laut.de-Kritik

Irgendwann kommen auch die Zarten in den Garten.

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An Maskulismus mangelte es der Hauptstadt nie. Westberlin Maskulin oder Flers Maskulin-Label - nur mal so als Beispiele. Die Battlerap-Geschichte von Berlin ist auch nicht unbedingt für Zimperlichkeit bei Themen wie Sexismus oder Homophobie bekannt. Ostberlin Androgyn, eigentlich mal als Spaßprojekt gestartet, wollen beweisen, wie man trotz hartem Sound nicht zwangsweise Hass auf Frauen oder Schwule schieben muss. Ein paar EPs hat die mittlerweile zum Trio angewachsene Band schon auf dem Kasten, aber mit Audiolith als Backup und besserer Produktion versuchen Kanye Ost, Gregor Easy und Spoke das nächste Level in ihrer noch sehr jungen Karriere zu erreichen.

"Eastpak" klingt dabei eher altmodisch und erinnert an den Gangsta-Rap der 00er-Jahre, als gerade die Franzosen sehr den Sound der deutschen Version beeinflussten. Ansagen gibt es auch sofort, die Konkurrenz soll mal die Fresse halten. "Endlich wieder Ostberlin, endlich wieder androgyn, endlich wieder Pisser, die wegen uns 'ne Fresse zieh'n". So zum Einstieg könnte das "Im Osten Nichts Neues"-Tape auch von einem Mitglied der Berlin Crime-Crew oder Bassboxxx stammen. Einzig 'androgyn' lässt plötzlich aufhorchen. Queerness gehört nicht unbedingt zum bevorzugten Lifestyle der Typen, die so gerne mit potenter Männlichkeit und Gefährlichkeit protzen.

Zeilen wie "Ich habe zu viel von deinem Juice in meinem Gesicht" dürfte jedenfalls mehr Panik verursachen als die nächste Zeugenaussage vor Gericht. Das Einzige was hier hart bleibt, dürfte der Penis sein, der aber so zärtlich mit "... zwischen deinen Beinen riecht es nach Peach" und "Ich sippe deinen Juice" umschrieben wird. Der smoothe Trap-R'n'B erzeugt jedenfalls ein Chill-Gefühl wie Keta.

Eigentlich könnten hier selbst die homofreundlichen Klemmis zum Turn vorbei schauen, aber die haben ja zu sehr Angst. Was wirklich nicht so geil kommt: Ein sehr schimmeliger Drop wie "Es ist so feucht wie Charlotte ihr Gebiet.". Sorry, aber wie lange lag der denn bitt unter dem Sofa? Frischen Pfirsichgeruch verbreitet dieser vertrocknete Gymnasiasten-Joke aus der achten Klasse jedenfalls nicht.

Auch Box-Prolet Graciano "Rocky" Rocchigiani dürfte nur Menschen ab 40 plus noch ein Begriff sein. Der nett pumpende Track könnte immerhin diese Bildungslücke schließen, die Rolle des tragischen Oustiders passt eh wie Faust in die Fresse. "Er hittete die Boys, neben ihm wurden alle zu Toys" klingt plötzlich nach Bewunderung für heteronormativer Selbstbestimmung, aber schon später folgen Gemeinheiten wie "Er lief auf eine Street, seine Leber knüppelhart, der Rest von seinem Blut tut kleben auf 1 Smart." Die Lyrics bleiben wie die Produktion nicht unbedingt Weltmeister-tauglich, aber die ein oder andere Punchline sorgt für einen verschämten Schmunzler.

So sehr man Ostberlin Androgyn für so etwas vielleicht auf die Genitalien küssen möchte, so insgesamt muss da aber einfach noch mehr gehen. Das Potential für Größeres bleibt erkennbar, und die Sympathie für bewusste Abgrenzung zu ewig gleichen und dumm sexistischen Pumper-Lyrics haben die stabilen Ossis aus Berlin sicher. Der Kampf gegen die Boxerschnitt-Asis geht weiter und der Sprung zur tighteren Produktion ist hörbar. Die gibt es übrigens auch for free auf der Homepage: So geht Sozialismus, und irgendwann kommen halt auch die Zarten in den Garten.

Trackliste

  1. 1. Wir Sind Back
  2. 2. Eastpak
  3. 3. Haddaway
  4. 4. Rueckfall
  5. 5. No Time
  6. 6. Rocky
  7. 7. Wir Sind Back (Instrumental)
  8. 8. Eastpack (Instrumental)
  9. 9. Haddaway (Instrumental)
  10. 10. Rueckfall (Instrumental)
  11. 11. No Time (Instrumental)
  12. 12. Rocky (Instrumental)

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LAUT.DE-PORTRÄT Ostberlin Androgyn

Westberlin Maskulin, Zugezogen Maskulin oder Flers Label Maskulin - ganz schön viel Maskulinität in Berlin. Ostberlin Androgyn führen zwar den harten …

5 Kommentare mit 20 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Als Mukke nicht weiter Relevant aber wäre geil wenn sowas einfach nur als Trigger für Fler gepusht würde wenn ich mir vorstelle dass er sich damit beschäftigen müsste wäre das das schönste Kabinettstück seit Morch Guykill.

    • Vor 7 Tagen

      bin fan von Flers Mukke und grade von seiner art. Den kleinsten dummen Konflikt zu nem Elefanten zu machen, er meinte mal er braucht diese wut, diesen stress und actually same. nur darum immer auf twitter/4chan mit Idioten am diskutieren.
      Leider würde nur nen "kenn sich nicht sol sich ficken" kommen falls er das mitkriegt.

  • Vor 2 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Monaten

    Bin wirklich alles andere als ein Fan von Deutschrap. Aber doch verwundert, wie einig sich das Feuilleton darüber ist, was pauschal vom Sexismus/Homophobie (was auch immer das im Einzelfall ist) in dem Genre zu halten ist. Man nimmt ja auch nicht ohne Weiteres an, daß Texte im Metalgenre problematisch seien, oder wie diese in den Szenen die Akzeptanz von Blutopfern oder Massakern förderten. Zumindest nicht, wenn man nicht völlig hinterm Mond lebt.

    • Vor 2 Monaten

      Liegt vielleicht daran, dass Rap in Allgemeinen deutlich personen-/persönlichkeitsfokussierter und zumindest oberflächlich realitätsbezogener ist, während Metal sich gerne einmal in komplett anderen Welten abspielt. Außerdem haben Mord und Gewalt für die allermeisten eine natürliche Hemmschwelle, von der man ausgeht, dass ein Songtext eine Person nicht dazu bringt, sie zu überschreiten. Sexismus und Homophobie hingegen sind Alltagsphänomene und ein frauendfeindlicher Kommentar zum Beispiel kostet relativ wenig Überwindung, wie du sicherlich selbst weißt.

    • Vor 2 Monaten

      Deshalb schreibe ich ja "ohne Weiteres". Raphörern ist trotzdem vermutlich ebenso klar wie Metalhörern, daß der Realitätsbezug sehr lose ist. Was soll "Lelele, ich fahr fünf BMW, und zehn Bitches blasen mir gleichzeitig einen" usw. denn anderes sein als Fantasy?

      Man kann natürlich bei Metal auch komplett durchgedrehte Idioten wie Varg Vikernes anführen, die mehr Realitätsbezug zu ihrem "Werk" selbst schaffen. Trotzdem gilt hier Ähnliches. Es wäre ebenso leicht, z.B. Swastika zu malen wie einen frauenfeindlichen Kommentar abzugeben. Auch wenn ich beides noch nie gemacht hab.

      Trotzdem bekommen viele Journalisten es nicht hin, diese offensichtliche Wahrnehmungslücke zu bemerken. Das läuft für mich unter Vorwürfen von Sittenverfall die es schon immer gab bei aktueller Musik. Zumindest bis ich gute Gründe finde, warum hier ein grundsätzlicher Unterschied bestehen soll.

    • Vor 2 Monaten

      Guck dir die Dumpfbackenfanbase an. Als ob da irgendeiner in der Lage wäre, auch nur ansatzweise irgendetwas zu abstrahieren.

    • Vor 2 Monaten

      Ist das, also die reine Außenwahrnehmung, bei Metal anders?

    • Vor 2 Monaten

      -5 Punkte für den Bandnamen übrigens. Nicht aus Intoleranz, sondern weil er einfach scheiße unlustig ist

    • Vor 2 Monaten

      Hab auch meine Vorurteile über Deutschraphörer. Asche auf mein Haupt. Aber auch dem letzten Trottel sollte klar sein, daß das ganze Bling-Bling mit dummen Sprüchen und Mackertum vor allem Fantasy ist. In der Regel, klar. Ist ja in keiner Kulturnische anders.

      Ostberlin Androgyn hab ich nie gehört. Aber weil ich mich für D-Rap nicht interessiere, wird mir auch eine "Antwort" darauf wohl nix geben. Soll der Name lustig sein?

    • Vor 2 Monaten

      Der Name ist eine Referenz auf Westberlin Maskulin, ein Duo aus den späten Neunzigern mit sehr großem Einfluss auf Rap in Deutschland. Verschiedene Künstler aus nachfolgenden Generationen nehmen mit Namen (Flers Südberlin Maskulin, Zugezogen Maskulin, 3plussss Meskalin Maskulin), Textzeilen (Prinz Pi, Kiz, Audio88&Yassin) oder vocal cuts (sehr sehr viele) Bezug auf die. Konsens ist, dass die wichtige Wegbereiter waren und revolutionäre Werke geliefert haben.

    • Vor 2 Monaten

      Alles klar, danke für die Erklärung! Westberlin Maskulin waren also noch nicht auf dem Dampfer der harten Testosteronjungs wie die Aggro-Futzis später?

    • Vor 2 Monaten

      Westberlin Maskulin waren die ersten die Rap in D vom verklemmten Hipsterphänomen schwäbischer Mittelstandskids in eine Ausdrucksform der Gegenkultur verwandelt haben.
      Quasi die Ozzy Osbournes des Rap.
      Im Kern geht es dabei darum mit kontroversen Lines die Geschmacksgrenzen in alle Richtungen auszureitzen um sich hinterher darüber zu amüsieren wenn besorgte Moralapostel den Inhalt tatsächlich für voll nehmen.
      Zeilen wie: "WBM sind Arier N*gga, frei von whacker Scheisse" -vorgetragen von einem Schwarzen und einem Türken zielen eben darauf ab wirklich jeden zu triggern: Nazis, linke Dogmatiker, die bürgerliche Mitte und deine besorgten Eltern sowieso.
      Als eigentliche Trottel entlarven sich dabei all jene, die solche Texte nicht in den Kontext von Battlerap einordnen können, sondern dahinter einen tatsächlichen Angriff auf die heiligen Kühe ihrer ach so liberalen Moralvorstellung erkennen.
      Das Problem ist, dass sich dadurch auch offensichtlich böswillige Menschen mit zweifelhaften Weltanschauungen dazu berechtigt fühlten ihren geistigen Dünnschiss ungefiltert in ein Mikrofon zu plärren.
      Ein denkender Mensch wird trotzdem den Unterschied zwischen einem Majoe und einem MC Bomber erkennen.

    • Vor 2 Monaten

      Gut auf den Punkt, auch den inhaltlichen Unterschied von WBM zu Aggro oder auch dem späteren Savas selbst.

    • Vor 2 Monaten

      Zumindest in meiner Jugend war Hip-Hop durch Aggro Berlin und Selfmade ja immer was für Asis gewesen, also so wahrgenommen. Die coolen Kinder hörten Ärzte, Rammstein, Slipknot oder coole Metalbands, die heute keiner mehr hört. Und zu der Zeit fing das auch an mit dem "Ach, das sind ja doch ganz nette Leute, die kleiden sich halt nur schwarz und waschen sich eben nur dreimal die Woche." Mittlerweile ist die Metal-Szene ja ziemlich verweichlicht und harmlos. Rockmusik generell. Früher hat man noch Hotel-Zimmer zerstört, jetzt spielt man CO2-freie Touren und setzt sich gegen Diskriminierung ein.

    • Vor 2 Monaten

      Ehrlich? Hatte eher immer den Eindruck, die Ärzte haben nur peinliche Kids, Streber und Vollnerds gehört. So wie ich selbst mit 12 in Personalunion :D

    • Vor 2 Monaten

      Aber das war auch deutlich vor Aggro und Selfmade...

    • Vor einem Monat

      Danke noch mal, Kartoffel! Weiß nicht, ob ich mit dem Begriff "linke Moralapostel" etwas anfangen kann. Zumindest aus heutiger Sicht, wo ein Teil des linken Aktivismus statt auf Verantwortung mehr auf Sitten und Projektion setzt, was immer ein grundsätzlich rechtskonservaves Phänomen war. Aber ich glaube, ich weiß, wen Du damit meinst. Hast mich jedenfalls neugierig auf das Duo gemacht!

  • Vor 2 Monaten

    Demnächst auf Tour mit Lena Störfaktor, Presslufthanna, Neonschwarz und wie die ganzen woken Augaben von Thomas Gottschalk sosnt noch heißen.

    • Vor 2 Monaten

      Presslufthanna? Mit der habe ich vor Jahren mal gesprochen auf nem Konzert von ihr. Gibts die noch? Ist die bekannter geworden? Macht sie jetzt Wetten Dass? Oder gibt es glatt mehrere?

    • Vor 2 Monaten

      Presslufthanna hat mmn nicht verdient mit den anderen hier genannt zu werden. Die macht zwar sehr hängengebliebenen Rap aber ohne den soießigen sds-mief den Neonschwarz und Lena Stöhrfaktor verbreiten.

    • Vor 2 Monaten

      Was verbreiten denn neonschwarz für einen mief? Sich textlich mit gesellschaftlichen Problemen (zwar nur oberflächlich/aber immerhin) auseinander zu setzen ist immer noch besser als die selbstbeweihräucherung der sonst so in der Szene stattfindet /war selbst auf deren Konzert und das war unterhaltsam

    • Vor einem Monat

      @CAPS: Du hast recht in Bezug auf Presslufthanna, hatte die mit Babsi Tollwut verwechselt. Mea culpa.

  • Vor einem Monat

    also bei aller liebe. 80% der personen in dem video kann ich nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen geschlecht zuordnen. und darüber hinaus.... mit porto 18,99 schekel für eine EP?? eine fucking EP???! wollt ihr mich verarschen?? das macht nicht mal der dicke patrick. das ist feinstes ideologie in schekel umwandeln. und das kenne ich sonst in diesem ausnaß nur aus der RAC/NSHC szene