laut.de-Kritik

Nils runs the Voodoo down!

Review von

Sogar unter den Meilensteinen dieser Welt gibt es nur wenige Perlen, die als Schneeball eine Lawine auslösen und Genres begründen. Noch seltener gelingt so etwas Debütalben. Nils Petter Molvaers Erstling "Khmer" ist so ein rares Nugget. Fusion war gestern; hier kommt Nu Jazz.

Obwohl NPM nicht der erste war, der sich dieses Stils annahm, gilt er heute als Pate der gesamten Klangbewegung. Miles Davis hat auf "Bitches Brew" erstmals Jazz mit Rock verschmolzen. Der Acid-Jazz holte später noch Funk und Soul ins Boot. Molvaers Leidenschaft gilt vor allem der elektronischen Musik. Von Ambient bis Breakbeat puzzelt er einen ebenso eklektischen wie suggestiven Rahmen für seine Trompete. Vom gedimmten Lava-Pluckern bis zum tanzbaren oder schroffen Bleep & Klonk-Moment gerinnt unter seinen Händen alles zu einem neuartigen Sound. Nils runs the Voodoo down!

Kein Wunder! "Khmer" ist eine wahrhaft betörende Synthese aus organischen Instrumenten und künstlich generierten Klängen, deren Sogwirkung bis heute unerreicht bleibt. Das liegt vor allem am Duo Molvaer und Gitarrist Eivind Aarset ("Electronique Noire" 1998). Letzterer steuert eine wahre Ideenflut an Effekten bei. Teils als verfremdeter Sechssaiter, teils mit erstellten Samples oder der Talkbox. Beide Visionäre verstehen einander so blind wie Jagger/Richards oder Lennon/McCartney. Beide teilen einen ausgeprägten Sinn für Form und Anmut.

Molvaer selbst sieht das ganze eher lakonisch skandinavisch: "Grundlegend denke ich nicht in Begriffen wie Rock, Jazz oder jede dieser Schubladen. Ich denke immer nur daran, was ich im konkreten Moment musikalisch tun möchte. Da war auf einmal die Vision eines bestimmten Sound-Universums. Ich schlage oft etwas vor. Dann haben die anderen ihre Vorschläge. Es entsteht automatisch eine neue sonische Dynamik. Und so wird das dann auch was, wenn man Glück hat. Exakter kann ich es nicht ausdrücken. Tut mir leid."

Weit exakter klingen die einzelnen Stücke des Mosaiks "Khmer". Dabei geht es ihm überraschenderweise in erster Linie nicht darum, erfinderisch zu sein. Molvaers konzeptioneller Ansatz bleibt stets eher introvertiert. Die innere Stimme des absoluten Gefühls entreißt er dem Unterbewusstsein. Diese Emotionen hebt er als sich zur Außenwelt manifestierenden Kontrast empor. NPMs Platten sind allesamt die extrovertierten Protokolle eines in sich gekehrten Gefühls. Und "Khmer" ist ihr heiliger Gral.

Schon mit den ersten beiden Tracks schreddert Molvaer die Hörgewohnheiten von Jazz- und Elektropuristen gleichermaßen und bietet - trotz aller Komplexität - einen neuen, angenehm konsumierbaren Kokon. Das Titelstück ist als Opener die perfekt sensitive Lunte für das hernach folgende Feuerwerk. Hypnotische Klickklack-Percussion webt ein Netz, dessen stoische Unbeirrbarkeit von der eruptiven Trompete unangetastet bleibt. Danach bricht die Hölle los.

Diese hört auf den Namen "Tløn" und ist das ultimative Manifest des Nu Jazz im Allgemeinen und von Molvaer im Besonderen. Rock, Dance, Jazz? Fuck off! Alle öden Stilfragen lösen sich in diesem Feuer auf wie Rauch im Sturm. Alle paar Sekunden offenbart das Lied eine neue rhythmische oder flächige Facette seiner selbst.

Die gefühlten tausend Elemente überlappen sich und greifen ineinander wie Räder eines Uhrwerks. Trotz der immensen Detailfülle wirkt nichts überladen oder gar überflüssig. Aus der Summe dieser Teile erhebt "Tløn" sich als Organismus wie ein musikalischer Leviathan.

Auch "Access/Song Of Sand I" ist so ein Edelstein. Das Stück funktioniert als musikalisches Paradox. Es bietet eine meditative Grundhaltung, die recht schnell in ein Klanggewitter gerät. Zarte Melancholie und aufwühlende Passagen stehen simultan verschlungen ineinander. Aarsets zerrende Gitarre erfindet dazu jenseits von Metal, Elektro-Rock und Co ein zerspanendes Sounddesign, dessen Riffs schroffe Zerklüftungen hinterlassen, während schwere Trommeln das Lied unerbittlich vorantreiben.

Für Freunde sanfter, balladesker Töne vertont "On Stream" mit Samtpfoten-Trompete und lauschig warmer Gitarre einen polaren Sonnenuntergangs. In "Phum" bleibt das Aerophon hernach sogar fast allein auf weiter Flur zurück. Es entsteht eine Art gehauchter Dünensand-Jazz. Ein Solitär, der von Spurenelementen einer akustischen Gitarre umweht bleibt. Zwei intensive Lieder, die warme Sommernächte kühlen und frostige Winternächte wärmen.

Mit "Exit" endet die Platte wieder genau dort, wo sie begann. Kein echter Ausgang, sondern eine Dauerschleife, deren leichtes Geplucker systematisch wieder an die Percussion des Beginns knüpft. Wer den kompletten Longplayer auf Dauerrotation stellt, erhält den perfekten, fast unmerklichen Übergang zwischen den Durchgängen.

All diese Stärken machen "Khmer" zur sakrosankten Bibel der keimenden Norwegischen Szene, an der auch Ikone Jan Garbarek ("Rites" 1998) oder Bugge Wesseltoft (im Elektro-Klavier-Kontext) international erfolgreich mitbasteln. Gleichwohl brachte der Tonträger Molvaer nicht ausschließlich Glück.

Zu viele Kritiker erblickten darin zunächst kaum mehr als Epigonentum von Miles Davis in seiner Miller-Phase; eine Art "Tutu" reloaded für das nächste Jahrtausend. Doch der auch späterhin stets wiederkehrende Stempel ist fachlich unhaltbar. Obwohl Davis natürlich eine Referenz bleibt, sind Molvaer und "Khmer" musikphilosophisch eher immerhin entfernt verwandt mit Jon Hassel und seinen Eno-Kollabos "Fourth World" (1980) und "Power Spot" (1984).

Auch das Publikum macht es NPM nach "Khmer" nicht immer leicht. Die beträchtliche Bugwelle dieses Debüts erzeugte echte Sucht nach mehr. Molvaer hingegen kann mit derlei Erwartungen, die Musik als Dienstleistung einfordern, wenig anfangen. Keine seiner Folgescheiben klingt wie die andere; rein gar nichts klingt nach "Khmer". Wiederholung wäre Rückschritt! Diese Einstellung zumindest hat er tatsächlich mit Davis gemein.

"Wir müssen jeden Tag von null als Novizen starten. Versuch einfach mal, dir einen Baum, der sich im Wind wiegt, so zu betrachten, als ob du noch nie eine Pflanze gesehen hättest. Das stärkt das pure und präzise Element plus einen starken Enthusiasmus. Ich möchte Musik erleben und ausloten; nicht ausbeuten." Das hat ja gut geklappt.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Khmer
  2. 2. Tløn
  3. 3. Access/Song Of Sand I
  4. 4. On Stream
  5. 5. Platonic Years
  6. 6. Phum
  7. 7. Song Of Sand II
  8. 8. Exit

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6 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Ulf nur weil du es bist, zieh ich mir das Album mal rein. ;)

  • Vor 3 Jahren

    Bitte unbedingt live anschauen. Habe ihn letztes Jahr im Rahmen des X-Jazz-Festivals gesehen und er hat so einen weiten, raumausfüllenden, klaren und intensiven Klang.

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Jahren

    Schöne Review, Ulf!

    In ein paar Details würde ich dir widersprechen, aber wer bin ich, die Schönheit des Gesamten dadurch zu mindern?

    Das Besondere an dem Album ist für mich die Balance aus Lyrik und Energie, der schwebenden (noch) jazzigen Trompete (die viel mehr nach Don Cherry als nach Miles Davis klingt) über den fließenden Rhythmen, aus D'n'B-Rhythmen und der etwas rauen Intensität des Jazz. Nu Jazz wird dem nur teilweise gerecht, im Falle von Khmer wird viel mit World Music gearbeitet, übrigens auch ein Erbe von Don Cherry. Im Folgenden wurde Molvaers Musik elektronischer und tanzbarer, dafür leider aber auch glatter.

    2001 habe ich ihn in Frankfurt gesehen, und da klang die Musik übrigens streckenweise tatsächlich sehr wie Miles Davis, nur mit neueren Zutaten. Und hochpsychedelisch.

    Aarset hat übrigens wirklich mit Hassell zusammengearbeitet.

    Man verzeihe mir das Chaos mit dem gelöschten und dem nun völlig sinnlosen Post darunter ...

    • Vor 3 Jahren

      schön, dich wieder zu sehen :)

    • Vor 3 Jahren

      ja, Thelema, ebenfalls. verpass dich leider immer wieder, lass dich mal länger blicken, übrigens Anwalt, hab dir soeben im (diesen Nachmachlindemannzeugsbeitrag) näheres für Tehlema ausrichten lassen, ich verpass sie ja immer, mags hier nicht nochmals reinschreiben, schau bitte einfach dorten mal nach...büde danke bussi (letztes gilt auch für die Thelema...)

  • Vor 3 Jahren

    Schön, dass das Album nach fast 20 Jahren auch weiterhin zu Ehren kommt. Ich selbst höre dieses seit Erscheinen immer noch regelmäßig. Daumen hoch!