laut.de-Kritik

Ach Norah, wohin sollst du denn schon fallen?

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Ach Norah, wohin sollst du denn schon fallen?

Menschen vermehren sich, schlürfen Moccacinos oder kaufen Dübel zu deinem sehr amerikanischen Pianopop. Was dich wiederum zur Instant-Heilsbringerin der Musikindustrie befördert – wer verkauft heutzutage schon 36 Mio. Platten und stört dabei noch nicht mal?

Nein, hassen kann man die Tochter von Ravi Shankar wirklich nicht für ihre soliden Songs und die seidige Stimme. Aber spätestens nach "Not Too Late" blieb das schale Gefühl auf beiden Seiten, übersättigt zu sein. Bei den Hörern, weil das letzte Album so glatt und routiniert geriet, dass man es nicht greifen konnte, und bei Norah Jones, weil sie zu jung und zu gut ausgebildet war, um ein Leben lang altkluge Pianoballaden zu schreiben.

Für "The Fall" hat sie ihre seit Jahren bestehende Band neu besetzt – so zum Beispiel mit Marc Ribot – und ihr Klavier gegen eine nett gurgelnde Wurlitzer, hauptsächlich aber Gitarren eingetauscht. Und zwar die elektrischen! Dazu klingt ihre Stimme schmutziger, lebendiger und erwachsener als je zuvor – woran zwar nur ein Schnupfen bei der Aufnahme Schuld hatte, aber das kann man trotzdem gelten lassen. Mehr Groove, mehr Rhythmus und trotz allem ein enormes Feingefühl für Intimität innerhalb der Songs stehen ihr jedenfalls sehr gut.

Das schnelle und textlastige "It's Gonna Be" ist ein echtes Juwel, das swingt, vibriert und flimmert und doch nie ausfranst, weil es von einem Gary Glitter-esken Arenabeat zusammengehalten wird. Genau diese krude Mischung gibt Norah Jones Raum für ihre Stimme, die sich über große Teile der Platte gegen die ungewohnte Instrumentierung perfekt absetzt und enorm an bisher ungehörter Coolness und Tiefe gewinnt.

Acht von dreizehn Songs hat Jones selbst geschrieben, bei den restlichen Stücken halfen unter anderem Ryan Adams und Okkervil Rivers Will Sheff aus – mit tadellos guten Resultaten wie "Light As A Feather", mit dem der Hörer nach zwei eher schnarchigen Stücken am Anfang entschädigt wird. Ihrer schon lang währenden Liebe zu Tom Waits Werk hat sie im Gegensatz zum letzten Album nicht mit einer Coverversion Tribut gezollt, sondern mit der Wahl des Produzenten: Jacquire King war schon für Waits grandioses Hühnerstallalbum "Mule Variations" von 1999 zuständig und verpasst auf "The Fall" auch Norah in einer freilich arg abgeschwächten Version ein bisschen Patina.

Trotz allem muss bei Norah Jones natürlich niemand Angst vor Dissonanzen oder Bluthochdruck haben – die behutsame Sängerin richtet es dem Hörer weiterhin enorm kuschelig ein. Wenn von Rock-Einflüssen gesprochen werden kann, dann müsste man Rock wie in Rocking Chair übersetzen – gemütlich schaukelnd und leicht staubig. Fans wird sie mit ihren kleinen Rekonstellationen vermutlich nicht verlieren, dafür sind die Veränderungen zu subtil und die Songs zu gut komponiert und gesungen.

Vieles spricht also dafür, dass die Exil-Texanerin in Zukunft wieder spannendere Wege beschreitet, als noch auf "Not Too Late" abzusehen war – wären da nicht die eindimensionalen Themen und Texte, die sich in zwölf von dreizehn Fällen in Herzensdingen zwischen Singlewerdung und Singledasein erschöpfen. Tiefpunkt ist das wohl clever gemeinte Schlussstück "Man Of The Hour", in dem die einsame Komponistin ihren Hund letztendlich doch als den besseren Kerl und Lebenspartner besingt ("you never argue / you don't even talk" und so weiter).

So was trauen sich nicht mal mehr Drehbuchschreiber von romantischen Verwechslungskomödien. Aber andererseits – wer hört schon im Baumarkt wirklich auf Texte?

Trackliste

  1. 1. Chasing Pirates
  2. 2. Even Though
  3. 3. Light As a Feather
  4. 4. Young Blood
  5. 5. I Wouldn't Need You
  6. 6. Waiting
  7. 7. It's Gonna Be
  8. 8. You've Ruined Me
  9. 9. Back To Manhattan
  10. 10. Stuck
  11. 11. December
  12. 12. Tell Yer Mama
  13. 13. Man Of The Hour

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16 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    @dein_boeser_Anwalt (« kleine empfehlung am rande:

    jeder von euch, der die richtung an sich mag, sollte ruhig mal die "echte" jones antesten.

    rickie lee jones ist seit 3 jahrzehnten die grande dame dieses root genres.
    nur hat sie (bewusst) eben nicht diese hypemachine im rücken.

    ich persönlich hate norah hier für wesentlich besser als früher; kein wunder, wenn marc ribot und konsorten mitmischen und die tracks adeln.
    aber dieser letzte poetische kick fehlt mir.

    hier mal die rl.jones:

    http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/j/…

    http://www.myspace.com/dutchessofcoolsville »):

    mhh, danke für den tipp. ;)
    werde ich mal austesten. sowas höre ich immer sehr gerne beim lernen. the fall gefällt mir sehr gut. nur, dass es vielen stellen sehr gewollt klingt. it's gonna be ist bisher mein favorit.

  • Vor 9 Jahren

    auch wenn die themen der texte wirklich "etwas" ausgelutscht sind, sind die texte an sich aber relativ tiefsinnig (Young Blood). ich persönlich hör das album immer wieder, weil ich jedesmal wieder irgendeine Kleinigkeit finde die ich vorher nicht gehört hab.

  • Vor 9 Jahren

    Habe das Album seit gestern. Es ist schon zweimal gelaufen und mir gefällt es gut. Ich hatte die gute Norah nach dem (wie ich finde) schlechten Album "Not Too late" schon fast abgeschrieben.

    Instrumental gibt es auch mal andere Klänge zu hören. Die verzerrte Orgel ist mir allerdings gelegentlich zu "dratzig" geraten - weniger ist manchmal mehr.

    Aber was solls. Die Stimme ist gewohnt gut mit hohem Wiedererkennungswert und das Songwriting ist imo gegenüber dem letzten Album stark verbessert.

    Ich sag mal 4/5

    Grüße
    sc

    BTW: Schönes Review übrigens.