laut.de-Kritik

Neue Songs statt Corona-Trübsal.

Review von

Schon der Titel lässt das Beatles- und McCartney-Herz höher schlagen, denn den eigenen Namen hat der wohl einflussreichste Musiker der Pop-Geschichte nur für ganz besondere Alben verwendet. Oder besser für solche, die in besonderen Momenten in seinem Leben entstanden. Gemeinsam haben sie einen widrigen Auslöser und unverhofft viel Zeit zur Verfügung. Während die meisten von uns Trübsal geblasen oder die Wohnung entmistet hätten, tat McCartney stets das, was er am besten kann: Zu Gitarre oder Klavier greifen und neue Songs schreiben.

Ganz so dramatisch wie bei der Entstehung der Alben "I" (1970, während der Trennung der Beatles) und "II" (1980, nach der Auflösung von Wings) war es diesmal zum Glück nicht. Ernsthaft war die Lage trotzdem, denn statt sich für seine anstehende Europatour vorzubereiten, die ihn unter anderem in die malerische toskanische Stadt Lucca und zum krönenden Abschluss zum Glastonbury-Festival geführt hätten, fand sich McCartney im März 2020 in seinem Landhaus an der Küste zwischen Brighton und Dover wieder. Der plötzliche Corona-Lockdown brachte unverhofft Gesellschaft, nämlich die seine Tochter Mary und ihrer vier Kinder. So fanden sich drei Generationen McCartney unter einem Dach wieder. Trotz der dramatischen Umstände eine schöne Situation, wie McCartney erklärte, denn so konnte er viel Zeit mit seinen Enkeln verbringen.

Praktisch auch, dass er sich auf dem Grundstück, auf dem eine Jahrhunderte alte Mühle steht, schon vor Jahren ein Studio eingerichtet hat, in dem er tagsüber werkeln konnte. Ein Projekt stand tatsächlich an: Die Aufnahme einer instrumentalen Begleitung für einen kurzen animierten Film, den er sich mich dem befreundeten Regisseur Geoff Dunbar ausgedacht hatte. Anlass war eines der Lieder, die er 1997 bei einer Session mit Beatles-Produzent George Martin aufgenommen hatte. "Calico Skies", landete auf dem Album "Flaming Pie", das in einer Pause als Solostück entstandene "When Winter Comes" dagegen in einer Schublade.

McCartney hatte sich überlegt, es als Bonustrack in eine Neuauflage des Albums zu packen, befürchtete aber, dass es untergehen würde, deshalb die Idee, es als Kurzfilm zu veröffentlichen. Kaum abwegig, schließlich hatte er mit Dunbar im letzen Jahrtausend mehrmals zusammen gearbeitet, unter anderem 1985 bei "Rupert And The Frog Song".

Das Stück mit dem Titel "Long Tailed Winter Bird", eine bluesige Nummer mit Gitarre, Bass, eingestreuten Wörtern und zum Schluss auch mit Schlagzeug, war schnell eingespielt, der Lockdown aber noch lang (letztlich wurden es sechs Wochen). McCartney nahm sich also Lieder vor, die er halbfertig liegen gelassen hatte.

Darunter "Deep Deep Feeling", eine experimentierfreudige Mischung, die im Wesentlichen aus Schlagzeug, Sprechgesang, Falsettoeinlagen und einem "Chor" besteht, in dem McCartney über die Liebe sinniert. "Es war einfach schön, im Studio zu arbeiten. Mary hat jeden Abend gekocht, denn das macht sie sehr gerne. Während wir auf das Essen warteten, fragte sie mich immer, was ich am Tag gemacht habe, und so spielte ich ihr auch dieses Stück vor. Ich wollte einfach nicht, dass es endet. Ich dachte zwar, es ist zu lang und selbstverliebt, schließlich habe ich aber beschlossen, dass ich es mag und es einfach so belassen", erzählt McCartney in einem Interview mit der Zeitschrift Loud And Quiet. Mit über acht Minuten ist es mit Abstand das längste Stück des Albums.

Mary ging zum Glück auch ihrem Beruf nach, dem als Fotografin. Sie hielt die Arbeit ihres Vaters fest, womit sich ein schöner Kreis schließt, denn auf "I" war sie, erst wenige Monate alt, auf der Rückseite des Albums zu sehen, wie sie auf der Brust ihres Vaters lag. Eines der bekanntesten Bilder ihrer Mutter Linda.

Weitere Lieder entstanden ganz neu. McCartney spielte sie mit dem Instrument ein, mit dem er sie erdacht hatte und fügte dann weitere hinzu. "Find My Way" ist eine weitere eher schnelle Nummer, die stellenweise fast schon gesampelt wirkt. "Pretty Boys" dagegen eine typische McCartney-Ballade mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. "Women And Waves" entstand am Klavier. Hier zeigt sich auch, dass McCartneys Stimme nicht mehr jede Kraft besitzt, die sie noch vor 15 Jahren hatte.

"Lavatory Lil" könnte die Schwester, oder gute Freundin, von Lovely Rita oder Polythene Pam sein, mit einem coolem, leicht schrägem Gitarrenriff, das auch von seinem Kumpel Keith Richards stammen könnte. "Slidin'" ginge mit etwas stärkerer Verzerrung sogar fast schon als Hard Rock durch, "The Kiss Of Venus" ist eine jeder fröhlichen, kurzen akustischen Gitarrennummern, die McCartney im Laufe seiner Karriere zu Dutzenden aus den Ärmeln geschüttelt hat.

"Seize The Day" enthält McCartney Lehre aus der Corona-Zeit: Genieße das Hier und Jetzt, denn du weißt nie, was morgen passiert. Musikalisch ist es eine eher entbehrliche Schunkel-Nummer der Sorte, die er ebenfalls schon Dutzende Male geschrieben hat. Nach dem eher öden "Deep Down" kommt zum Schluss noch als Schmankerl das Stück zum Zeichentrickfilm, als Einleitung aber noch das Thema aus dem Opener, wodurch sich der verlängerte Titel "Winter Bird / When Winter Comes" ergibt.

Als der Lockdown endete, überlegte sich McCartney, was er mit dem Material anfangen solle. Schließlich "leuchtete eine kleine Glühbirne auf. Warte mal, sagte ich mir, das ist doch genauso wie bei Paul McCartney I und II, da habe ich doch auch alles selbst aufgenommen. Also ist das hier auch ein McCartney-Album."

So spontan die Entstehung, so beeindruckend die Marketing-Maschinerie, die Ende August anlief. Erst ging die Webseite "mccartneyiii.com" online, zunächst nur mit der erfundenen Fehlermeldung "303" statt der üblichen "404". Im Oktober erschienen dann auf YouTube zwei Snippets, gefolgt von zwei Interviews in einer Radiosendung der BBC und der Zeitschrift Loud And Quiet. Schließlich wurden die einzelnen Songtitel auf Facebook veröffentlicht, als Graffiti in verschiedenen Metropolen, begleitet von der Partitur der Gesangslinie der ersten Zeilen. Unter dem Hashtag #12daysofpaul wurden Musiker dazu aufgefordert, die Songs zu covern - oder in dem Fall anhand der Partitur weiterzuspinnen.

Die nachhaltigste Aktion ist jedoch die Vielfalt der Formate, in denen das Album erscheint. Neben CD und Download gibt es Vinylpressungen in vielen unterschiedlichen Farben, darunter pink für die US-Kette Newbury Comics, orange für uDiscover (der Online-Shop seines Labels Universal), "Coke-bottle clear" für die Gruppe #spotifyfansfirst, blau und durchsichtig für unabhängige Plattenläden. Am interessantesten für Sammlerherzen dürfte jedoch die Ausgabe in Gelb mit schwarzen Punkten sein, die Jack Whites Label Third Man Records herausbringt und die auf 333 Exemplare limitiert ist. Wer die verpasst hat, kann versuchen, eine der 3.000 roten zu ergattern, die ebenfalls bei Third Man erscheinen.

Ach ja, schnödes Schwarz gibt es natürlich auch. Egal in welcher Farbe und Format, wird sich "Paul McCartney III" nicht mit den verheerenden Kritiken herumschlagen müssen, die "I" und "II" hervor riefen. Und auch nicht jenen Kultstatus erlangen, den die Vorgänger längst inne haben. Schließlich gilt "I" als die Mutter aller erfolgreich in den eigenen vier Wänden aufgenommen Platten, während "II", als Spielerei mit Synthesizer und Sequencer entstanden, unter DJs und Samplern hohes Ansehen genießt.

McCartney ist mittlerweile eine solche Ikone und so beliebt, dass er sich dabei aufnehmen könnte, wie er eine halbe Stunde lang mit Mundwasser gurgelt, und damit Erfolg hätte. Unabhängig davon ist "III" das erstaunlich gut gelungene Zeugnis eines Menschen, der mittlerweile 78 intensive Jahre hinter sich hat. Davon etwa 56 als Superstar. Dass er dabei bodenständig geblieben ist und sich immer noch wie ein kleiner Junge auf seine Touren und neue Songs freut, zeichnet ihn als Menschen und Künstler ganz besonders aus.

Seinen Humor hat er zum Glück auch noch nicht verloren. Gerüchten zufolge soll "III" sein letztes Album sein, so eine Frage im Interview mit Loud And Quiet. "Alles, was ich tue, ist angeblich zum letzten Mal", so McCartney. "Als ich 50 wurde hieß es, das sei meine letzte Tour. Ich dachte mir, 'wirklich?' So funktioniert es halt mit den Gerüchten, aber das ist schon OK. Als wir 'Abbey Road' aufgenommen haben, soll ich bereits tot gewesen sein. Alles, was danach kam, ist also ein Bonus".

Trackliste

  1. 1. Long Tailed Winter Bird
  2. 2. Find My Way
  3. 3. Pretty Boys
  4. 4. Women And Wives
  5. 5. Lavoratory Lil
  6. 6. Deep Deep Feeling
  7. 7. Slidin'
  8. 8. The Kiss Of Venus
  9. 9. Seize the Day
  10. 10. Deep Down
  11. 11. Winter Bird / When Winter Comes

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6 Kommentare mit 14 Antworten

  • Vor einem Monat

    War nie ein riesiger Fan von McCartney. Lag aber auch nur daran, daß er in Sachen "innovatives Songwriting" halt im Schatten Lennons stand. Er war aber stets einer der besten Genre-Songwriter überhaupt. Und im Gegensatz zu den meisten anderen alten Herren, experimentiert und spielt er noch immer wie ein kleiner Lausbub.

    Ich würde keine einzige Post-Beatles-Platte von ihm auflegen, aber freue mich jedes mal, wieder neue Songs von ihm zu hören. 4/5 gehen allemal klar!

    • Vor einem Monat

      "Ich würde keine einzige Post-Beatles-Platte von ihm auflegen" und "daß er in Sachen 'innovatives Songwriting' halt im Schatten Lennons stand" sagt mehr über deine Ignoranz aus als über das beeindruckende Lebens- inkl. Solowerk Maccas.

      ...und bevor du wieder etwas dämliches antwortest: wäge erstmal ab, dich zu löschen!

    • Vor einem Monat

      Wenn gerade Themenwochen sind, daß alles Positive überlesen wird, dann habe ich das leider nicht mitbekommen. Würde vieles erklären.

      Wenn nicht, erklär ichs wie gewohnt zweimal: Ich habe Macca gerade gelobt. Bloß weil er für die Harmonielehre weniger aufregend als der große Lennon ist, bedeutet das nicht, daß er kein großartiger Songwriter ist. Wie ich auch geschrieben habe.

    • Vor einem Monat

      Die Frage ist, wen es interessiert was jemand nicht auflegen würde, der gerade mal so eben einer von Millionen Hobby-Experten ist?

    • Vor einem Monat

      Ja, das hier ist wirklich der perfekte Ort für diese Frage.
      Nicht.

  • Vor einem Monat

    Damit hier auch was außer der Hirnschiss von Ragism steht:

    McCartney III ist, was sich viele von ihm schon länger - vielleicht seit Chaos and Creation in the Backyard - gewünscht haben. Purer Sound ohne Schnickschnack und Synthies, allerdings mit dünner Stimme. "Das Beste, was er seit langem geliefert hat" steht in vielen Fuilletons. Das stimmt, aber die Messlatte lag auch leider nicht mehr sonderlich hoch. Immerhin verzichtet Macca auf Texte wie Springsteen, der in seinem depressiven Spätwerk lediglich noch über zu schnell vergangene Zeit und den Tod sinniert. In Texten und Musik beweist Macca Mut zur Abwechslung. McCartney III ist überraschend in vieler Hinsicht, reinhören lohnt sich.

  • Vor einem Monat

    Werde das Gefühl nicht los, dass Sir George Martin und der Zeitgeist einen nicht zu unterschätzenden Anteil auf Maccas Songwriting hatten und haben. But let’s put first things first: Macca ist mein Held seit jungen Jahren und in seinem Schaffen für mich grundsätzlich unantastbar. Er hat in seinem Leben genug für mehrere Rockstars geschaffen und daher ist es a) bewundernswert, dass er im hohen Alter immer noch so aktiv und spiel-/experimentierfreudig ist, und b) lasse ich ihm als Fan seit längerem alles durchgehen. Vor ein paar Jahren war ich etwas geschockt wie seine Stimme nachgelassen hat und hatte Schiss, dass der Mann seinen eigenen Legendenstatus demontieren wird. Aber jetzt bin ich nur froh das er noch da ist!

    Zurück auf Anfang: Ich setze an beim letzen Song „When Winter Comes" – man merkt sofort, dass dieser etwas aus dem Rahmen fällt und sich erkennbar vom aktuellen Songwriting unterscheidet. Und genau das ist es, was ich heute an ihm vermisse: Die wirklich tollen Melodien, die hängen bleiben und aus sich selbst heraus die Kraft schöpfen sowie in coole Arrangements gebettet sind. Mir ist hier zu viel Elektronik und Wiederholung im Spiel. So als ob Macca sich ein Bisschen am Zeitgeist orientiert. Wenigstens benutzt er kein Autotune! :D
    Der Sound ist insgesamt aber auch unfassbar heftig komprimiert, klebt sozusagen an den Lautsprechern. Man merkt den Einfluss von Greg Kurstin, der sein letzten Album „Egypt Station“ produziert hat und hier auch auf dem Song „Slidin’“ mitgewirkt hat. Ja, genau der Greg Kurstin, der gerade 8 coole Covers mit Dave Grohl im Rahmen der „The Hanukkah Sessions“ veröffentlicht hat und auch das letzte Foo Fighters-Album „Concrete And Gold", als auch das aktuelle „Medicine At Midnight“ produziert hat. Aber das ist eine andere Story. ;)

    Sein Homerecording-Erstling „McCartney I" bleibt daher für mich unerreichbar. Die Songs entstanden damals teilweise zu Zeiten des legendären „Weißen Albums“, als die Beatles noch eine Band waren, und die Wechselwirkung mit den anderen Fab Four ist schwer zu ignorieren. Schade, dass dieser analoge, altmodische Sound wie auf "McCartney I" nicht mehr zu hören ist. Der war so pur, echt und rockig – genau das was ich geliebt habe. Zuletzt war davon noch etwas auf „Chaos And Creation In The Backyard“ zu hören. Das war dann wohl eher dem Ringen mit dem Produzenten von Radiohead, Nigel Godrich, geschuldet, das ihn vermutlich dazu gebracht hat.

    Daher meine Bitte an Paule: Falls du jemals „McCartney IV“ aufnehmen solltest, nimm doch einfach nur deine Gitarre/deinen Höfner Bass, such dir ein paar schöne Songs aus die dich nicht anstrengen, und lass Rick Rubin ein paar fähige Musiker finden, die dir die Bälle zuspielen. So ein Bisschen wie seinerzeit bei Johnny Cash. Ach was, du diskutierst schon mit Rick? Genial, da freu ich mich doch wie ein Schnitzel drauf! :)

    • Vor einem Monat

      Der Sound ist mir auch negativ aufgefallen. Der rumpelige Charme wird durch die Kompression und den recht höhenlastigen Mix förmlich an die Wand gefahren. Komische Mischung aus "modern" und "retro".

    • Vor einem Monat

      Wunderbarer Text, der es ziemlich gut trifft. Bei Rick Rubin bin ich unsicher, weil er auch sehr gerne mal gutes Material verhunzt. Nigel Godrich oder ein anderer, ähnlich experimentierfreudiger Produzent paßt besser zu ihm.

      Ich weiß, was Du mit übertriebener Kompression meinst. Damit muß aber nicht unbedingt der Produzent etwas zu tun haben. In den 60ern-70ern wurden die Tracks auch gerne mal enorm komprimiert. Diese Wurst-Waveforms können oft erst im schlechten, lieblosen Mastering passieren. Ich weiß aber ungefahr, was Du meinst, und stimme zu. Mit einem Mix oder Master, der weniger offensiv ist, wäre es viel aufregender zu hören.

    • Vor einem Monat

      Ich meine, aus einigen seiner background-Vocals sogar pitch correction aka autotune rauszuhören. Und teilweise experimentiert er auch ganz zeitgemäß mit absichtlich übetriebener pitch correction als Effekt (z. B. "How does it feel?" bei Deep Deep Feeling).

      Der Sound des Albums insgesamt gefällt mir. Sehr modern, und der Mix ist einfach sehr gut (insszeniert die einzelnen Instrumente sehr gut entsprechend ihrer Rollen im Klangbild). Und McCartney II schätze ich auch dafür, dass es mit seinem Sound sehr am Zeitgeist war, warum also nicht auch McCartney III.

      Aber bei "When Winter Comes" merkt man tatsächlicher, dass er als Songwriter abgenommen hat. Am drastischsten lyrisch – das hat sich eh schon seit einigen Jahren zu McCartneys größter Schwäche entwickelt. "When Winter Comes" beschreibt ein Gefühl so indirekt, wie es ein Mensch tun würde – denn niemand, der gerade fühlt, spricht reflektiert über das Gefühl. Der Erzähler in "When Winter Comes" spricht authentisch, wie ein Mensch sprechen würde, aber bringt dabei nebenbei unglaublich gut ein ganz bestimmtes Gefühl und eine bestimmte Lebenssituation rüber.

      Die anderen Texte auf dem Album sind selbst-wissend: Der Erzähler in "Deep deep feeling" weiß, dass er gerade auf der Metaebene über Liebe singt. Der Erzähler in Seize the Day weiß, dass er dem Hörer eine Message erzählen will. Der Text in Lavtory Lil will so sein wie vergleichbare Songs aus den 60ern. Das positivste Beispiel für einen Text ist ansonsten noch "Pretty Boys", das immerhin nicht ganz mit der Tür ins Haus fällt und eine etwas interessante Perspektive einnimmt, dafür das Paul McCartney es geschrieben hat.

      Aber auch musikalisch hast du völlig Recht: Die Melodie und die Harmonien in When Winter Comes sprechen für sich selbst und fühlen sich nicht-konstruiert, aber auch nicht-trivial an. Das gab es von McCartney in dieser Leichtigkeit schon lange nicht mehr.

      Das Album McCartney III kann also gemessen an McCartneys Lebenswerk nicht wirklich mithalten, ist aber im Jahr 2020 trotzdem ein überdurchschnittlich gutes Album. 4/4 absolut gerechtfertigt.

    • Vor einem Monat

      Kleine Anmerkung: Autotune wird auch sicher hier benutzt worden sein, nur eben in seiner eigentlichen Anwendung - kritische Gesangsstellen etwas nachzujustieren.

  • Vor einem Monat

    Kleine Anmerkung: Autotune wird auch sicher hier benutzt worden sein, nur eben in seiner eigentlichen Anwendung - kritische Gesangsstellen etwas nachzujustieren.

  • Vor einem Monat

    Fantum hat auch eine spirituelle Komponente, die man nicht unterschätzen sollte.

  • Vor einem Monat

    Hatte anfangs damit gerechnet, dass das Album durch die Kritik etwas überbewertet wurde, weil es eben Paul McCartney ist. Tatsächlich schafft er es aber, sich immer noch neu zu erfinden. "McCartney III" knüpft tatsächlich an den ersten Teil der Trilogie an und zeigt, was Sir Paul allein zuhause immer noch zu Reißen imstande ist. Das Ergebnis ist ein stellenweise experimentelles und vielseitiges Album, das dennoch immer zugänglich bleibt. Er war auch aus meiner Sicht immer der innovativste und musikalisch fähigste Ex-Beatle, auch wenn er oft durch seinen Kollegen Lennon in den Schatten gestellt wurde und im Vergleich zu diesem oft naiv bzw. brav wirkt.

    • Vor 30 Tagen

      Puh, schwer auszumachen, wer der fähigste Pilzkopf war. Jeder war an seinem Instrument absolute Weltklasse, und da sind Skills schon kaum vergleichbar. In Sachen Songwriting sehe ich Lennon eine kleine Idee über McCartney, vor allem was ungewöhnliche Chord Progressions und Eigenständigkeit angeht. Paul war bem Schreiben vermutlich etwas vielseitiger (Innovatives wüßte ich da spontan aber nichts), in vielen Genres bewandert und hatte eine fantastische Singstimme.

      Wen auch immer man favorisiert - über die anderen würde sich keiner beschweren. Wäre Jammern auf dem höchsten denkbaren Niveau ;)