Grönemeyers neues Album "Schiffsverkehr" kokettiert mit bombastischem Darkwave und NDW-Sehnsüchten.

Berlin () - Das Timing für diesen Stapellauf ist perfekt. Tags zuvor war auch noch Wolfgang Petersen runde 70 Jahre alt geworden, jener Regisseur, der mit "Das Boot" 1981 den westdeutschen Nachkriegs- und Kameraderiefilm in die Kinos gebracht hatte. Ein junger Herbert Grönemeyer spielte damals seine erste große öffentliche Rolle als gebeutelter Leutnant Werner, der die Odyssee des Unterseeboots U 96 als einziger überlebt.

Grönemeyer hat zwar nicht explizit an den 30 Jahre alten Film gedacht, sondern an eine maritime Freiheitssymbolik, als er seinem neuen, 13. Studioalbum den Titel "Schiffsverkehr" gab. Und doch soll es für ihn gleichsam eine Rückkehr und ein Aufbruch zu seinen musikalischen Anfängen sein.

Er habe an seine 80er-Alben "4630 Bochum" und "Ö" anschließen wollen, sagte Grönemeyer am Mittwoch Abend bei der Vorstellung von "Schiffsverkehr" im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Zuvor war das Album der Presse auf einer Spree-Fahrt mit der "MS Mark Brandenburg" vorgespielt worden. Schiffsverkehr gab es dabei kaum.

Darkwave-Stampfer und NDW-Sehnsüchte

In Friedrichshain nahe der Oberbaumbrücke startete der Ausflugsdampfer, mit dem Kapitän Schulze sonst gemütliche Grönemeyer-Fans bei Pils und Bulletten Richtung Regierungsviertel lenkt. "Weg mit dem fixen Problem / Ich will mehr Schiffsverkehr / Endlich auf hohe See", donnert Grönemeyers Stimme unter Deck aus den Boxen.

Die (kraut-)rockige Single "Schiffsverkehr" war vorab bereits eine kleine Überraschung, nachdem sich der bald 55-jährige Grönemeyer zuletzt doch eher von einer pathetischen bis staatstragenenden Seite gezeigt hatte. Noch mehr staunt man allerdings über "Kreuz Meinen Weg", einen bombastischen Darkwave-Stampfer über die Anforderungen an eine Freundschaft.

"Fernweh" kokettiert im Anschluss recht plakativ mit kleinbürgerlichen NDW-Sehnsüchten - für Grönemeyer ist der beswingte Song nicht mehr als eine lockere Fingerübung wie einst "Männer" oder "Alkohol". Mit "Unfassbarer Grund" und "Deine Zeit" folgen zwei akzentuierte Klavierballaden, mit denen er einfühlsamere Töne anschlägt. Sie liefern neues Gefühlsfutter für die Wohnzimmer.

Leichter Hang zu Hauruck-Lyrik

"Unterschreib mit weißer Tinte / Lass Kleingedrucktes übersehn / du darfst nicht gehn". Gerade die Pop-Kritik spottet gerne (und nicht ganz zu Unrecht) über Grönemeyers Hang zu Hauruck-Lyrik und etwas bräsiger Metaphorik. Grönemeyer ficht das nicht an. Er selbst wird auf der Pressekonferenz betonen, dass man Kitsch, egal ob musikalischer oder textlicher Natur, bewusst auch ausreizen müsse. In "Deine Zeit", in dem er die schleichende Demenz seiner Mutter aufarbeitet, gelingt ihm dieser Balanceakt.

Zuletzt hatte Grönemeyer für den Fotografen Anton Corbijn, immerhin auch Vorstandsmitglied bei Grönemeyers Label Grönland Records, den Soundtrack zu dessen Regiearbeit "The American" komponiert. Das zentrale Klaviermotiv des Soundtracks zu dem Thriller hat Grönemeyer für "Schiffsverkehr" zu einem pomösen Pop-Song ausgebaut: "Erzähl mir von morgen" reflektiert dabei auch den Plot, in dem George Clooney als Killer seine Freundin erschießt: "Lieb mich für mich", schließt Grönemeyer mit belegter Stimme.

Zwei weitere der zwölf Songs des Albums (mit "November" gibt es einen Hidden Track) stechen hervor: "Auf dem Feld" setzt sich aus der Perspektive eines Soldaten mit dem Afghanistan-Krieg auseinander, "So wie ich" ist als handfester Country-Song eine ironische Replik auf die Egomanie der Pop-Welt: "Ich bin total in mich verliebt / Ich bin so froh, dass es mich gibt / Und nur bei mir bin ich schön / Ich will mich um mich selber drehen". Wen so viel Eitelkeit beim vorgeblich so bodenständigen Grönemeyer verwundert: den Text hat nicht er sondern sein Bassist Norbert Hamm geschrieben.

Wer Herbert will, bekommt Herbert

Als "druckvoll", "kompakt" und "leidenschaftlich" bezeichnet Grönemeyer sein Album, das etappenweise in Stockholm, Berlin, London und New York entstand. Dem lässt sich nach einem soliden Ersthöreindruck nicht widersprechen. Wer Herbert will, bekommt Herbert.

Die interaktive, gestreamte Fragerunde mit jungen Hörern aus sieben zugeschalteten, öffentlich-rechtlichen Radiostationen dagegen liefert abseits eines routinierten Frage-Antwort-Boheis einzig die Erkenntnis, dass sie es sein werden, die "Schiffsverkehr" in den kommenden Wochen gnadenlos mit Airplay promoten werden. Die U 96 würde da sofort auf Tauchstation gehen.

Fotos

Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Herbert Grönemeyer,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof)

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