser Nummer lauscht. Auf das harte, technoide Feeling von Vatican Shadow muss man auf diesem Album keineswegs verzichten.

Den krönenden Abschluss bildet der Zweiteiler "Buddha Strangled In Vines (Part One)" und "Buddha Strangled In Vines (Part Two)". Mit den wüsten Gitarrenfeedbacks des Originales aus dem Jahre 1997 haben diese Versionen zum Glück kaum etwas gemeinsam. Ein synthetisches Grundmotiv, das sich an traditioneller asiatischer Musik anlehnt, durchzieht diese beiden Tracks. Bis auf so manches Fiepen und Dröhnen der Elektronik passiert im Grunde nicht viel. Nichtsdestotrotz verschmelzen das Maschinelle und das Menschliche in diesem Finale zu einem hypnotischen Sound-Erlebnis.

Letzten Endes schlägt Dominick Fernow mit "Rainbow Mirror" ein neues Kapitel für Prurient auf. Demgegenüber bleibt er seinen noisigen Prinzipien treu. Nebenher konsumieren lässt sich diese Scheibe allerdings schwer. Man kann sie durchaus als ein Statement gegen die schnelllebige Kultur des Streamings betrachten. Darüber hinaus fungiert die Platte, die konventionelle Hörgewohnheiten ignoriert, als ein gelungener Gegenpol zur Emotionalität und Intimität von "Frozen Niagara Falls".

Trackliste

  1. 1. Barefoot God
  2. 2. Walking On Dehydrated Coral
  3. 3. Midnight Kabar
  4. 4. Chaos-Sex
  5. 5. Falling In The Water
  6. 6. Okinawan Burial Vaults
  7. 7. April Fool's Day Aspect Sinister
  8. 8. Cruel Worlds
  9. 9. Naturecum
  10. 10. Blue Kimono Over Corpse
  11. 11. Path Is Short
  12. 12. Buddha Strangled In Vines (Part One)
  13. 13. Buddha Strangled In Vines (Part Two)
  14. 14. Lazarus Flamethrower Sleepwalk
  15. 15. Buddhist State

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