"Black Mamba" markiert die Ankunft einer heiß erwarteten Girlgroup - und ist das bislang größte K-Pop-Debüt aller Zeiten.

Seoul (ynk) - Die größte Stärke des K-Pop-Genres ist es, vielversprechende Sounds und Ästhetiken aufzuspüren und ihre Mainstream-fähigste Iteration zu finden. Jedwedes Genre, jede Subkultur und jedes Throwback wurde schon von koreanischen Produzenten durch die Hyperpop-Mangel gedreht. Manchmal funktioniert das nicht, manchmal funktioniert es spektakulär.

Zumindest ein bisschen spektakulär ist in diesem Sinne der Auftakt der neuen Girlgroup Aespa. Die wurde nicht nur mit extremer Erwartung bedacht, weil sie aus dem vielleicht besten Haus für weibliche Gruppen der großen K-Pop-Labels stammen. Viel mehr weckt die Band, deren Name für "Avatar Experience" steht, Interesse durch einen ungefilterten Futurismus in Sound, Vibe und Text. In 24 Stunden wurde ihr Debütsong "Black Mamba" über dreißig Millionen mal angesehen. Ein Rekord für das Genre. Zeit, sich vertraut zu machen:

Wie viel zeitgenössischer K-Pop setzt auch diese Nummer auf die Reizüberflutung. Was strukturell durchaus an Blackpink oder ITZY erinnert, hebt sich vor allem durch Kontext und Ästhetik ab. Die donnernden Bass-Wände und hypermodernen Synthesizer-Riffs klingen so Cyberpunk, wie das Musikvideo aussieht. Digitale Interfaces schwelen in der Luft, Simulation tröpfelt durch jede Mattscheibe in die Wirklichkeit und grelle Neonlichter pulsieren durch die Winkel jeder Kulisse.

In Sachen Sound-Design klingt Aespa, als hätte man "Miss Anthropocene" von Grimes und "The Fat Of The Land" von Prodigy auf die Mainstream-tauglichsten Ideen durchkämmt und in das Tempo-Korsett von EDM-Trap verbannt. Es ist ein ungestümer, etwas klobiger Song, an dessen Gangart man sich erst einmal gewöhnen muss. Besonders, wenn die starken Stimmen der vier Protagonistinnen sich zu militanten Chants und epochalen Runs nicht zu leichtfüßig zeigen.

Aber dieses Monumentale wird dem Thema gerecht: "Black Mamba" ist musikalisch die beste Instanz von Popcorn-Kino. Es ist laut, eingängig und windet schwere Themenkomplexe in ein überraschend konsumierbares Gewand. Im Gegensatz zu den meisten K-Pop-Songs schlägt sich hier das Thema auch in den Lyrics durch. Die besungene "Black Mamba" ist ein spiegelndes Phänomen, das in der fiktive App KWANGYA auftaucht. Aespa singen über ein dystopisches soziales Netzwerk, in dem sie Kopien ihrer selbst begegnen: Es ist Kanon der Gruppe, dass die Mitglieder Winter, Karina, Giselle und Ningning jeweils einem digitale Avatar als Konterpart ihrer selbst im Line-Up begegnen.

So zeichnen sie in "Black Mamba" die ambivalente Begegnung mit ihrem idealisierten Gegenüber. Erst die Begeisterung über einen vermeintlich perfekten Gesprächspartner, dann die Furcht vor einem sich verändernden Selbst in der digitalen Welt. Ob man den Song als Allegorie auf die Wirkweisen von sozialen Medien liest oder sich auf die in den nächsten Songs fortgesetzte Storyline der Gruppe wörtlich einlassen will: Aespa ist ein beeindruckend ambitioniertes Projekt. Mit einem starken Debütsong und der verdient gigantischen Aufmerksamkeit darauf könnte Aespa am Beginn eines spannenden Hypes stehen.

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laut.de-Porträt Aespa

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9 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 13 Tagen

    Immer der gleiche Rassismus in der Kommentarspalte, wenn K-Pop besprochen wird. Abartig...

  • Vor 13 Tagen

    Also ich finds Geil, geht gut ab und macht Laune. Mehr erwarte ich von Pop nicht, egal woher.

  • Vor 12 Tagen

    Weiß gar nicht, was Ihr alle dagegen habt, dass jemand von laut.de seine Meinung zu aespa schreibt. Ich finde es durchaus positiv zu bewerten, dass laut.de aus seinem Tiefschlaf erwacht ist und offen für Musik ist, die außerhalb dem Musikgeschmack ihrer Kern-Abonnentenschaft von vor 10 Jahren liegt. Man muss K-Pop ja nicht mögen, aber wer die Größe darin durch seine objektive Brille nicht erfassen kann, muss wirklich was verschlafen haben. K-Pop kommt gleich nach den Beatles!

    • Vor 11 Tagen

      "K-Pop kommt gleich nach den Beatles!"

      Bestes Getrolle seit Langem, chapeau.

    • Vor 11 Tagen

      "Man muss K-Pop ja nicht mögen, aber wer die Größe darin durch seine objektive Brille nicht erfassen kann, muss wirklich was verschlafen haben."

      Das ist für mich, sofern wirklich ernst gemeint, an Absurdität nicht mehr zu überbieten. Auch dafür, Chapeau. Ohne Drogen ausgedacht? Gleich nochmal Chapeau!