laut.de-Kritik

Disneys letzte große Pop-Prinzessin.

Review von

Es hätte gut und gerne sein können, dass wir die Ära des Disney-Prinzessinnen-Pops hinter uns haben. Große Popstars werden sowieso mit jedem Tag rarer, die Übrigen finden sich mit dem Konzept des Popstars als Nische ab. Es mussten so absolut alle Sterne richtig stehen, damit wir noch einmal so einen bekommen. Uns da war sie: Olivia Rodrigo, frisch von der Serie "High School Musical: The Musical: The Series" (fragt nicht), kam mit "Drivers License" ums Eck und machte auf dem Pop-Parkplatz den Monstertruck.

Erst vergangene Woche kam deshalb gleich noch ein Nummer-Eins-Debüt auf den Stapel: "Good 4 U" hat weder das persönliche Drama, noch den TikTok-Hype noch das Powerballaden-Lametta seines Vorgängers. Stattdessen hat es einfach nur musikalisch Dampf wie ein D-Zug. Zusammen mit zwei anderen Songs dieses Albums knüpft der Track an den Pop-Punk-Mikrotrend des letzten Jahres an. Unter Rodrigos Hand kommt der aber endgültig und unweigerlich in der Oberliga an. Klanglich orientiert sich der Song an Paramore, entledigt ihn dafür aber allen gewollt künstlerischen Schnickschnacks und dreht mit bissigem Teenage-Banter die Griffigkeit auf 110 Prozent. Ist das fluffige Zuckerwatte-Popmusik? Kein Zweifel. Aber für den Verdacht von sterilem Disney-Armband-Rock klatscht dieser Refrain doch zu sehr.

Als Beweis taugt auch der Opener "Brutal". Er zeigt, wie man Punk in den Mainstream holt und dabei trotzdem die Kante konserviert. Er zeigt auch die ohnehin beeindruckende Qualität Rodrigos, den perfekten Radar für Einflüsse der Jetztzeit zu finden. Das Pop-Punk-Revival, gerade in den Händen von mittelgroßen Talenten wie Machine Gun Kelly und Iann Dior, hat nur auf einen Durchbruch wie diesen gewartet. Wie erfrischend, endlich wieder einen Popstar zu sehen, der musikalisch einen Impuls nicht erst dann setzt, wenn er musikalisch schon jahrelang angekommen ist. Sie macht dieses Paramore-Revival nicht nur genau rechtzeitig, sondern auch noch besser als alle anderen im Moment. Inklusive Paramore.

Was ist jetzt aber mit "Drivers License", der Power-Ballade, die aus dem Nichts binnen Wochen zum Lieblingssong deines Onkels und aller TikTok-Kids gleichermaßen wurde? Auch sie zeigt eine Synthese von sehr guten Ideen, die gerade an diversen Stellen der Pop-Sphäre brodeln. Sie demonstriert ein kontemporäres Balladen-Chic, das einen Großteil der Platte einnimmt. Taylor Swift und Lorde stehen als Einfluss erhaben über allem, aber zwischendurch hört man auch die Billie Eilishs, Phoebe Bridgers und Clairos der Welt heraus. Songs wie "Traitor" und "1 Step Forward, 3 Steps Back" heftet Indie-Energie an, zumindest in Sound-Design und textlicher Fokalisierung.

Die große Übermacht Rodrigos rührt daher, dass sie Indie-Authentizität verkörpern kann, und dann doch den großen Popstar-Appeal bringt. Genau diesen Brückenbau leistet "Drivers License", ein stiller Song, ein Sadgirl-Anthem - aber Mutter Maria Gottes, pumpt dieser Chorus und diese Bridge sich im Laufe der Zeit zu einer Überlebensgröße auf. Die Stimme klingt gigantisch, große Töne für kleine Wörter, Realness in Technicolour-Flimmern. Dieser Song ist genuin so gut, wie er es zu sein vorgibt. Ein Arthouse-Kinofilm mit Hollywood-Budget.

Und all das würde nicht so gut funktionieren, würden alledem nicht genau die richtigen Texte zugrunde liegen. Rodirgo hat Lyrics, die gleichzeitig wie völlig banal aus dem Alltag gegriffen wirken, dabei aber doch sezierend genau Ideen und Details ausbreiten, die real und durchdacht erscheinen. "And maybe in some masochistic way / I kind of find it all exciting / Like, which lover will I get today? / Will you walk me to the door or send me home crying?" ("One Step Forward, 3 Steps Back"), "It took you two weeks to go off and date her / Guess you didn't cheat, but you're still a traitor" ("Traitor"), "And I'm so sick of seventeen / Where's my fucking teenage dream? /If someone tells me one more time / 'Enjoy your youth,' I'm gonna cry" ("Brutal"): All das sind gute, direkte und immersive Lines, die ihre Zielgruppe perfekt bedienen, ohne dabei für andere weniger interessant zu sein.

Nichts macht aber mehr Spaß, als die systematische und gnadenlose Brutalisierung ihres Ex-Boys auf "Deja-Vu", dem sie maximalen Fuckboy-Status vorhält, weil der alle ihre Witze und magischen Orte schamlos mit der neuen Partnerin teilt. "And I bet that she knows Billy Joel / ’Cause you played her "Uptown Girl" / You're singin' it together / Now I bet you even tell her how you love her / In between the chorus and the verse". So bekamen auch Tumblr-Mädchen endlich ihr ganz persönliches "Hit 'Em Up".

Der Mix aus Poprock-Bangern und Taylor-Swift-Balladen der nächsten Generation machen "Sour" zu einem unterhaltsamen, dynamischen Debüt, auch wenn der Mix fast ein bisschen mehr zu Ersterem hätte hinwippen können. Gerade im Mittelteil wirkt das Akustik-Gitarren-Gefiedel ein bisschen träge und Songs wie "Happier" und "Favourite Crime" fügen einem Album voller Breakup-Songs dann auch nichts mehr groß hinzu. Außerdem: Auch, wenn "Jealousy, Jealousy" klanglich überzeugt, rollt man über Texte wie "I kinda wanna throw my phone across the room / 'Cause all I see are girls too good to be true / With paper-white teeth and perfect bodies" dann doch die Augen. Wer weiß schon, wie hart es für die 0,0024 Prozent schönsten Menschen der Welt bleibt, zu den 0,0000018 Prozent schönsten Menschen der Welt aufzusehen? Ein bisschen zynisch auf potentielle Identifikation geschrieben wirkt es trotzdem.

Vielleicht befriedigt "Sour" schließlich in seiner Monothematik nicht jeden süßen Zahn, aber der Mix aus Bangern und Balladen trifft, wie gesagt, den Zahn der Zeit virtuos. Die Mischung aus Pop-Punk, Indie- und Songwriter-Elementen vermengt alle tagesaktuellen Trends mit perfekter Vorahnung, und Rodrigo bringt dies in sorgfältiger Tradition von Taylor Swift und Lorde authentisch und treffsicher zusammen.

"Sour" wird in jedem Fall als eine Meisterklasse des modernen Album-Rollouts in die Geschichte eingehen, aber mit Rodrigo hätte man auch wenig falsch machen können. Sie ist das absolut komplette Paket der Jetztzeit, eine authentische Songwriterin mit kompletter Superstar-Aura und einer Bombenstimme. Was hätte da schon schiefgehen können?

Trackliste

  1. 1. Brutal
  2. 2. Traitor
  3. 3. Drivers License
  4. 4. 1 Step Forward, 3 Steps Back
  5. 5. Deja Vu
  6. 6. Good 4 U
  7. 7. Enough For You
  8. 8. Happier
  9. 9. Jealousy, Jealousy
  10. 10. Favorite Crime
  11. 11. Hope Ur Ok

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