laut.de-Kritik

Eine Liebeserklärung an Frankfurt.

Review von

Wenn man Ende der 1980er in Frankfurt in die S4 stieg, konnte es einem passieren, dass man auf dem Weg nach Rödelheim einem aufkommenden Star begegnete. Dem Newcomer aus Hessen, der es mit "Twilight Zone" irgendwie in die deutschen Top 30 geschafft hatte. Diesem Song, den die später als Snap! bekannt gewordenen Michael Münzing und Luca Anzilotti produzierten. Man munkelt jedoch, dass dieser Erfolg ausschließlich auf südhessischen Pausenhöfen und Autoscootern entstand und sich der Rest von Deutschland etwas verwundert die Augen rieb. Wir Checker kannten Moses P. hingegen schon seit Rico Sparx' "Ay Ay Ay (What We Do For Love)".

Nach diesem Achtungserfolg wurde es die nächsten Jahre still um ihn. Mit "Die Da!?!" riefen die Fantastischen Vier 1992 endgültig die niedlichste Version des Hip Hops zu seinem Alleinherrscher in Deutschland aus. Gerappte Witzchen, die nur wenig mit dem zu tun hatte, was Pelham unter Hip Hop verstand. So kam es, dass er 1994 mit dem Rödelheim Hartreim Projekt antwortete. Mit welcher S-Bahn er nach Stuttgart reiste, ist nicht überliefert. Sicher ist jedoch, dass er ihnen dort mit "Direkt Aus Rödelheim" einen schönen, dampfenden Haufen vor die Tür setzte, zurück nach Frankfurt fuhr und so einiges in der Entwicklung des deutschen Hip Hop gerade noch rechtzeitig zurecht rückte. So seltsam das Debüt der Band aus heutiger Sicht zeitweise wirkt, so wichtig war es damals.

In den folgenden Jahrzehnten reihte Pelham mit 3P viele Hits aneinander, schenkte uns Sabrina Setlur und Cassandra Steen und brachte Xavier Naidoo über uns. Mit "Nostalgie Tape" schafft er nun sogar den Weltrekord, als erster und einziger Rapper weltweit über fünf Dekaden hinweg in den offiziellen Deutschen Charts vertreten gewesen zu sein. "Twilight Zone" sei Dank. Mindestens genauso oft, wie er Hits landete, handelte er sich in seiner Außendarstellung einen Klops nach dem anderen ein. Doch egal, was er gerade wieder angestellt hatte, für einen Frankfurter Jung galt immer eins: Moses Pelham mag vielleicht manchmal ein ziemlicher Depp sein, aber er ist unser Depp!

Nun, im Alter von 50 Jahren, muss man niemandem mehr etwas beweisen. Man muss sich nicht neu erfinden, keinen neuen Trend setzen und auch keinem hinterher hecheln. Man macht schlichtweg, worauf man Lust hat. Den oft verkopften Ballast der letzten Alben wie "Emuna" wirft Pelham über Bord. "Nostalgie Tape" macht kein großes Geschiss. Es ist knapp, spontan, direkt, wütend, versöhnlich und auf den Punkt. Es ist nostalgisch, behält den Blick aber immer nach vorne gerichtet. Man merkt dem Longplayer in jeder der wenigen Minuten an, wie viel Spaß der Rödelheimer bei den Aufnahmen hatte.

Die Nostalgie im Titel bedeutet nicht, dass der Sound sich bequem in das Sofa von gestern fläzt. Vielmehr speist er sich aus dem Gestern und Heute. Die Features folgen diesem Beispiel. Mit Cora E. gibt es Ausflüge in die Steinzeit, Marteria und Vega führen ins doch gerade erst zurück liegende Mittelalter, Namika und … äh, Johannes Oerding (?) ins Jetzt. Pelhams Texte bergen Atari ST und Chevignon-Jacken.

Selbst zu seligen RHP-Zeiten war er nicht so sehr Hessen, so sehr Frankfurt, so sehr Rödelheim. Über weite Strecken stellen die Tracks eine Liebeserklärung an die Stadt am Main dar. Genau hier trifft er mich Frankfurter im Exil an der schwächsten Stelle. Wenn Pelham in "Nichts Ist So Schön Wie Du" von Stadtteilen, der Skyline und der Eintracht rappt, wenn Iz - König des Anti-Flows – in "From Frankfurt With Love" nach einer 1980er Beatbox von "Schöppchen", "Frankfurter Kranz", "Mispelchen" und "Handkäs' ohne Musik" spricht (!), bleibt mir nur eine Antwort: FRANKFURT AM MAIN, und die Wertung purzelt nach oben. Ich bin so einfach gestrickt.

"Nostalgie Tape" bietet aber genug weitere Songs, derentwegen mir dieser sentimentale Ausrutscher nicht peinlich sein muss. "Lappen Wie Du" zählt zu seinen besten Tracks. Reduziert, markant und politisch wie selten platzt seine Wut über BILD, Rassisten, Querdenker und AfD aus Pelham heraus. "Lappen wie du bedrohen grad' die Welt, jetzt zieh' die Maske auf / Euch Lappen gehört der Strom abgestellt sowie das Wasser auch / Was wollen die Lappen hier? Und da ich dich Lappen grade seh' / Wegen Lappen wie dir wählen andere Lappen AFD / Warum sind Lappen wie du, verfickte Scheiße, grad' so frech / und fanden am dritten Reich nich' alles schlecht, huh? / Echt, das ganze Lappentum erscheint mir gerade zu beliebt / Was können die Lappen für dich tun, Mo? / Suizid." Man muss den Namen Naidoo nicht aussprechen, um zu erahnen, dass auch dieser in das Lappen-Profil passt. Als wäre das nicht genug, lässt der hartnäckige Ohrwurm bereits nach dem ersten Durchgang nicht mehr los.

Die Zusammenarbeit mit Marteria steht diesem Stück in nichts nach. Der Titel "L'Chaim Habibi" setzt Hebräisch ("Auf das Leben") und Arabisch ("Mein Schatz") händchenhaltend Seite an Seite: ein aus tiefster Seele positiver Track. Ein Ja zum Leben, zur Freundschaft und zu berauschenden Gewächsen, bei dem sich die Menschheit dereinst beim Erreichen des Weltfriedens in den Armen liegen wird. Mit diesen Tracks im Hinterkopf, lässt sich Oerdings Songpoeten-Hook in "Diese Liebe" auch besser überstehen.

"Was Bleibt?" führt noch einmal zurück zu den 1980ern und frühen 1990ern, über Chucks, BMX und Bomberjacken direkt ins Kinderzimmer des Frankfurters. "Das Ganze hier auf Pause zu stell'n / Ist wahrscheinlich auch kein Ausweg aus 'ner grausamen Welt", erkennt er jedoch im Gegensatz zu vielen anderen. All jenen, die einst aufmuckten, die Musik von gestern beschimpften, sich irgendwann selbst verloren haben und nun über die Jugend von heute und ihr ehemaliges Spiegelbild schimpfen. Jenen, die zu ihrem ehemaligen Feindbild mutierten und dies nicht einmal merken.

Nostalgie ist etwas Wohliges, kann uns sogar Kraft geben, aber niemals darf sie uns bestimmen. Egal, wie bockig wir uns auch auf den Boden werfen, die Zeit interessiert das nicht. In dem Moment, in dem wir nicht aufpassen, zieht sie an uns vorbei und lässt uns alleine und frustriert mit einem "Früher war alles besser" im Mund zurück. Pelham hat die Gefahr erkannt: "Ich schnall's, das ist alt, das hält sicher / Ist falsch, was mal galt, gilt nicht mehr / Und ja, das war mal der Mittelpunkt / Gar kein Drama, aber der Shit ist um / Schau, wir könn'n gestern gerne weitersuchen / Auch jetzt und diese Zeit verfluchen / Ich glaub', mich flasht's net, ich steig' diese Stufen / Hinauf, denn das Bessere bleibt der Feind des Guten / Um den Punkt zu benenn'n, er ist irgendwo dazwischen / Dass die Jungen es könn'n und die Alten es wissen / Sie sagen, so geschieht es jeden Tag / Und so entsteht die Gegenwart."

Eine gesunde Einstellung, die das ganze "Nostalgie Tape" bestimmt, ein spontanes und voller Spielfreude steckendes Album. Ein Album wie eine Kassette, die er mal eben mit Freunden aufgenommen hat und dir jetzt zusteckt. Wenn mir Moses Pelham also aus der Heimat ein "From Frankfurt With Love" entgegenschleudert, bleibt mir als Antwort diesmal nur ein Danke für die Liebe und from Konstanz with respect. L'Chaim Habibi.

Trackliste

  1. 1. Jacky Cola
  2. 2. Ready 2 Die
  3. 3. Hold Me
  4. 4. Lappen Wie Du
  5. 5. L'Chaim Habibi
  6. 6. Insignia
  7. 7. Diese Liebe
  8. 8. Wenn Du Zahlst
  9. 9. RKI
  10. 10. Bleib Bitte
  11. 11. From Frankfurt With Love
  12. 12. Heute Nich
  13. 13. Nichts Ist So Schön Wie Du
  14. 14. Was Bleibt?

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