laut.de-Kritik

Etwas mehr Wahnsinn und Wodka, bitte!

Review von

Ganze zwei Jahre tourte das Pariser Duo Nôze über den Globus. Dabei schien Ezechiel Pailhès und Nicolas Sfintescu der enorme Input an Weltmusik auf Dauer wohl etwas in den Hintern getreten zu haben. Denn auf ihre alten Tage entstand jetzt plötzlich der dringliche Wunsch, doch noch so etwas wie eine Band zu gründen. Auf ihrem aktuellen Album "Dring" räumen sie diesem Vorhaben sogleich den gesamten Platz ein.

Zu den Aufnahmen waren wieder einmal sämtliche Freunde eingeladen, ihre Instrumente nach eigenem Belieben über die Bandmaschine laufen zu lassen. In spontanen, konzeptlosen Jam-Sessions mit reichlich kreativem Spielraum erhofften sich die beiden Franzosen adäquate Beiträge, die das spätere orchestrale Fundament der LP bilden sollten.

Das klingt alles ganz witzig und ist auf der Bühne im Bandformat als sechsköpfiges Ensemble sicherlich recht unterhaltsam. Auch im Studio hatten alle Beteiligten ganz bestimmt eine Riesengaudi. Auf Albumformat fehlt allerdings doch irgendwo die Substanz.

Während der Großteil der Tracks mit seinem massiv aufgestellten Bläser-Bataillon den volkstümlichen Tanz auf dem Balkan wagt, lehnt das Piano-situierte Pendant fußwippend an der Hotelbar. Zwischen beiden Lagern mischt Schunkel-House verschiedene Bierbänke des Vertrauens auf.

Erstaunlicherweise wissen Nôze - als Band - gar nicht so richtig, wo sie Fuß fassen wollen. Im Club auf alle Fälle nicht. Stücke wie "Cinq", "Exodus", "Nubian Beauty" oder "Willi Willi" ziehen lieber eine abgebremste Fahrstuhlfahrt vor, die sie durch die Spielarten des Jazz zu transportieren versucht. Das gelingt recht solide, auch wenn das Arrangement dabei nicht unbedingt überrascht. Gleichzeitig fehlt diesen Nummern der Groove. Zu vorsichtig fährt der Lift. Aus eventuell überempfindlicher Rücksicht, den älteren Fahrgästen könnte übel werden.

Der um Stimmung buhlende Teil des Albums dagegen besteht aus leicht platten, austauschbar wirkenden Folklore-Klezmer-Fanfaren, die sich regelmäßig zur plötzlichen Aufbruchstimmung Richtung Tanzfläche einmischen möchten. Dadurch wird "Dring" keiner seiner Hörerschaften vollkommen gerecht. Eher kommt es einem halbgaren Zigeunereintopf im Zigarrensalon gleich. Und das will einfach nicht richtig zusammen passen. So ertrinken manche Songs im selbstgebrannten Gipsy-Wodka, andere ersticken im betulichen Dunst der Etikette.

Gewichen ist die einstige Raffinesse, organische Werkzeuge mit synthetischen Klangerzeugern symbiotisch zu fortschrittlicher Nachtmusik zu verflechten. Einzig ein kontinuierlicher, aber druckloser 4/4-Beat und das Gütesiegel Get Physical wecken nun die Assoziation House.

Von den einst energiegeladenen Live-Shows, die für ihre oftmals ausschweifende Art zwischen Spontan-Striptease und den eigenen skurrilen Nummern berüchtigt waren, blieb ebenso wenig übrig. Nur noch eine Ode an die Improvisationsmusiker dieser Welt. Das Ergebnis als mittelmäßig abzustempeln, klingt undankbar. Dennoch: Da wäre mehr drin gewesen.

Dass sich Nôze selbst beziehungsweise auch ihre Musik noch nie so richtig ernst nahmen, ist mehr als legitim. Trotzdem hätte sich so manch einer sicher etwas mehr Wahnsinn und Wodka im Studio gewünscht. Oder einfach weniger Bläser und Folklore.

Trackliste

  1. 1. C'Era Una Volta
  2. 2. Cinq
  3. 3. Dring Dring feat. Riva Starr
  4. 4. Exodus feat. Wareika
  5. 5. In The Back Of My Ship feat. DOP
  6. 6. Nubian Beauty
  7. 7. When Tiger Smoked
  8. 8. Marabout
  9. 9. Willi Willi

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