laut.de-Kritik

Emocore, Progversatz und Soul aus dem Eis Alaskas.

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Wie war das gleich mit der Postmoderne? Ach ja, so in etwa: Alles ist schon da gewesen, weshalb sich Kulturschaffende heute gezwungenermaßen auf Vorheriges beziehen. Postmodernismus hinterfragt bis dahin unhinterfragte Normen, Werte werden auseinander konstruktiviert und verschoben. Starre Ideologien? Sowas von passé. Pluralismus, Libertarismus, Relativismus, heißt das auch "alles egal"? Verwirrung. Ein Lösungsweg aus der Klemme der Beliebigkeit: Portugal. The Man Aufmerksamkeit schenken.

Denn, mein lieber Warhol, so geschickt wie die vier Männer aus dem Eis Alaskas hat schon lange niemand mehr mit den Zeichen der Zeit gespielt. Und dabei aufgezeigt, dass vielleicht einzig das Mittel der Durchmischung von Codes bleibt, um die Worthülse "neu" mit Inhalt zu füllen. Aus den Augenwinkeln betrachtet eine weitere junge, hippe Gitarrencombo, in den Ruinen des Hardcore tanzend, eunuchenhaft vokalisiert, jede Menge raffinierter Brüche und emotionaler Ausbrüche inklusive.

Hört man denn aber doch einmal genauer hin, genehmigt man sich den Blick in die Tiefe der (gar nicht so) kauderwelschen Strukturen, stößt man auf ein Panorama einer Soundlandschaft, wie es sie in solcher Form wohl noch nicht gegeben hat. Emocore, Progversatz, Soul, Schunkelpassagen, Chaos, Indierock. The Mars Volta in melodisch, The Fall Of Troy ohne Schaum vorm Mund und Radiohead stets im Hinterkopf. Vieles mehr steckt ungreifbar in den Zwischenzeilen. Der Trick 17 dieser Entdecker: Das Riesenpuzzle aus bekannten Fragmenten ergibt neuen Sinn.

Ohne stundenlanges Ausprobieren bittet "Waiter: 'You Vultures!'" zum Tauchgang in ein Dutzend Höhlen der Musikgeschichte. Bei aller Heterogenität vermeidet das Quartett nämlich heftigere Ausreißer, lässt eine Grundordnung zu. Angefangen mit klassischem Gitarren-Schrammschramm vor Off-Beat-Drumpatterns, nonchalant über introvertierte Falsettgesänge und hektische Cheerleader-Anfeuerei hinwegjagend und dann mitten hinein stolpernd in gefühlige Klavierpassagen über elektrischem Hochspannungs-Flirren - klingt wüst, passt aber schizophrenerweise perfekt.

Echte und synthetische Bässe laden zum Hip Hop-Diktat, subtile Percussions geleiten endzeitige Akustikgitarren durchs Spukschloss, apokalyptischer Postrock tanzt zu peitschenden Three-Chord-Einschüben. Ständig kokettieren Portugal. The Man mit der totalen Raserei, holen aber erst nach über der Hälfte der Spielzeit zum Befreiungsschlag aus ("Chicago"). Natürlich nur, um per herzerweichendem Klavier den Melancholikern dieser Welt die Steilvorlage für neue Depressionen zu liefern. So geht Understatement.

Alaskas Posterboys wissen um genreübliche Stereotypen. Die Klientel auf althergebrachte Weise bedienen dürfen jedoch andere. Einziges Manko des bemerkenswerten Debüts ist seine Überlänge. Nach drei Vierteln der Spielzeit tendiert die Platte zur Wiederholung. Bis dahin haben die Freunde postmoderner Weltanschauung aber Beeindruckendes vollbracht: ein Füllhorn an Genres zitiert, reflektiert und vollkommen unangestrengt etwas Eigenes und Spannendes daraus kreiert. Dafür gebührt ihnen größter Respekt.

Trackliste

  1. 1. How The Leopard Got Its Spots
  2. 2. Gold Fronts
  3. 3. Stables And Chairs
  4. 4. AKA M80 The Wolf
  5. 5. Marching With 6
  6. 6. Elephants
  7. 7. Waiter
  8. 8. Chicago
  9. 9. Bad, Bad Levi Brown
  10. 10. Kill Me. The King
  11. 11. Tommy
  12. 12. Horse Warming Party
  13. 13. Guns. Guns... Guns

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