18. November 2022

"Ich muss es ja nicht singen!"

Interview geführt von

Nickelback sind zurück — eine der polarisierendsten und meistgeschmähten, aber auch kommerziell erfolgreichsten Rockbands unserer Zeit.

Auf ihrem neuen Album "Get Rollin'" präsentieren Nickelback das, was sie am besten können: Eingängige Rocksongs, meist mit nicht allzu komplexem lyrischem Inhalt, die wahlweise an die gute Laune oder die sentimentale Ader appellieren. Dabei schrecken Bandchef Chad Kroeger und seine Bandkollegen, das ist von Anfang an klar, vor keinem textlichen Klischee zurück.

"Does Heaven Even Know You're Missing", singt Kroeger im gleichnamigen Stück etwa — lyrisch ist das natürlich mehr Schlager als Metallica. Auch Stücke wie "St. Quentin" der "Photograph“-Nachfolger "Those Days" oder "Skinny Little Missy" sind textlich, formulieren wir es mal diplomatisch, nicht jedermanns Sache. Nickelback ist das herzlich egal. Wer so großen Erfolg hat, dem schlägt eben auch Hass, Spott und Neid entgegen - deswegen gilt es, auf "Get Rollin'" umso mehr ordentlich auf den Putz zu hauen.

Wir sprachen mit Mike Kroeger, seines Zeichens Nickelback-Bassist und Halbbruder von Sänger und Songschreiber Chad Kroeger, via Zoom.

Fünf Jahre nach dem letzten Album "Feed The Machine" veröffentlichen Nickelback mit "Get Rollin'" das zehnte Studioalbum. Wann sind denn die Dinge, verzeihen Sie mir das allzu offensichtliche Wortspiel, wieder ins Rollen gekommen?

Mike Kroeger: Es hat angefangen, als wir eine Tournee für "All The Right Reasons" geplant haben. Wir wollten auf Tour gehen, um das fünfzehnjährige Jubiläum des Albums zu feiern, dann kam Corona. Wir beschlossen, zunächst abzuwarten und zu schauen, was passiert. Dann verging aber so viel Zeit, dass es offensichtlich war, dass aus dieser Tour nichts werden würde. Also war es an der Zeit, neue Musik zu machen und einfach mal zu sehen, was passiert. Das war in der Mitte des ersten Lockdowns.

Wie sehr beeinflusste der Lockdown die Arbeit?

Der Lockdown machte es ziemlich schwierig, wir durften uns die meiste Zeit über nicht ja gar nicht treffen. Also quartierte Chad unseren Produzenten Chris bei sich ein, damit sie gemeinsam schreiben und an Ideen arbeiten konnten. Für den Rest der Band war das hingegen nicht so einfach. Wir haben Familien und können nicht eben mal woanders einziehen. Wir tauschten uns aus der Ferne und übers Internet aus - bis wir uns irgendwann endlich persönlich treffen konnten. Ich flog von Los Angeles nach Vancouver, um meine Parts aufzunehmen. Es war nicht ganz einfach, aber es war definitiv eine neue Erfahrung. Ich bin ja kanadischer Staatsbürger, deswegen kann man mir laut Gesetz die Einreise nach Kanada nicht verweigern. Aber man habt es mir teils wirklich schwer gemacht - mit vierzehntägigen Quarantänezeiten. Eine Reise, die eigentlich ein paar Tage gedauert hätte, dauerte so auf einmal einen Monat. Andererseits gab es diesmal dafür auch keinen Zeitdruck, der auf Chad lastete. Ich wollte ihn alles in seinem eigenen Tempo machen lassen, ihn einfach nicht hetzen. Die besten Arbeiten bekommt man dann, wenn niemand unter Druck steht. Ich habe mich bemüht, Chad zu nichts zu drängen und darauf zu warten, bis er bereit war.

"Wenn man nicht auch gehasst wird, hat man was falsch gemacht"

Als Band haben Sie ja eigentlich längst ein Standing, bei dem Sie ganz ohne Druck entscheiden können, oder nicht?

Wir standen bei den letzten Platten nicht unter Druck von außen. Es war ein interner Druck. Wir wollten einfach volles Programm fahren und auf Tour gehen. Wir haben unseren eigenen Zeitplan und können tun, was wir wollen. Das war zu Beginn unserer Karriere noch anders. Dieses Album haben wir gemacht, weil wir es machen wollten — nicht, weil wir mussten.

Gab es einen Moment, in dem Sie sich bewusst waren: So, jetzt läuft die Maschine wieder?

Als ich das erste Mal "St. Quentin" gehört habe, wusste ich, dass wir jetzt auf dem richtigen Weg sind. Einfach, weil es immer die härteren Rocksongs sind, die Chad am Anfang eines Albums komponiert und uns präsentiert. Ich mag harte Rockstücke einfach. Das ist einfach genau meine Kragenweite und das, was ich auch privat höre.

"Get Rollin'" hat definitiv wieder jede Menge Potenzial zum Polarisieren.

Ich denke, wenn man nicht auch gehasst wird, hat man was falsch gemacht. Wenn du bei den Leuten keine emotionale Reaktion hervorrufst, egal ob diese positiv oder negativ ist, dann kommst du wahrscheinlich nicht bei ihnen an. Unsere Langlebigkeit beruht wahrscheinlich darauf, dass wir diese "Love it or hate it"-Attitüde haben. Das sind beides emotionale Reaktionen.

Sind Sie Fragen über die oft doch sehr harsche Kritik an Ihrer Band eigentlich schon überdrüssig?

Nein, das nervt mich nicht. Das ist einfach Teil der Sache, Teil unserer Geschichte. Ich denke aber auch, dass die Medien das gerne aufbauschen. Manchmal wird das in den Mittelpunkt gestellt, weil die Leute sonst nichts über unsere Band wissen. Manche Journalisten sind einfach etwas faul oder versuchen einfach, Negativität zu verkaufen.

Ich habe vor kurzem mit Peter Frampton gesprochen, und der meinte, er finde es super, wenn er gut persifliert wird. Können Sie über Spott auch lachen?

Zu einhundert Prozent. Es gibt viele Dinge, die diese Sache auf extrem witzige Weise aufgreifen - und wir haben in der Band ja auch einen guten Sinn für Humor. Wenn etwas witzig ist, lachen wir darüber ... und wenn es auf unsere Kosten geht, lachen wir sogar um so mehr darüber. Nur Negativität als Selbstzweck finde ich einfach nicht witzig.

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Bassist bei Nickelback, wie legen Sie Ihre Basslinien an?

Wie wir alle habe ich im Laufe der Jahre gelernt, meine Rolle in der Band zu verfeinern. Mein Ziel als Bassist ist es, dem Song zu dienen. Der Gesang ist das Wichtigste. Wenn ich nicht gerade so spiele, dass ich den Gesang auf gewisse Art noch verstärke, gehe ich den Vocals aus dem Weg. Niemand in der Band drängt sich auf, will irgendwas beweisen. Es geht nur um den Song, und da zeigt jeder vollen Einsatz. Als Bassist weiß ich, dass ich - wenn ich mich ganz auf den Song konzentriere - Dinge erschaffen kann, die ihn noch besser machen. Wenn das bedeutet, dass ich nur ganz minimal spiele, dann tue ich das. Ich will, dass die Band großartig klingt, live und auf Platte.

"Metallica sind gute Freunde"

Sie sind ja schon sehr lange erfolgreich dabei. Was gefällt Ihnen am Rockstar-Dasein am meisten – und was am wenigsten?

Es ist ein und dasselbe: Das Beste daran, bei Nickelback zu sein, ist, dass der Rock'n'Roll uns um die ganze Welt gebracht hat. Das Schlimmste daran, ein Nickelback zu sein, ist, dass ich um die Welt reise, oft getrennt von meiner Familie bin. Ich habe meine Familie allerdings oft mit auf Tour genommen, das ein großer Luxus — und ich bin auch wirklich dankbar dafür, die Welt sehen zu dürfen. Auch, wenn ich eben nicht so oft zuhause bin wie andere Väter oder Ehemänner. Aber wenn ich zu Hause bin, dann hundert Prozent.

Demnach hatte die Pandemie für Sie auch positive Seiten.

Ja, in dieser Hinsicht war sie für meine Familie und mich definitiv ein Segen. Ich habe noch nie soviel Zeit zuhause verbracht.

Das letzte Mal standen Nickelback 2019 gemeinsam auf der Bühne.

Ja, bei Rock in Rio.

Also bei einem kleinen, intimen Konzert.

Genau, da war nur eine kleine Gruppe von 20.000 Leute.

Wie bereiten Sie sich auf das Touren vor? Gibt es viel Probebedarf nach so langer Zeit?

Das werden wir sehen. Wir haben demnächst Proben für ein paar kleinere Shows - und dann sehen wir weiter. Ich denke, dass viel noch 'Muscle Memory' ist. Bei den neuen Songs wird sich zeigen, wie viel Arbeit nötig ist. Bevor wir alle zusammen kommen, macht aber jeder von uns seine Hausaufgaben.

Ist "St. Quentin" eigentlich ein Verweis auf Metallica?

Nein, ich das würde ich nicht sagen. Natürlich ist Metallica ein großer Einfluss, den man aus vielen Stücken raushören kann. Wir wollten das Video des Songs ja eigentlich in St. Quentin drehen, aber haben uns dagegen entschieden, gerade weil das Metallica gemacht haben. Wir haben von ihnen unglaublich viel gelernt über die Jahre, aber wollten sie keinesfalls kopieren.

Chad hat in einem Interview mal erzählt, dass Sie und Metallica-Sänger James Hetfield eng befreundet seien und oft auf Maui abhängen.

Ja, die Jungs von Metallica sind gute Freunde geworden. Das ist natürlich toll, früher war ich großer Fan, heute sind sie meine Kumpels. Sie sind wirklich großartige Kerle.

Das ist nicht böse gemeint, aber man kann wirklich nicht behaupten, dass Nickelback Angst vor Klischees und Plattitüden haben. Das ist auch auf "Get Rollin'" nicht anders. Diskutieren Sie manchmal über die Texte - und haben Sie schon mal ein Veto eingelegt?

Ja, wir reden über die Texte. Aber ich vertraue meinem Bruder sehr. Er geht Risiken ein, die wir wahrscheinlich nicht eingehen würden. Er greift Themen auf, die wir vielleicht nicht aufgreifen würden, und geht an Orte, an die wir vielleicht nicht gehen würden. Früher waren wir da etwas kritischer. Heute mische ich mich nicht mehr ein. Ich muss das ja auch nicht singen! Klar, ich könnte mal versuchen, Texte für Chad zu schreiben — aber schlussendlich ist er derjenige, der sie singt, also sollte er das letzte Wort haben.

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