laut.de-Kritik

Frustration und Wut in traumhaft bitterer Melancholie.

Review von

Kein Song beschreibt die Musik von Porridge Radio in Form eines Titels so perfekt wie "Born Confused". Es ist der Auftakt des zweiten Studioalbums der Gruppe aus Brighton und er klingt zunächst wie gewöhnlicher, melodischer Indie-Pop mit warmen Jangle-Gitarren. Im Mittelpunkt stehen aber vom ersten Moment an die Worte von Songwriterin Dana Margolin und die bestehen in der dreimaligen Wiederholung der Zeile "I'm bored to death let's argue", gefolgt von der Frage "What is going on with me?"

Die Erkenntnis, dass man anders als alle anderen ist, anders fühlt, anders tickt, gehört zu den schwierigen Hürden, die man als Jugendlicher überwinden muss. Margolin singt darüber und sie tut es mit dem drängenden Impetus, der all die Unsicherheit, Zerrissenheit und Teenage Angst auch in ihre Musik überführt. "Born confused", das mag ja sein, führt sie aus, aber es besteht auch immer die schmale Chance, dass alle anderen spinnen und man selber ganz normal ist. Mitten im Song vollzieht die Band eine Kehrtwende, und nach einem lässigen Break wiederholt Margolin zu optimistischen Dur-Akkorden mit den Bandkollegen mantrahaft "Thank you for making me happy".

Es ist der Auftakt eines außergewöhnlichen Albums. Denn anstatt dass Porridge Radio diese Songstruktur beibehalten, decken sie das Thema in einer für Mittzwanziger erstaunlich vielseitigen Bandbreite ab. Das bemerkte auch das Label Secretly Canadian (Makeness, Idles, Anohni), das das Quartett nach dem DIY-Debüt "Rice, Pasta And Other Fillers" und dessen Ruf als spannende Live-Band unter Vertrag nahm. Gewiss: Ohne Margolin wäre die Musik nur halb so elektrisierend, aber das ist keine Beleidigung für ihre Kolleg*innen, denn Margolins Stimme thront nun mal über den Songs wie die von Dolores O'Riordan über jenem der Cranberries. Dieser Vergleich drängt sich vor allem dann auf, wenn sich Margolins Stimme überschlägt und die Dramatik steigt.

"You will like me when you meet me / you might even fall in love", singt sie in "Sweet", wo erstmals härtere Gitarrenwände herein brechen und Margolin ihre Stimmbänder auf PJ Harvey-Niveau stretcht. Elegant spielen sie mit der Song-Dynamik, wechseln zwischen Laut und Leise wie Nick Cave Ende der 80er. Müsste man A&R spielen und hier zwei Singles aus dem Albumkontext auswählen, stieße man schnell an Grenzen.

Die Wahl fiel noch vor dem erwähnten "Sweet" auf "Lilac", das das Porridge Radio-Trademark der wie von Zauberhand platzierten Akkordverschiebungen und der sich wiederholenden Lines Margolins in bitterer Melancholie ausspielt. "Circling" packt da noch mal ne Schippe Hoffnungslosigkeit, aber auch Wut drauf. "Pop Song" ist entgegen seines Titels weltschmerzverhangen wie eine der guten alten Cure-Balladen, und nicht nur in "Nephews" bemerkt man beim Blick auf die Texte die Open-Mic-Vergangenheit der Texterin Margolin: "Oh I'd like to sink down with nephews down down / where your head might explode / and the water's so dark / that you can't feel your heart as it sinks." Puhh, hat ja doch was Gutes, keine 17 mehr zu sein.

Was die drei Damen plus Schlagzeuger aus Brighton hier vorlegen, ist ein tadelloses, intensives Gitarrenrock-Album für die Momente im Leben abseits der Baggersee-Beschallung. Obwohl sie ein mal sogar dieses Partyzubehör namens Autotune anfassen, allerdings fönt "(Something)" dann doch eher weniger wie Travis Scott. Vielmehr verleiht der Track dem Album gegen Ende noch mal eine halluzinatorische Unwucht, bevor Dana Margolin uns im "Homecoming Song" mit einer Art Happy End tröstet. Starkes Album.

Trackliste

  1. 1. Born Confused
  2. 2. Sweet
  3. 3. Don't Ask Me Twice
  4. 4. Long
  5. 5. Nephews
  6. 6. Pop Song
  7. 7. Give Take
  8. 8. Lilac
  9. 9. Circling
  10. 10. (Something)
  11. 11. Homecoming Song

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