laut.de-Kritik

Unbeschreiblich weiblich - das Referenzwerk mit der Filterkippe.

Review von

Es sind verwirrende Zeiten, irgendwann so Ende 1977, Anfang 1978. In Großbritannien bewegt sich das alte Schlachtross Punkrock schon wieder Richtung Abdecker, während in hiesigen Breiten noch stilistische Sinnsuche angesagt ist. Das führt zu einigen Missverständnissen, die von der großen Geschichtsschreibmaschine mit so heftigem Tastendruck ins Annalenpapier getackert werden, dass der entsprechende Eindruck auch heute noch nacherzählt wird.

In punkto Punk bedeutet es, dass Acts wie Straßenjungs, Big Balls und eben Nina Hagen Band immer noch erstgenerational zwischen Slime, PVC und Male einsortiert sind. Lassen wir die Dauerlutscher und die Hamburger Testikel-Giganten beiseite und widmen uns stattdessen dem Debüt der Nina Hagen Band, das, wenn schon nicht klassischer Punk, so doch in seinem Abnutzungskampf der Stilrichtungen eine bis dato perfekt aus der Zeit fallende, in die Zeit passende Momentaufnahme geblieben ist.

Die Biografie von Frau Hagen dürfte einigermaßen bekannt sein. Nach klassischer Gesangsausbildung im Osten und Songs wie "Du hast den Farbfilm vergessen" hatte es die 21-Jährige nach London, ins Auge des Punk-Hurrikans gezogen. In West-Berlin, wohin sie Ende 1976 rübergemacht hatte, verschlug es sie nicht etwa in die Arme gleichgesinnter Punk-Vorreiter, sondern zu den einstigen Politrockern Bernhard Potschka, Herwig Mitteregger und Manfred "Manne" Praeker, die zuvor mit ihrer Band Lokomotive Kreuzberg den Idealen von Ton Steine Scherben gefolgt waren, ohne jedoch deren Strahlkraft zu erreichen.

Zusammen ergibt die kurzlebige Nina Hagen Band - auf das Debüt folgt mit "Unbehagen" (1979) nur noch ein weiteres Album - ein Kreuzüber der Texturen, das eigentlich überhaupt nicht zusammengehen kann: Hier die Macker-Mucker, deren verfrickelte Rhythmen zwischen Jazzfunk, Möchtegern-Prog und Stadtfest-Hardrock changieren, dort die vollends Entflammte mit den Igelhaaren, der Fluppe im Mundwinkel und dem schwarzen Lidschatten auf den Augen. Hier die Instrumentenfraktion, der zum Stichwort Handarbeit einiges an exquisiten AOR-Riffs einfällt, während Nina Hagen unter Handarbeit eher jene Technik einsortiert, die sie einige Jahre später in einer österreichischen Talkshow demonstriert.

Doch die Sterne stehen günstig. Aus dem textlichen Emanzipations-Furor, mit Rest-Revolution und Mauerromantik abgeschmeckt, und dem Kompetenz-Portfolio der zugezogen-maskulinen Musiker, entsteht mit dem selbsttitelten Debüt ein monolithisches Werk, das möglicherweise auch deswegen die Zeit so influential überdauert, weil die Bestandteile eben nicht füreinander gemacht scheinen, die Nahtstellen von Beginn an brüchig, die Lötstellen buckelig sind.

Die Zeilen der jungen Diseuse passen nicht nur perfekt in ihre Zeit, sondern - und das ist die schlechte Nachricht - haben in ihrem Freiheitshunger und der Forderung nach Gleichberechtigung wenig von ihrer Aktualität eingebüßt. Die Ungewollt-schwanger-Hymne "Unbeschreiblich weiblich" etwa, deren Ruf nach Entscheidungsfreiheit in Zeiten von Paragraph 219a-Diskussion kaum gealtert scheint. Oder der Album-Opener "TV Glotzer", im Original von den Tubes, dessen Bildschirm-Sucht und Non-Kommunikation sich ohne weiteres - Happiness / flutsch-flutsch / Fun Fun - auf aktuelle Smartphone-Verhältnisse übertragen lassen.

"Auf'm Bahnhof Zoo" dagegen ist aus heutiger Sicht Christiane F.-Nostalgie pur. Und was dem "Superboy" an NDW-Jux aus dem Nadelstreifenjackett-Ärmel quillt, das wird dem Typen via "Rangehn" im Gegenzug um die Ohren gehauen. Immer wieder zieht Nina Hagen dabei eine textliche Zwischenebene ein, eine Art metaphysischer Hashtag, der eigenes Tun kurz kommentiert und abstrahiert, mal mit einem "Mann, bin ich belesen", an anderer Stelle mit "Würg, würg" im Stil von Comic-Sprechblasen.

Bevor das vermeintliche Punk-Album mit einem so betitelten Song abgeschlossen wird, lauert der Freigeist an anderen Stellen wiederholt in vogelwilder Stilkombi. "Naturträne" klingt zunächst wie die Castafiore in gut, um dann via "In The Air Tonight"-Drumbreak Richtung Floyd und deren Opera-Prog "The Great Gig In The Sky" abzuheben. "Fisch im Wasser" schließlich läuft erst vorwärts, dann rückwärts und versinnbildlicht damit den Hagen'schen Imperativ, die Verhältnisse auf links drehen zu wollen, in diesem Fall mittels simplem Knopfdruck im Studio.

Den "Pank" bietet schließlich eben jener Song als Albumcloser. Zusammen mit Slits-Sängerin Ari Up geschrieben - die Schwestern im Geiste hatten sich in London kennengelernt - wirken Rotze-Intro und "Hast 'ne Macke?"-Pöbelei einerseits zwar artifiziell überhöht wie der zuweilen enervierende Buffo-Gestus der Hagen, gleichzeitig sind die speichelnassen Anwürfe der Marke "Du willst mich so wie alle sind / Nein, nein, du altes Schwein" von so befreiender Heftigkeit, dass man voller Lust und Laune den Plattenspieler aus dem Fenster schmeißen möchte - jubelnd, euphorisiert, voller Aufbruchstimmung und juvenilem Furor. Zur Sonne, Schwestern, zur Freiheit.

Als wäre das alles nicht zeitüberdauernd genug, hat Fotograf Jim Rakete der Platte auch noch ein Cover verpasst, das in Sachen Ikonenkraft dem Porträt eines Che Guevara in nichts nachsteht. Dass die Band auf dem Backcover nicht mit Frau Hagen selbst, sondern nur jungscliquenmäßig kichernd vor ihrem Plakat steht, hat tiefere Bedeutung. So richtig chico war man wohl nicht miteinanda jewesen, wa. In Form von "Unbehagen" reichte es nur noch für eine weitere gemeinsame Platte, danach trennten sich die Wege. Spliff stemmten zunächst die "Radio Show" auf Platte und hoben danach mit funkrockiger NDW-Variante gen Hitparaden ab, Nina sah UFOs, heiratete auf Ibiza und musizierte solo weiter. "Nina Hagen Band" aber bleibt ein monolithisches Referenzwerk, vor Zeitgeist dampfend, hysterisch beseelt, überdreht und immer wieder eine Neuentdeckung wert, so historisch-stilprägend wie Lindenbergs "Daumen im Wind", Ton Steine Scherbens "Keine Macht für niemand" und "Dicke" von Westernhagen. Meilenstein? Ey, klar, ey.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. TV-Glotzer (White Punks On Dope)
  2. 2. Rangehn
  3. 3. Unbeschreiblich Weiblich
  4. 4. Auf'm Bahnhof Zoo
  5. 5. Naturträne
  6. 6. Superboy
  7. 7. Heiss
  8. 8. Fisch Im Wasser
  9. 9. Auf'm Friedhof
  10. 10. Der Spinner
  11. 11. Pank

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2 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 30 Tagen

    Ein 100%er Meilenstein – ohne Wenn und Aber!

    Schade jedoch, dass Du die „Band“ lediglich auf Lokomotive Kreuzberg reduzierst – zu der Keyboarder Reinhold Heil (hier namentlich gar nicht erwähnt) übrigens nie gehörte …

    Interessant wäre an dieser Stelle doch gewesen, wenigstens einmal auf die späteren Spliff einzuzahlen. Diese nämlich arbeiteten in der kongenialen „Spliff Radio Show“ (hoffentlich einer der nächste Meilensteine???) ihre Erfahrungen mit Nina im Speziellen – und dem Musik-Business im Allgemeinen recht zynisch ab. Um sich dann mit dem „Blech“, „Carbonara“, … deutlich seichteren Themen zu widmen.

    Da hätte diese Rezension gern auch noch 500 bis 1000 Zeichen länger sein dürfen …

    Was bleibt, ist die Erinnerung an die heiße Diskussion, die meine Mutter anno 1978 mit Frau Schauer (Schauer´s Disko Shop/HH-Rahlstedt) über diese Schallplatte und ihre Texte führte … ;)

    Bekommen habe ich dieses, über die Jahrzehnte extrem (!!!) liebgewonnene und immer noch heißgeliebte Stück Vinyl mit meinen gerade mal 11 Jahren damals trotzdem! BASTA!

    In der Tat: Eines der wichtigsten Deutschen Alben!!!

    • Vor 30 Tagen

      Spliff haben seit drei Jahren schon ihren Meilenstein.

    • Vor 29 Tagen

      Hey Svenne, und eine kleine Ergänzung ist in Arbeit, DANKE für den Hinweis:)

    • Vor 29 Tagen

      Hi Ingo, der Inspektor hat natürlich Recht: Spliff haben schon ihren Meilenstein (leider nicht "The Spliff Radio Show) - war mir völlig durchgerutscht. Hier ist die Geschichte recht schön erzählt ...

      Trotzdem sollte ein textlicher Link auf die Spliffer bei der NHB nicht fehlen. Dafür waren sie in der ersten Hälfte der 80er einfach zu wichtig ...

    • Vor 29 Tagen

      "Spliff haben seit drei Jahren schon ihren Meilenstein."
      und ?? ohne dieses Album hätte es Spliff nie gegeben..und vor allem wären sie ohne die beiden Nina Hagen Band Alben nie so erfolgreich geworden.
      Das ist ehrlich gesagt Kinderkacke ...nach dem Motto :
      Ätsch..die haben aber schon länger nen Meilenstein ...

    • Vor 29 Tagen

      NH halte ich für überbewertet, die Musiker von Spliff haben das Projekt getragen und NH hatte die Eitelkeit und das Marketing es so zu inszenieren.

    • Vor 29 Tagen

      Fast würde ich in spontaner Reaktion auf das scheinbar unvermeidliche Anbiedern des Rezensenten an feministischen Bullshit zustimmen, aber NH war eine grandiose Performerin mit einer Hammer-Stimme und einzigartigem Stil. Da war nicht nur Eitelkeit und Marketing.

    • Vor 26 Tagen

      Das Album gehört gefeiert. Es war gut, ohne Frage, aber das Beste daran war definitiv, dass aus der Band später Spliff entstand. Die Jungs waren einfach unglaublich gut! Schön, dass ihnen laut.de einen Meilenstein gewidmet hat, schade hingegen, dass ihre Leistung auch heute noch im Vergleich zu anderen "Oldies" meist nicht so wirklich geschätzt wird.

  • Vor 25 Tagen

    da muss ich widersprechen!

    Nina Hagen hat eine gräßßliche Austrahlung und kein Benehmen! Sie verhält sich daneben und bekommt dafür Preise.

    Sowas finde ich nicht gut! Interessant wäre es noch zu wissen, ob der Autor Fan der besagten KÜnstlering ist

    Falls ja, sollte er sich was schämen. Da hätte er die Rezession lieber lassen sollen.

    Ich denke nicht das die in 10 Jahren noch einer hören wird. Was bleibt von Ihr? Das gringe Rammstein Cover? Wohl kaum! Da ist mir ja noch Grummel-Udo-Lindenberg lieber!

    Also SUma sumarum: Kein Meilenstein und kein Gottverdammtes Überalbun! Lediglich ein Pissstrahl auf dem heißen Stein der Vergänglichkeit