Die 25 Teilnehmerländer für Samstag stehen fest. Der bullenreitende Stripper aus San Marino ist nicht dabei.

Turin (leb) - Seit gestern Abend stehen die letzten Teilnehmerländer des ESC-Finales am Samstag in Turin fest, gestern Abend qualifizierten sich noch Belgien, die Tschechische Republik, Aserbaidschan, Polen, Finnland, Estland, Australien, Schweden, Rumänien sowie Serbien. Bereits am vergangenen Dienstag schafften die Schweiz, Armenien, Island, Litauen, Portugal, Norwegen, Griechenland, Ukraine, Moldau und die Niederlande den Sprung in die Endrunde. Ebenfalls am Start die Big Five des ESCs 2022: Großbritannien, Frankreich, Spanien, Deutschland und Gastgeber Italien.

Aber stellt euch erst mal vor, gleich ist Showtime, und ihr seid als Host völlig ohne Plan: Allessandro Cattelan fühlt genau das. Drum schleicht sich der Moderator erst mal Backstage, nur um dort aufgefordert zu werden, nachher auf der Bühne zu tanzen: "Oh, I don't know how to dance", fällt seine Antwort aus. Dumm gelaufen, aber da muss er durch. Davor erwähnt Cattelan noch mal das Motto "Sound of Beauty" und spielt mit den Vorurteilen einiger der teilnehmenden Länder: "French elegance", "British humor", "Swiss punctuality". Dazu gesteht er ein, dass die Italiener die Fähigkeit haben, ohne Plan Dinge zu tun und diese trotzdem zu meistern. Ein bisschen Selbsterkenntnis schadet nie.

Auf der Bühne angekommen, macht Cattelan dann, was ihm aufgetragen wurde: Wenn er die Drums hört, Arme ausbreiten und los. Unterstützt wird er von Tänzer*innen, die ihr Handwerk natürlich besser beherrschen. "Sehr lustiger Beginn beim zweiten Semi-Finale", befindet Peter Urban aus dem Off. Wenig später geht die Sonne auf, als Mika in komplett gelber Robe ins Bild kommt und mit Kollegin Laura Pausini Händchen hält, um noch mal die Spielregeln zu erklären. Danke dafür, doch eigentlich warten alle nur auf einen: Leo, die Drohne.

Fulminante Finnen, geht so Georgier und spezielle Serbin

Den Auftakt der zweiten ESC-Runde macht die "berühmteste Band Finnlands", The Rasmus. Hat Peter am Ende tatsächlich Lordi vergessen? Wobei die Übertreibung gar nicht so weit hergeholt ist, da The Rasmus 2003 mit "In The Shadows" ein europaweiter Nummer-eins-Hit gelang. Beim ESC treten sie mit "Jezebel" an. Der Song peitscht nach vorne, liefert Linkin Park-Vibes und Hymnen-Potenzial. Auch Bühnenbild und Performance passen: Frontman Lauri steht zu Beginn mit finsterem Blick in gelber Regenjacke da, Mikro in der einen, gelben Ballon in der anderen Hand. Dann lässt der Finne das Ballönchen los und steigt zu seiner Band auf die Bühne. Später lässt Lauri noch seine Regenjacke fallen und rockt oberkörperfrei weiter. Und das Publikum singt "Jezebel" mit, als ob es nie etwas Anderes getan hätte. Peter Urban: "Das könnte doch auch ihr Comeback sein".

"BAAAAABYYY" schreit Israels Michael Ben David beim Song "I.M" ins Mikrofon. Wow, hohe Töne treffen kann der Gute schon mal. Ansonsten erinnert die durchschnittliche Pop-Dancenummer mit nahöstlichen Klängen ein wenig an "Toy" von seiner Kollegin, der ehemaligen ESC-Gewinnerin Netta. "Die gesungene und getanzte Pride-Parade", befindet The Urban Legend. An niemanden erinnert wiederum Konstrakta aus Serbien. In ihrer serbisch-lateinischen Nummer "In Corpore Sano" singt sie über die mentale Gesundheit von Künstler*innen, dazu wäscht sie sich u.a. die Hände. Ein durchaus spezielles Satement für Augen und Ohren bzw. in Urbans Worten: "Mit Minimalismus riesiges musikalisches Theater".

Kein Theater, sondern Zirkus bietet Georgien. Das Künstlerkollektiv Circus Mircus versteckt sich hinter auffälligen Hüten, Brillen und Perücken. Ihr Synthie-Electromix klingt ganz lässig, zündet aber nicht richtig. Schade eigentlich. Malta schickt mit Emma Muscat ein 80 Millionen Dollar schweres Mädel ins Rennen, das mit "I Am What I Am" einen potenziellen Radiohit ohne Highlights abliefert. Das gilt auch für Nadir Rustamli aus Aserbaidschan. Singen kann der The Voice Azerbaijan-Sieger allemal, doch sein melancholisches Geschluchze sorgt statt Feelgood-Vibe eher für depressive Stimmung.

Daddy Richter, Sohn Stripper

Kurze Verschnaufpause, dann kommt gleich der heiß ersehnte Auftritt aus San Marino. Doch zuvor stimmt Laura Pausini die Melodie des bekannten italienischen Sanremo-Festival an, das sie einst selbst mit 18 Jahren gewann. Der bedeutendste Musikwettbewerb Italiens diente zudem als Vorbild zum wenige Jahre später stattfindenden Grand Prix. Für Italien sei dieses so etwas wie Thanksgiving für die Amis, Midsommar für die Schweden und royale Hochzeiten für die Briten, betont sie. Stichwort: Klischees. Aber was solls.

Über San Marinos Achille Lauro erfahren die Zuschauer*innen dann, dass sein Daddy als Richter am obersten italienischen Gerichtshof arbeitet. Kein Wunder, dass Sohnemann so rebellisch ist. Sein Song "Stripper" sei übrigens eine feministische Hymne: Im halbdurchsichtigen Body und Cowboyhut steht er auf der Bühne, während Drummer und Keyboarder in Käfigen sitzen. Böse Zungen könnten behaupten, dass die Rocknummer musikalisch und Achille optisch an Måneskin erinnern. Doch den Bandkollegen während des Auftritts knutschen, auf einem Samtbullen reiten und am Ende Feuerwerk, das brachten die letztjährigen Gewinner nicht. "Habe ich zu viel versprochen?" Nein Peter, hast du nicht.

Die Umbaupause nutzt Mika, um von ESC-Superfans zu erzählen. Als ihm schließlich die Worte ausgehen, eilt Kollege und neuer Let's Dance-Star Allessandro zu Hilfe. Dann kommt auch schon Sheldon Riley. Der australische Sänger mit Asperger-Syndrom trägt eine Kette, die sein Gesicht verdeckt. Seine Stimme erinnert verblüffend an Sam Smith. Nach gut der Hälfte der Power-Ballade legt er die Maske ab. Emotional total berührt schluchzt er nach der Performance: "The ESC was my biggest Dream". Süß.

Was würde wohl Debbie Harry sagen?

Bei den Auftritten von Zypern, Irland und Nordmazedonien bleiben die Kommentare Urbans das Legendärste. Zur Bühnenkulisse von Zyperns Andromache meint er: "War das nun die Geburt der Venus nach Botticelli oder doch nur eine Kurmuschel?" Über Irlands Brooke, die einen Blondie-inspired Song schmettert: "Was würde Debbie Harry sagen? Okay, Blondie für Kids". Bei der nordmazedonischen R'n'B-Nummer "Circles" von Andrea stellt der Kommentator fest, dass beim ESC diesmal viele Songs von toxischen Beziehungen handeln würden. Er frage sich, ob dies eine Nachwirkung des Lockdowns sei. Hat er nicht gesagt – doch er hat.

Stefan war zuhause schon Masked Singer-Kandidat und Sexiest Man Estlands. Jetzt vertritt er sein Land beim ESC: "Hope" erinnert melodisch an Mans Zelmerlöws Siegertitel "Heroes" (2015) bzw. die Charthymne "Power Over Me", könnte aber auch als Theme-Song eines Western durchgehen. Der Este wirkt auf der Bühne selbstbewusst, fast wie ein Johnny Cash Estlands. "Wow, eigentlich hätten sie den Bullen wieder auf die Bühne holen können", findet Peter Urban.

In der anschließenden Pause fragt Mika, was "The Sound Of Beauty" eigentlich bedeute. Gute Frage. Einige Antworten präsentiert der Einspieler: Eingießen von Kaffee, Hundebellen, Natur, Kirchenglocken, Trubel auf der Straße, Sektgläser, Jubel beim Fußball oder Amore.

Einmal alles, bitte!

Die letzten sechs Auftritte bieten dann einmal die volle Ladung von allem. Rumäniens Torero WRS mit seiner spanischen Was-auch-immer-Nummer gehört gesanglich nicht zu den stärksten Kandidaten. Dem Publikum gefällts trotzdem. "Spanischer Abend im rumänischen Ferienclub – kommt aber bombastisch an", urteilt Urban. Ochmann aus Polen bietet eine radiotaugliche Nummer mit ziemlich starkem Gesang. Das Kontrastprogramm liefert Vladana aus Montenegro. Ihr melancholischer Titel "Breathe" ist der verstorbenen Mutter gewidmet. Auch der belgische Youngster Jérémie Makiese mit Justin Timberlake-Stimme, Cornelia Jakobs etwas überbewertete aber dennoch solide Schweden-Popnummer und We Are Domis Electro-Dancesong "Light Off" (Tschechien) kommen beim Publikum gut weg.

Nach dem Schnelldurchlauf aller Titel folgt ein Duett von Laura Pausini mit Mika. Man singt u.a. Patti Smiths Friedenshymne "People Have The Power", "It’s terrifying to sing on stage", betont Mika. Etwas Werbung und ein Pläuschchen mit Chanel aus Spanien, Sam Ryder aus Großbritannien und Deutschlands Malik später fällt die Entscheidung. Davor aber noch der Einsatz des Mannes, der wie Pierce Brosnan als James Bond wirkt: ESC-Boss Martin Österdahl. Ins Finale schaffen es, wie eingangs erwähnt: Belgien, die Tschechische Republik, Aserbaidschan (Überraschung 1), Polen, Finnland, Estland, Australien, Schweden, Rumänien (Überraschung 2) und Serbien (Überraschung 3). "Wir sehen uns am Samstag um 21 Uhr. Peter Urban sagt Ciao, Bye bye und bis Samstag." Und bis dahin noch ein paar Twitter-Impressionen:

Fotos

Mika und The Rasmus

Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © laut.de (Fotograf: Michael Schuh) Mika und The Rasmus,  | © LAUT AG (Fotograf: ) Mika und The Rasmus,  | © LAUT AG (Fotograf: ) Mika und The Rasmus,  | © LAUT AG (Fotograf: ) Mika und The Rasmus,  | © LAUT AG (Fotograf: ) Mika und The Rasmus,  | © LAUT AG (Fotograf: )

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