Der wegen Kindesmissbrauchs angeklagte Liedermacher und Nationalpreisträger der DDR Kurt Demmler wurde heute morgen in seiner Gefängniszelle in Berlin-Moabit tot aufgefunden. Er habe "mit ziemlicher Sicherheit Selbstmord begangen", sagte ein Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Justiz zur Presseagentur …

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  • Vor 12 Jahren

    @matze73 («
    Was meinst du mit übertriebener Sorgfaltspflicht? »):

    Das kann ich dir ganz konkret sagen: Es ist einmal die überteigerte Angst vor "dem Fremden". Erst als Subjekt und dann - dank der Ambivalenz der deutschen Sprache - auch als Abstraktum. Nicht zufällig heißt es erst bei Oskar LaFontaine "Fremdarbeiter" (vor dem der "deutsche Familienvater" geschützt werden müsse) und dann - etwas später - bei seiner Lebenspartnerin Christa Müller im Gefolge der ganzen Diskussion um die "neue deutsche Mutter": Angst vor Fremdbetreuung. Eine offensichtlich bewusst geschürte linke Xenophobie.

    Und dann das, was man in der neueren Soziologie "Helicopter Parenting" oder Überbehütung nennt. Das zwanghafte Abschirmen von Kindern vor vermeintlich schädlichen Einflüssen aus als fremd wahrgenommen sozialen Schichten. Ein Phänomen von Besserverdienenden-Vierteln.

    Man muss auch als 12- oder 13-jähriger die Chance haben, völlig auf eigene Faust seine Persönlichkeit zu entwickeln. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit 13 (PA gefälscht) meinen ersten Ferienjob in einer Schleifpapierfabrik hatte. Drei Wochen lang. Am ersten Tag legte man uns nahe, Gummihandschuhe zu benutzen. Rebellisch wie man in dem Alter ist, pfiff ich drauf (denn es stank furchtbar) ... und hatte schon nach zwanzig Minuten blutige Fingerkuppen. Und die restlichen sieben Stunden waren eine Höllenqual. Aber ich musste unbedingt meinen ersten Bass-Amp zusammenverdienen. Ich will damit sagen: Man kann die formalen gesetzlichen Beschränkungen ruhig herunterschrauben und sollte stattdessen lieber einen Drang zur Verteidigung von Individualität befördern. Indem man zum Beispiel diesen Konzentrationsprozess auf einige wenige große "Stars" und "Promis" behindert. Nicht durch Verbote, das nützt nix. Aber zum Beispiel indem sich durch den geschilderten Fall im gesellschatlichen Unterbewusstsein die Assoziation "Castingshow <-> Missbrauch" ein Stück weit mehr etabliert.

  • Vor 12 Jahren

    Klingt ja alles durchaus gescheit. Nur sehe ich in deiner Argumentation etwas diesen verklärten Geist ala, was uns nicht geschadet hat.... Ich will deinen Argumenten durchaus folgen, aber diese Mädchen sind ja ein Beispiel, das da eben was schiefgehen kann. Freilich sollen sie sich frühstmöglich emanzipieren und ihren Weg gehen. Aber junge Mädels in dem Alter haben genauso das Recht auf besagten Schutz wie eben auch auf Selbstverwirklichung. Können sie die Gefahren einschätzen, die ihnen bei solchen "Castingevents" bevorstehen einschätzen?. Ich denke nicht. Halte mich für konservativ, aber so etwas kann eine Dynamik entwickeln, die eben nicht mehr beherrschbar ist. Das Versprechen auf Ruhm lässt junge Leute heute Dinge tun, die wir uns mit unserer Sozialisation nicht mal vorstellen Wollten/konnten.

  • Vor 12 Jahren

    Gehört für mich auch in die Elternverantwortung, obwohl man sicher nicht alles verhindern kann.
    Aber der Schmierlappen der meiner fiktiven 13jährigen Tochter das Blaue vom Himmel verspricht, soll mir mal über den Weg laufen ;)

    Aber es gibt ja auch die Eltern, die schlimmer sind, als die Bohlens selbst, siehe Jackson-Five etc

    Ich bin ja so optimistisch zu glauben, dass diese Castingshows in wenigen Jahren von der Bildfläche verschwinden und erst nach 10-15 Jahren wieder auftauchen :rayed:

  • Vor 12 Jahren

    Nein. Der Promi- und Starkult ist allgegenwärtig und überall. Exzellenz-Uni, Casting-Wahn, Star-Köche, Politstars etc. pp. Es lohnt sich schon, darüber mal nachzudenken. Ich glaube, es hat was mit der rapiden Entwertung von Zukunftsvisionen zu tun.

    Aber ob der "Fall Demmler" nun wirklich exemplarisch dafür ist? Hab da meine Zweifel. Zu extrem. Zu emotional aufgeladen das Ganze. Soll man den Fachleuten überlassen und aus der Presse raushalten.

    Da gab es letzten Sonntag diesen neuen Tatort. Der ganze Hass stürzt sich auf die schrecklichen Discounter mit ihren ekelhaften Methoden. Ja. Aber diese degenierte Polizei-Mitarbeiterin mit ihrer wahnhaften Jagd nach den Hollywood-Promis: Diese Figur sagt auch sehr viel über den Zustand unserer Gesellschaft.

  • Vor 12 Jahren

    Dass die Jungs/Mädels im Alter deiner erwähnten Erfahrungen nicht so ticken wie du es getan hast, dazu hast du jetzt wieder nichts gesagt! Meine Frage war doch, sind die Voraussetzungen heute die selben, so dass man deiner Argumentation folgen kann oder eben nicht!

  • Vor 12 Jahren

    gemach, gemach,
    dem guten kuki muss man so manche frage bis zu 3 mal stellen, damit der konkretisierungs- und focusssierung-Button aktiviert wird.
    :D

  • Vor 12 Jahren

    Naja, in dem Fall wollte ich mit der Bemerkung, dass der "Fall Demmler" nicht unbedingt exemplarisch sein muss, auch ein wenig zurückrudern, weil ich empirisch abgesichertes dazu nicht wirklich sagen kann.

    Hab' das Thema aber auch im RL diskutiert. Wir sind auf die Parallele "Sexuelle Belästigung im Leistungssport" (zum Beispiel durch Trainer) gekommen. Und das scheint kein so brandneues Thema zu sein. Das gab es auch schon früher. Insofern ist es zweifelhaft, hier eine Art zeitgeschichtliche Debatte anzuzetteln. Es ist eher ein Thema für Kinder- und Jugendpsychologen. Für Fachleute.

    Das ändert allerdings nix an meinem grundsätzlichen Unbehagen gegenüber diesem Casting-Wahn. Dieser absurden Idee, "Promis" in Serie fertigen zu können. Normalerweise müsste es darauf ankommen, gerade das Individuelle, das von der allgemeinen Norm Abweichende sozusagen unbeschadet ins Erwachsenenleben hinüberzuretten. Das Promiwesen heute läuft auf eine Art "Marketing von Personalität" hinaus. Der Pop-Theoretiker Diederichsen hat ein interessantes Buch über das ganze Phänomen geschrieben: "Eigenblutdoping". Allein für diesen genialen Buch-Titel müsste man dem schon einen Preis verleihen.

  • Vor 12 Jahren

    detlef oder diederich?
    einer von beiden war doch immer unlesbar.

    keine überrsaschung, dass ich dir bei dem casting wahn zustimme.

    schon der name macht den ansatz deutlich:

    es heißt nicht etwa "sucht den geilsten sänger/musiker/künstler oder songwriter"

    sondern
    "superstar",
    ein begriff, dem - wie schon warhol vor 40 bewiesen hat - überhaubt kein qualitativer maßstab innewohnt.

  • Vor 12 Jahren

    Seine Grundthese ist: An so etwas wie "Gegenkultur" oder "Underground" glaubt heutzutage kein Mensch mehr. Warum? Weil man Personalität "lernen" kann. Bohlen und andere, die's "geschafft" haben, zeigen wie man's macht. Ganz einfach. Und jetzt stellt er die - ziemlich gemeine - Frage, ob das nicht vielleicht irgendwie auch die Erfüllung linker Utopien ist. Auch Du kannst ein Star werden. Auch wenn Du aus einfachen Verhältnissen kommst.

    Meine Ansicht dazu ist übrigens ganz simpel: Es gibt die Welt der Push-Medien - TV zu allererst. Die ist böse. Und es gibt die Welt der Pull-Medien. Internet zu allererst. Und die ist gut. Beide erheben ja den Anspruch, das Versprechen auf eine "Demokratisierung des Starwesens" einzulösen.

  • Vor 12 Jahren

    Er hat das ja nicht pauschal gemacht sondern im erwähnten Kontext. Und so passt das schon.

  • Vor 12 Jahren

    @guelei1 (« @Kukuruz (« Meine Ansicht dazu ist übrigens ganz simpel: Es gibt die Welt der Push-Medien - TV zu allererst. Die ist böse. Und es gibt die Welt der Pull-Medien. Internet zu allererst. Und die ist gut. Beide erheben ja den Anspruch, das Versprechen auf eine "Demokratisierung des Starwesens" einzulösen. »):

    ob du dich mit dieser aussage nicht vielleicht auf dünnem eis bewegst? :\
    das i-net pauschal als "gut" zu bezeichnen...hmmm??? oder ich hab vielleicht die wahre message nicht ganz verstanden... »):

    Natürlich ist es nicht pauschal gut.

    Gemeint sind hier "im Kontext" - wie m73 dankenswerterweise einwarf - die vielfältigen Möglichkeiten der Selbstdarstellung und der Publikation. Im Unterschied zum TV-Casting gehts hier grundsätzlich ohne Meister und Gurus. Oder wenn dann jedenfalls Gurus "auf Augenhöhe".

    Es ist doch klar, dass der "Fall Demmler" ziemlich klasse in dieses Schwarz-Weiß-Bild hineinpasst. Aber so verbohrt bin nicht mal ich, dass ich nicht merken würde, wie zynisch es ist, einen realen Fall, der unter konkreten Umständen verläuft, einfach so für seine "Lieblingsthesen" auszuschlachten.

  • Vor 12 Jahren

    Musik, auch Popmusik ist aber Kunst, und ein Künstler ist nicht der "passendste Bewerber für einen Job" - sondern jemand, der "einen job" überhaupt erst selbst definiert. Er erfüllt keine Erwartungen, er definiert sie. Einzig und allein darauf bin ich neugierig. Was soll ich mit einem weiteren gut abgerichteten Hündchen anfangen? Oder mit jemandem der - wie kürzlich hier in einem Thread vorgeführt - sein Gitarrenspiel auf Vibrationsalarm hochtrainiert. Das ist doch einfach nur langweilig.

    Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob die Öffentlichkeit eine neue Ebene ins Casting hineinbringt. Das Neue besteht ohnehin eher in den Möglichkeiten der neuen Internet-Technologien. Soweit weg vom Thema ist das gar nicht. Denn es geht um die Präferenzverschiebung "Starke Persönlichkeit gesucht" versus "Erwartungen erfüllen". Eine Figur wie Demmler hätte es verdient, herausgefordert und schließlich zur Seite gedrängt zu werden. Stattdessen wird ihm die Rolle eines "Definierers" und eines ersten Sprungbretts in die "Welt der Promis" zugestanden. Da braucht man sich doch nicht zu wundern, wenn so jemand anstelle dessen seine kranken Veranlagungen auslebt.

  • Vor 12 Jahren

    @Kukuruz (« Musik, auch Popmusik ist aber Kunst, und ein Künstler ist nicht der "passendste Bewerber für einen Job" - sondern jemand, der "einen job" überhaupt erst selbst definiert. Er erfüllt keine Erwartungen, er definiert sie. »):

    d a s ist schon jetzt der satz des jahres!

    ganz, ganz großartig auf den punkt gebracht, kuki!

    bitte umgehend nach bremen kommen und exzessives begießen dieses verbalen kleinods einleiten! :whisky:

  • Vor 12 Jahren

    Aber nicht jeder Musiker ist immer wenn er Musik macht ein Künstler und muß es auch nicht sein. Viele kreative Köpfe ihrer Band sind vermutlich mit den anderen Musikern auch nicht anders umgegangen als ein Chef mit seinen angestellten und das trifft höchstwarscheinlich nicht blos auf Musik zu die du, Kukuruz, scheiße findest.
    und @ ann: Der Prozess des Castings wird aber durch die Öffentlichkeit entscheidend verändert. In nem normalen Vorstellungsgespräch ist das Runterputzen der Bewerber schließlich kein Entertainmentfaktor der zu mehr Zuschauerzahlen führt und damit mit mehr Gehalt belohnt wird.

  • Vor 12 Jahren

    ok, aber lass uns die magie dieses wundervoll essentiellen satzes bitte nicht töten.

    denn:

    jeder auf den das zutrifft, was ku' meint, dürfte zu recht ob der behandlung im grassierenden massencastingmechanismus die uzi rausholen!

  • Vor 12 Jahren

    Haha, Du bist ja schon gut in Form, dba, so in der Frühe...

    Die Diskussion über den grassierenden Hyper-Pragmatismus wird aber schon geführt. Ich kann mich an mehrere entsprechende Zeitungsbeiträge voriges Jahr erinnern.

    Klar muss nicht jeder Musiker sich als sonstwie kreativer Künstler verstehen, und man kann es einem zwölfjährigen Mädchen wohl auch kaum verübeln, wenn es an dem Gedanken, Mitglied einer erfolgreichen Girl-Pop-Gruppe zu werden, Gefallen findet. Einfach weils Spaß macht. Da kann man jetzt schlecht mit einem abstrakten Kunstanspruch und der Erwartung von Pop als Form von Widerständigkeit kommen.

    Aber ein wichtiger Punkt ist für mich schonmal die Frage der "Öffentlichkeit". Der Begriff taucht ja hier immer wieder auf. Die Öffentlichkeit gibt es ja eigentlich gar nicht mehr. Früher, als es noch zwei, drei TV-Kanäle, ein bissel Radio und sonst nix gab, da gab es vielleicht noch so etwas wie eine einheitliche Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit zerfällt doch zusehends in mehrere große und kleine Öffentlichkeiten. Das kann man bedauern, man kann es aber auch als Chance sehen. Was hat, um beim Beispiel zu bleiben, eigentlich eine Girl-Pop-Band in der Öffentlichkeit des Unterschichtenfernsehens zu suchen. Von den technischen Möglichkeiten, die sich ja erst gerade entwickeln, wäre es durchaus machbar, ihnen und ihrem Publikum eine eigene virtuelle Öffentlichkeit zu verschaffen. In der sie vielleicht auch die CHance haben, ihre eigenen Maßstäbe und Wertvorstellungen hervorzubringen und nicht die von Dieter Bohlen zu reproduzieren. Es ist nur leider so, meiner Erfahrung nach jedenfalls, dass gerade die neuen Medien (sprich Internet) bei der in Frage kommenden Elterngeneration einen schlechten Stand haben und Misstrauen hervorrufen.

  • Vor 4 Jahren

    Die Vorwürfe sind und waren völlig unbegründet. Alles Hetze!