laut.de-Kritik

Pogo zu Pink Floyd? Of Mice & Men machens möglich.

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Was hat dieser Winter nur, dass plötzlich reihenweise ehemalige Metalcore-Kids Alben veröffentlichen, die ihren Sound auf angenehme Art und Weise poliert und aufgeräumt präsentieren? Asking Alexandria legten vor, Black Veil Brides zogen nach, jetzt hauen auch Of Mice & Men ein Brett raus, das sich klar im Mainstream positioniert, aber dabei nie aufgesetzt oder anbiedernd wirkt – nicht einmal, wenn sie Pink Floyd covern.

Vielleicht war der Verlust Austin Carliles das Beste, das Of Mice & Men musikalisch hätte passieren können. Denn ganz klar an die Spitze der Formation stellt sich auf "Defy" Sänger Aaron Pauley. Der überzeugt mit tiefen Growls ("Warzone"), aggressiven Hardcore-beeinflussten Shouts ("Forever YDG'n"), vor allem aber mit seinen Clean-Vocals. Damit präsentiert er sich überaus variabel: Während zum Beispiel die an Papa Roach erinnernde Hymne "Vertigo" von der kraftvollen Performance profitiert, zeichnet die Ballade "If We Were Ghosts" sanfte, manchmal am Falsett schrammende Herangehensweise aus.

Im Riff-Department fährt man munter die gewohnte Schiene aus Metalcore-Härte und regelmäßigen Ausflügen in Alternative-Gefilde. Dabei zeigen Of Mice & Men etwa im Titeltrack, dass Core-typische One-Note-Staccatos und Leersaiten-Breakdowns durchaus frisch klingen können. Die Band ist leidenschaftlich bei der Sache, beweist Gespür für abwechslungsreiche Arrangements und wartet auch mit manch geschmackvollem Gitarrensolo auf ("Instincts").

Einen großen Geschenkkorb bastelten die Musiker hoffentlich Produzent Howard Benson. Die Entscheidung, mit ihm aufzunehmen, untermalt den Reichweitenanspruch, den Of Mice & Man mit "Defy" stellen, arbeitete er doch schon mit Kelly Clarkson und Halestorm zusammen. In Flames vertrauten ihm ihren Pop-Vorstoß "Battles" an. Wer angesichts dessen ein verweichlichtes Radio-Album erwartet, könnte aber falscher kaum liegen: Bretthart und fett donnern Riffs und Schlagzeug aus den Boxen. Wunderbar anzuhören etwa Valentino Arteagas Tom-Gewitter in "Unbreakable".

Und das angesprochene Pink Floyd-Cover? Es erstrahlt in selbem druckvollen Soundgewand; statt die proggige Fragilität des luftigen Originals nachzuahmen, verwandeln Of Mice & Men "Money" in einen Bewegung fordernden Crowdpleaser. Die-Hard-Floydianer schimpfen das vermutlich Ketzerei, aber für die haben Of Mice & Men den Song bestimmt nicht eingespielt. Das Cover passt stilistisch ins Album und ist schlicht gut umgesetzt. Netter Nebeneffekt: Noch nie im neuen Jahrtausend werden so viele Leute zu einem Pink Floyd-Song gepogt haben und gesprungen sein wie auf kommenden Of Mice & Men-Konzerten.

Nach zuletzt etwas dürftigen Releases legen die Amerikaner mit "Defy" also ein rundum gelungenes Album vor. Fans werden sich wohlfühlen und selbst Hörer, die Metalcore im Allgemeinen eher skeptisch beäugen, könnten an der Platte ihre Freude haben. Zauberformel: All killer, no filler. Und so richtig Metalcore ist das eh nicht mehr.

Trackliste

  1. 1. Defy
  2. 2. Instincts
  3. 3. Back To Me
  4. 4. Sunflower
  5. 5. Unbreakable
  6. 6. Vertigo
  7. 7. Money
  8. 8. How Will You Live
  9. 9. On The Inside
  10. 10. Warzone
  11. 11. Forever YDG'n
  12. 12. If We Were Ghosts

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