laut.de-Kritik

Ba-dam, Ba-dam, Ba-dam, Ba-dam, Bamm-Bamm!

Review von

Das Gute an Singles-Collections? Es befinden sich alle Singles darauf. Das Schlechte an Singles-Collections? Es befinden sich alle Singles darauf. Eine Prämisse, die auch auf "The Singles" von Phil Collins zutrifft.

Nachdem zuletzt mit "Take A Look At Me Now" eine ausgiebige und gelungene Neubearbeitung seiner gesammelten Werke gelang, erscheint nun ein Sammelwerk seiner Hits. Da das Augenmerk auf den Auskopplungen liegt, bleiben mit "Do You Know, Do You Care?" oder "Long Long Way To Go" einige seiner besten Tracks auf der Strecke. Hier zählen nur die großen Melodien, die einst Millionen Käufer in die Arme des possierlichen Briten lockten.

Noch heute reicht alleine die Erwähnung seines Namens aus, um eine ausschweifende Diskussion vom Zaun zu brechen. Fast scheint es so, als müsse man sich nur vor den Spiegel stellen, dreimal laut "Phil Collins" sagen, und schon erscheint der Gute auf der eigenen Schulter und trommelt munter den berühmten Drumbreak aus "In The Air Tonight". Jetzt alle: Ba-dam Ba-dam Ba-dam Ba-dam Bamm-Bamm!

Gerne geben seine Gegner alleine Collins, dem angeblichen Antichrist, die Schuld an den massiven Veränderungen, die die 1980er mit sich brachten. Dass neben ihm und Genesis auch sämtliche anderen Alteingesessenen sich entweder an dem neuen Sound und den neuen Gegebenheiten des Yuppie-Jahrzehnts anpassten oder untergingen, vergisst man dabei leicht. Während David Bowie ("Tonight", "Never Let Me Down"), Paul McCartney ("Give My Regards To Broad Street"), Stevie Wonder ("The Woman In Red") oder die Rolling Stones ("Dirty Work") jedoch stark fremdelten, schien Phil perfekt in das Jahrzehnt zu passen und dabei unverschämterweise sogar Spaß zu haben. Er blühte auf im Pop und fand dort seine Bestimmung.

Der chronologische Verlauf von "The Singles" führt von den frühen Großtaten seiner ersten beiden Longplayer ("In The Air Tonight", "I Don't Care Anymore", "Thru These Walls", "I Cannot Believe It's True"), über den in perfekten Pastellfarben getauchten Miami Vice-Pop auf "No Jacket Required" ("Don't Lose My Number", "Take Me Home") zu dem gefassten "... But Seriously" ("Another Day In Paradise", "I Wish It Would Rain Down"). Dazwischen finden sich Soundtrack-Edelschnulzen wie "Against All Odds (Take A Look At Me Now)" und "Groovy Kind Of Love".

Spätestens mit "Both Sides" hatte Collins alles erzählt und seinen Songs ging zunehmend die Luft aus. Leider bleiben zu diesem Zeitpunkt noch gut eineinhalb "The Singles"-CDs übrig. Lieder wie "Wear My Hat" aus dem Paul Simon-Abklatsch "Dance Into The Light" wollten nicht mehr funktionieren.

Mit größter Vorsicht sollte man die Stücke aus den Disney-Filmen "Tarzan" ("You'll Be In My Heart") und "Bärenbrüder" ("No Way Out", "Look Through My Eyes") genießen. Die einzige gute Nachricht: Hier finden sich nicht die von Collins auf deutsch eingesungenen Versionen. Erst zum Ende findet er mit dem Cover-Album "Going Back" zurück in die Spur.

Die Werkschau "The Singles" schafft einen vollkommenen Blick auf Phils Solo-Karriere und lässt kein Hoch und kein Tief aus. Ein Blick auf einen zutiefst menschlichen Künstler, der den Hass, der ihm immer wieder entgegen schlägt, nicht im Ansatz verdient. Letztendlich kann man Lemmy Kilmisters Aussage aus seinem Interview mit der Süddeutschen Zeitung nicht oft genug zitieren: "Ich bin's leid. Collins ist ein großer Drummer. Er hat 'n paar große Songs geschrieben. Ich meine, wenn Mikkey (Motörhead-Schlagzeuger Mikkey Dee, die Red.) sich mal das Gehirn wegsaufen sollte kurz vor einem Auftritt, und angenommen, Phil Collins mit seinem lustigen Gesicht sitzt also zufällig in der Garderobe nebenan, okay? So. Und ich bitte ihn nun sehr, seeeehr höflich um Hilfe - wissen Sie was: Der spielt ein komplettes Set von Motörhead! Unfallfrei! So ist das. Ich ziehe meinen Hut."

Trackliste

CD 1

  1. 1. In The Air Tonight
  2. 2. I Missed Again
  3. 3. If Leaving Me Is Easy
  4. 4. Thru These Walls
  5. 5. You Can't Hurry Love
  6. 6. I Don't Care Anymore
  7. 7. Don't Let Him Steal Your Heart Away
  8. 8. Why Can't It Wait 'til Morning
  9. 9. I Cannot Believe It's True
  10. 10. Against All Odds (Take A Look At Me Now)
  11. 11. Easy Lover
  12. 12. Sussudio
  13. 13. One More Night
  14. 14. Don't Lose My Number
  15. 15. Take Me Home

CD 2

  1. 1. Separate Lives
  2. 2. A Groovy Kind Of Love
  3. 3. Two Hearts
  4. 4. Another Day In Paradise
  5. 5. I Wish It Would Rain Down
  6. 6. Something Happened On The Way To Heaven
  7. 7. That's Just The Way It Is
  8. 8. Hang In Long Enough
  9. 9. Do You Remember?
  10. 10. Who Said I Would
  11. 11. Both Sides Of The Story
  12. 12. Everyday
  13. 13. We Wait And We Wonder
  14. 14. Dance Into The Light
  15. 15. It's In Your Eyes

CD 3

  1. 1. No Matter Who
  2. 2. Wear My Hat
  3. 3. The Same Moon
  4. 4. True Colors
  5. 5. You'll Be In My Heart
  6. 6. Strangers Like Me
  7. 7. Son Of Man
  8. 8. Two Worlds
  9. 9. Can't Stop Loving You
  10. 10. The Least You Can Do
  11. 11. Wake Up Call
  12. 12. Look Through My Eyes
  13. 13. No Way Out
  14. 14. (Love Is Like A) Heatwave
  15. 15. Going Back

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4 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    :D überschrift des jahrhunderts. :D

  • Vor 2 Jahren

    ist was dran.
    ok, ich finde die bowie/stones-sachen der 80er ja eh gut. davon also mal abgesehen:

    gerade die genesis-veränderung hat doch weniger mit dem von fanseite gern postulierten "gabriel vs collins"-ding zu tun, als mit hacketts ausstieg. sogar pg hat auf "so" pop gemacht. insofern war der vorwurf tatsächlich schon immer ein wenig unfair.

    und den artrock-ikonen stand der rock/pop doch gut zu gesicht. yes haben mit "owner of a lonely heart" oder "changes" top abgeliefert, nur eben anders als anno 1972. genesis haben mit tracks wie "mama" (das ist doch dunkler als manche goth-acts heute und geht wunderbar zusammen mit dem deinerseits erwähnten "do you know..."!) oder dem unterschätzten "invisible touch"-album auch sehr schön ihren tellerrand erweitert.

    • Vor 2 Jahren

      Sehr treffender Beitrag. Danke an den Anwalt :-)

    • Vor 2 Jahren

      Mit dem Ausstieg von Hackett folge ich dem Anwalt ja noch, aber Mama als dunkel zu bezeichnen ist dann wohl Geschmackssache. So wohl das Stück und das Invisible Touch Album waren Kommerz Müll, die hauptsächlich die Geldbeutel der noch anwesenden Herrn vergrößert haben. Bei dem Yes Album trifft das auch zu. Als besonders künstlerisch wertvoll erachte ich die nicht. Und mir ist es wirklich egal, ob das nun jemand als richtig befindet. Es war eben eine gute Zeit für Plastik unters Volk streuen, damals. Und ja es gab sicher auch ein oder zwei tolle Plastikikonen die der Erinnerung wert sind, aber Yes, Genisis u. Collins haben keines da von erstellt.

    • Vor 2 Jahren

      Die Vorwürfe, Collins hätte Genesis an die Popmusik verkauft, erledigen sich in dem Augenblick, wenn man sich anhört, was seine Genesis-Kollegen zum damaligen Zeitpunkt solo für Musik gemacht haben. Auch Banks ist in poppige Gefielde abgewandert und über Mike & The Mechanics braucht man in progressiver Hinsicht auch kein Wort zu verlieren.

      @Speediconzal:
      Also, "Mama" ist mit seinem unterkühlten Arrangement und dem zwischen Obsession und hilfloser Verzweiflung schwankenden Text schon ziemlich finster ...
      "Mama" stammt übrigens vom "Genesis"-Album, nicht von "Invisible Touch". Letzteres war Müll, ja, aber "Genesis" hat wenigstens noch eine Handvoll guter Ideen gehabt ("Mama" war eine davon).
      Gruß
      Skywise

    • Vor 2 Jahren

      Ich würde Genesis Hinwendung zur Popmusik auch nicht an Steve Hacketts Ausstieg festmachen wollen.Wenn man sich mal seine Soloalben von "Cured " bis "Feedback 86" anhört, wird deutlich, dass auch er sich zu der Zeit stark dem AOR/Pop-Fach zugewendet hat. Vermutlich wäre der Stilwechsel mit ihm nicht viel anders verlaufen. Dennoch finde ich, das sein Ausstieg eine Lücke hinterlassen hat, die man besser hätte füllen können. Hackett ist einfach ein besserer Gitarrist als Rutherford und hat im Gegensatz zu diesem auch einen charakteristischen Gitarrensound. Die von Rutherford klingt irgendwie gesichtslos mischt sich häufig einfach unauffällig unter Banks Keyboardsounds. Das ist zieht die Qualität der Alben ohne Hackett einfach etwas herunter finde ich.
      Es liegt weder an Phil noch an sonst einer Einzelperson. Wer tatsächlich noch glaubt, alles liegt an dem bösen Phil solle sich mal sein Jazzrock-Projekt Brand X anhören. Es liegt vielmehr am Zeitgeist. Bands wie Genesis oder Yes wurden einfach von der Plattenfirma unter Druck gesetzt, sich dem neuen Trend zu kürzeren, eingängigeren Songs anzuschließen. Das war bei fast allen Progbands so. Entweder haben die sich gleich aufgelöst oder sie haben ihre Musik vereinfacht. Nehmen wir jetzt einfach mal ein Paar etwas weniger bekannte Progbands: Camel, Renaissance, Caravan, Flame Dream, Banco und PFM. Die haben in den 80ern alle auch nur noch Popmusik gemacht, hatten damit aber im Gegensatz zu Genesis kaum kommerziellen Erfolg. Also sollte man nicht so tun, als ob Genesis da die große Ausnahme wären. Obwohl ich mich mit deren Stilwechsel arrangieren kann mag ich das erwähnte "Invisible Touch" auch nicht. Das war für mich immer das Album, wo der Genesis-Pop am wenigsten funktioniert hat. Zum einen, weil der Sound so steril war, zum anderen weil ich das Songwriting recht schwach war. Ein gutes Beispiel dafür ist "Land Of Confusion". Die Hookline will wohl irgendwie ohrwurmig sein, wirkt dabei jedoch ziemlich fade, abgeluscht und somit nervig - gewollt und nicht gekonnt - na ja, ist trotzdem ein Hit geworden. Dagegen finde ich das Mama-Album und "We Can´t Dance" okay, da hier Songwritng als auch Sound besser sind.

    • Vor 2 Jahren

      Ok dann hole ich mal tief Luft! Fällt mir wirklich schwer euch nun zu enttäuschen. ;) Genisis als Truppe, egal zu welcher Zeit, egal mit welcher Besetzung hat nie richtig funktioniert. Entweder sie haben sich an Hinterwaldhillibillie Urindie Alternativ Sound versucht und waren nur wenigen bekannt und als ewiger Geheimtipp unterwegs oder sie hangeln an der Nadel der Musikindustrie entlang und machten seelenlosen Bombastpop. Gähn! Ja ich gebe zu, ich hab mir längst nicht alles gegeben, was die Truppe auf gefahren/produziert hat, und? Das wird schon seinen Grund haben.

      Der erste Kontakt zu Genisis Sphären, so ähnlich wie mein erster Gedanke oft richtig oder halt komplett daneben, war Peter Gabriel sein erstes Album. Zu Solsbury Hill tanzte meine Frau mir den Tanz meines Lebens und Here Comes The Flood ist heute noch ein Jahrhundertsong, In My Ears. Ok wir sind ja nicht so, ein Genisis Album muss her. Die Wahl fiel auf Abacab, Sänger 81 war Phil, ok er hat schon ein Organ. Aber nehme ich den Opener nur, was höre ich, Plastikwüste ohne Ende. Schade das war´s mit uns, Scheidung eingereicht und ich bitte euch, bis auf ein/zwei sauber arrangierte und produzierte Hits (wie Hits promoted wurden werde ich nun nicht zum besten geben), kam da auch nichts mehr, wo rüber man sich wirklich Gedanken machen sollte.

      Irgend wann war dann der Phil solo unterwegs. Tja und was soll ich sagen, es verhält sich ähnlich wie mit dem First Contact mit Genisis, ich höre den Sound nicht zünden, ausgerichtet auf die damals groß im Geschäft befindliche Industrie werde ich nicht mehr warm mit denen. Ich mach Genisis und auch Phil mit verantwortlich für den Niedergang der Industrie zum Ende des Jahrtausend. Das mag meine Sicht sein, soll keinen beleidigen nur erklären, was meine Zusammenhänge sind. Aber höchstwahrscheinlich wird sich keiner die Mühe machen und das hier lesen können. Weil, das ist doch bei allen uns Musikliebhabern so, der erste Ton, die ersten 10 Sec. Entscheiden über Liebe oder nicht. ;)

    • Vor 2 Jahren

      https://open.spotify.com/album/6hAZj8L6V6X… So hat es dann geklungen. Kein Peter, kein Genisis, kein Phil weit und breit. :D

    • Vor 2 Jahren

      Mit dem ganzen Denglish im Kopf komme ich immer mal wieder ins stolpern: Urindie... Puuuh! Ich hab's dann aber doch noch verstanden! Ansonsten waren Collins/Genesis die Seuche der späten 80er, passt irgendwie zu Uri...!

    • Vor 2 Jahren

      Noch als Ergänzung:
      Viele scheinen von dem Album "Invisible Touch" nur die Singles zu kennen. Da waren aber IMO neben dem zugegebenermaßer ziemlich grausamen Titelsong auch ein paar tolle Songs drauf (z. B. "Tonight, Tonight, Tonight", "Domino").

    • Vor 2 Jahren

      Die von dir genannten Stücke sind tatsächlich noch die besseren, weil sie vom Aufbau her interessanter sind als der Rest. Ich mag auch "The Brazilian" aufgrund seines burlesken Charms, den die kindlich-naive Melodieführung im Zusammenhang mit den elektronischen Soundeffekten hat. Den Rest des Albums kann man aber wirklich vergessen finde ich, da belangloser Pop.

  • Vor 2 Jahren

    Sehr schön geschriebene, zutreffende Rezi... naja, ob Phil mit "Going Back" tatsächlich zurück in die Spur fand, wage ich, zu bezweifeln... aber ich freu mich lieber über einen Fall, wo Herr Kabelitz und ich mal übereinstimmen ;-)