laut.de-Kritik

Diese Musik ist universell, eigenständig, schlichtweg großartig.

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Kennen Sie Gabun? Es ist ein dünn besiedeltes Land, etwas größer als Rumänien, bei nur zwei Millionen Einwohnern und liegt in der nicht nur politisch heißen Region Zentralafrika, zwischen Kamerun und der Republik Kongo. Selbstverständlich aus kolonialen Gründen spricht man dort vor allem Französisch. Seit 1960 ist Gabun unabhängig und eigentlich demokratisch, faktisch aber recht nah an einer Diktatur, die die Familie Bongo seit gut 50 Jahren aufrecht erhält.

Man kann das als schrecklich betrachten, faktisch ist das Land aber ein vergleichsweise sicherer Hafen der relativen Glückseligkeit in Anbetracht der Zerfleischungen im restlichen Kontinent. Von Angola bis Zaire, von Burundi bis Uganda – sie alle hatten ihre Könige, Tyrannen, Schlächter. Besonders in den ersten drei Dekaden während und nach dem langsamen Abzug der Europäer ab 1951, geriet Afrika zum schieren Laboratorium menschlicher Grausamkeiten. Man hatte sich das gut von den weißen Herrschern abgeschaut.

Am 30. Oktober 1974 boxt Muhammad Ali in Kinshasa gegen George Foreman. Der mafiöse Promoter Don King nennt es werbewirksam den 'Rumble In The Jungle'. Die ganze Welt sieht dabei zu, wie sich das brutale Regime Mobutus mit den internationalen Helden der Black Power schmückt. Ali, der muslimische Prophet aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wird auf den Straßen der überhitzten, Malaria verseuchten Metropole mit euphorischen Sprechchören empfangen: "Ali, boma ye!" (Ali, töte ihn!). Zwei Jahre später erscheint ein Album über jenes Afrika, seine Schönheit, sein Leid, seine Identität und seinen ganz eigenen Wahnsinn. Pierre Akendengué übertrifft 1976 mit seinem zweiten Album "Afrika Obota" noch einmal die vom britischen Musikmagazin The Wire 1998 an die Spitze der Liste '100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)' gesetzte Erstlingswerk "Nandipo". Hinweis zur Entwirrung: Beide Werke erschienen 1991 noch einmal auf einer CD unter dem Namen "Nandipo/Afrika Obota" und sind so in umgekehrter Anordnung auch auf sämtlichen Streaming-Portalen zu finden!

Akendengué ist bei der Produktion 32 Jahre alt und seit dem frühen Erwachsenenalter erblindet. Er studierte in Frankreich Psychologie und ist seit jeher ein lauter Kritiker der Umstände auf seinem Heimatkontinent. "Afrika Obota" produziert er im Ausland, weil er 1972 gezwungen wird, Gabun zu verlassen. Es assistieren, wie schon auf "Nandipo", der umtriebige brasilianische Perkussionist Naná Vasconcelos sowie der französische Singer/Songwriter und Label-Betreiber Pierre Barouh (Saravah Records). Es beginnt mit sanfter, einsam gezupfter Gitarre, zu der sich schnell die Stimme des Sängers gesellt und dann die ganze Dorfgemeinschaft in Form von südamerikanisch anmutender Percussions und einem Frauenchor. Die Ouvertüre ist eine Ausmessung Afrikas durch schier endlose Aufzählung der dort ansässigen Nationalstaaten. Das Gemeinschaftliche und gleichzeitig unüberschaubar Große Internationale beschreibt Akendengué in der regionalen Bantu-Sprache Myene und auf Französisch.

Zu Afrika und seinen Menschen gehört wohl oder übel die Identität als "Negro". Der zweite Song der Platte ist bereits ein erstes Highlight, das, wenn man es so möchte und genau hinhört, mit einer subtilen Varation des Intros von "Paint It Black" beginnt. Hier zeigt sich neben der Cleverness und dem kompositorischen Genie des Autors die hervorragende Produktion. Auf großer Bühne kommen die Arrangements warm und klar zum Tragen. Viel Hall und Raum auf der Stimme, im Hintergrund schwurbelt unaufdringlich ein Synthesizer, bis die Stimmen des Chors und die Percussions übers ganze Hörfeld wandern. Man muss die Augen zumachen, dann ist man angekommen, im traumhaften Raum eines sublimierten Afrikas.

"Evo" genügt sich reduziert und ohne große Hintergrundgestaltung. Dafür begleitet den ersten, komplett auf Französisch gesungenen Song "Considerable" ein hypnotisch gespieltes Rhodes-Piano. Man mag an die Doors und "Riders On The Storm" denken, nur weniger düster und weniger amerikanisch. Der Inhalt ist höchst politisch. Es geht um Religion und Freiheit, und wahrscheinlich um Akendengués eigenes Schicksal. Denn die Geschichte um einen Mann namens "Poe" passt weniger zur Biographie des Edgar Allan gleichen Vornamens, sondern vielmehr zu der des Künstlers selbst. "Poe", durchaus ein Mann Gottes, wird aus dem Dorf verjagt und schlussendlich aus dem Land. Das Lied ist ein Appell an die Vernunft der Menschheit und an ein freies Volk, wo immer es auch sein mag.

"Orema ka-ka-ka" kommt sphärisch und tanzbar daher. Jazzig und für 1976 höchst modern klingend, säuselt im Hintergrund vermutlich ein Alt-Saxphon und Flöten, darüber legt sich eine Wah-Wah-Gitarre, erneut sorgt das Rhodes für Atmosphäre. Freundlich und sanft groovt sich der Sänger ein. Ein deutlicher Kontrast zur drauf folgenden, szenischen Collage "Orei II". Aus voller Kehle wird über den Klang marschierender Stiefel geklagt. Es folgt ein langes Gedicht über den Wald und die Kinder und den Krieg: Sag mir wo die Blumen sind, weil sie in Afrika schon lange nicht mehr regelmäßig wachsen.

Während "Sa Gunu, Sa Gunu" am rockigsten daherkommt, verschreibt sich "Mon Pays Entre Soleil Et Pluie" (Mein Land zwischen Sonne und Regen) ganz dem französischen Chanson und könnte so ähnlich auch von Michel Sardou oder gar Charles Aznavour komponiert sein. Das Stück kratzt etwas stark am Kitsch, gehört aber zur Reflexion der eigenen Geschichte im Sinne der Verbindung zur Kolonialmacht. Auf eine Weise wirkt dieser Song entwaffnend, sind doch die afrikanisch geprägten Kompositionen deutlich komplexer und immersiver als dieser doch recht weiße Schlager. Akendengué ist zu intelligent, als dass man ihm diesen Gedanken verwehren möchte. Der letzte Track ist nämlich genau diese musikalische Konklusion. Er assoziiert noch einmal die Harmonik englischer Volksmusik à la "Scarborough Fair" mit den gefälligen Melodiebögen Frankreichs, vermischt sie mit kubanischem Getrommel und gabunischer Expressivität im Gesang.

Pierre Akendengué schafft 1976 Weltmusik, ohne sich dabei in irgend einer Weise der westlichen Popmusik anbiedern zu müssen. Als zehn Jahre später Paul Simon in den Apartheidsstaat Südafrika fährt, um seine Karriere durch fähigere Musiker wiederbeleben zu lassen, gerät "Graceland" zum großen Erfolg im Abendland. Darauf spielen Afrikaner Country-Popsongs, in denen es um die Themen des mehr oder minder intellektuellen Mittelstands der USA geht. "Afrika Obota" braucht diesen biederen Exotismus und diese Aneignungen nicht. Obwohl man thematisch selbstverständlich pan-afrikanische Schicksale abhandelt, ist diese Musik universell, eigenständig, schlichtweg großartig. Akendengué (Jahrgang 1943) ist in seiner Heimat ein gefeierter Mann – es wird Zeit, dass dies auch im Rest der Welt so ist!

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Afrika Obota
  2. 2. Negro
  3. 3. Evo
  4. 4. Considerable
  5. 5. Orema Ka-Ka-Ka
  6. 6. Orei II
  7. 7. Sa Gunu, Sa Gunu
  8. 8. Mon Pays Entre Soleil Et Pluie
  9. 9. Olatano W'intye So Du S'afrika

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