New York in den 80ern, Außenseitertum, der "Fight For Your Right"-Riesenpenis und Selbstkritik: Ein popkulturelles Zeugnis auf 542 Seiten.

Konstanz (mbr) - Einen Buchdeal für ihre Autobiografie hatten die Beastie Boys eigentlich schon seit 2013 in der Tasche. Allerdings, so erklärte Bandmitglied Mike Diamond: "Wie viele Dinge, die wir anpacken, gab es viele Fehlstarts und eingeschlagene Richtungen, ehe wir realisierten, dass dies nicht die Richtungen sind, in die wir gehen sollten". Fünf Jahre später liegen die Memoiren der legendären New Yorker Band im konsequent "Beastie Boys Buch" betitelten Werk gebündelt vor uns. Es war zu erwarten, dass dies keine 08/15-Rockstar-Biographie werden würde.

Das Buch beginnt mit einem Hommage-Kapitel an den 2012 verstorbenen, dritten Beastie Boy Adam Yauch. "Er war der Joker, den das Schicksal aus dem Ärmel zog, um dem Lauf der Dinge eine neue Richtung zu geben", erinnert sich Adam Horovitz. Yauch, der Abenteurer, der treibende Motor, das unerschöpfliche Fachwissen der Band, der die anderen mit seinem Enthusiasmus stets antrieb – aber in erster Linie Yauch, das Familienmitglied. Dieser Eindruck steht bei den Erzählungen von Horovitz und Diamond stets im Vordergrund: das Zusammengehörigkeitsgefühl, auf dem die Band basierte.

Popkulturelles Zeugnis

Natürlich ist das Buch nicht nur eine Aneinanderreihung von Anekdoten, sondern eher ein historisches Pop-Kulturzeugnis. Es handelt von der Entdeckung des Punk, von New York in den 1980er-Jahren, vom Außenseitertum und der Suche nach Gleichgesinnten, von längst geschlossenen Clubs und vom ersten Versuch, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Um Hardcore-begeisterte Kids, die gemeinsam mit Henry Rollins in der ersten Reihe auf einem Black-Flag-Konzert stehen und ein gemeinsames Erweckungserlebnis haben: Rollins wird bald darauf Sänger der Band, die anderen gründen selbst eine.

Alles beginnt – das steht in den Geschichtsbüchern geschrieben – mit der Gründung der Young Aborigines 1979 mit Mike D am Gesang, MCA am Bass, dem 2015 verstorbenen John Berry an der Gitarre und Kate Schellenbach an den Drums, aus denen später als Nebenprojekt die Beastie Boys werden. Irgendwann weicht die Liebe zum Hardcore jener zum Hip Hop – und alles schlägt eine ganz neue Richtung ein. Wie es weitergeht, ist allseits bekannt – irgendwann trifft Band auf Produzentenlegende Rick Rubin und schreibt ordentlich Geschichte.

Riesenpenis

Ulkige Anekdoten? Im Überfluss. Unvergessen beispielsweise der Riesenpenis, der bei "Fight For Your Right (To Party)" stets als Bühnedeko stramm stand. "Immer wieder wurde behauptet, es sei ein aufblasbarer Penis. Es ist kein aufblasbarer Penis. Es ist ein hydraulischer Penis. Er liegt in einer 1,5 mal 1,5 Meter großen Holzkiste in New Jersey", klärt Horovitz auf. "Das hielten wir damals für eine lustige Idee. Aber manchmal muss man wirklich nachdenken, bevor man so einen Blödsinn macht. Werden deine Liebsten sich dafür später schämen? Ja! (...) Und am Ende zahlt man 30 Jahre lang Miete für den Raum, in dem der Penis in einem Karton lagert."

In einem der bemerkenswertesten Kapitel kommt auch Kate Schellenbach zu Wort, die später mit Luscious Jackson bekannt werden sollte. Zu den Beasties pflegte sie immer ein freundschaftliches Verhältnis – allerdings habe sie mit der Wandlung der Band unter Rubin menschlich wenig anfangen können.

Ein Auszug: "In den nächsten Monaten hingen die Jungs vorwiegend mit Rick ab, feilten an Raps und produzierten Backing-Tracks (...) Auch wenn ich es noch immer schätzte, mich mit ihnen über Musik und Sounds auszutauschen, so spürte ich doch, dass ich meine Freunde verlor. Wann immer sie mit Rick zusammen waren, nahmen sie seine großkotzige Attitüde an, ließen den breitbeinigen Rapper raushängen, machten sexistische Witze und verhielten sich wie ausgemachte Dumpfbacken. Ihre Raps beschäftigten sich nur noch mit der Länge ihres Schwanzes und den unzähligen Mädchen, die mit ihnen ins Bett wollten. Dass sich die einstigen Nerds, die mich oder andere Mädchen nie auf Sex reduziert hatten, nun plötzlich echte Arschlöcher präsentierten, wollte mir nicht in den Kopf." Später, so Schellenbach, hätten sich die Beastie Boys öffentlich für homophobe Äußerungen entschuldigt und das Verhältnis zu Schellenbach verbesserte sich. Schön auch das Ende ihrer Erzählung: "Rick Rubin, dieser Dumpfbacke, bin ich nie wieder begegnet."

Adam Horovitz und Michael Diamond legen nicht nur eine selbstkritische Autobiografie vor, sondern einen echten Brocken von einem Patchwork-Schmöker. Von Kochrezepten über Erläuterungen über die Romantik von Mixtapes, von großartigen Anekdoten vom Aufstieg bis Erinnerungen an MCA – und nicht zu vergessen die zahlreichen grandiosen Fotos: "Beastie Boys das Buch" ist definitiv eines der Musikbücher des Jahres.

Beastie Boys Buch*, Adam Horovitz, Michael Diamond, Heyne Hardcore, 542 Seiten, 40,00 Euro.

Wenn du über diesen Link etwas bei amazon.de bestellst, unterstützt du laut.de mit ein paar Cent. Dankeschön!

Weiterlesen

laut.de-Porträt Beastie Boys

Oh Gott, weiße Jungs produzieren Hip Hop. No Chance. So oder so ähnlich muss die Öffentlichkeit geurteilt haben, als die Beastie Boys 1987 die Welt …

Noch keine Kommentare