laut.de-Kritik

Jazz im Zeichen des Kontrapunkts.

Review von

Moondog. Moon...was? Moondog nannte sich der US-Amerikaner Louis Thomas Hardin, geboren 1916, verstorben 1999. Er selbst bezeichnete sich als Exzentriker. Dass er mit dieser Selbsteinschätzung ganz richtig lag, verdeutlicht die Tatsache, dass er Ende der 1940er-Jahre in New York auf der Straße in kompletter Wikinger-Montur Rezitationen, Gedichte und kleine Musikstücke zum Besten gibt, um so seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Abseits des etwas spleenigen Auftretens war Moondog jedoch Musiker durch und durch. Beeinflusst von klassischen Komponisten wie Beethoven, Wagner und Tschaikowsky reifte in ihm alsbald das Bedürfnis heran, selbst als Komponist aktiv zu werden. Dabei ist es schwer wenn nicht ganz und gar unmöglich, Moondog irgendeinem Genre zuzuordnen. Irgendwo zwischen Klassik, Avantgarde, Jazz und Minimal Music scheint er seine musikalische Heimat gefunden zu haben.

Er war jedoch schon lange Zeit aktiv, bevor der Begriff "Minimal Music" Einzug in die Musikhistorie fand. Deren bekannteste Protagonisten Philip Glass und Steve Reich geben Hardin als Einfluss an und pflegten ein freundschaftliches Verhältnis mit dem sympathischen bärtigen Typen mit dem Sockenschuss.

Moondog selbst sah sich musikalisch aber nicht unbedingt als Minimalist. Er selbst komponierte stets streng nach kontrapunktischen Vorgaben - und das alles in Braille-Schrift, verlor er doch als 16-Jähriger sein Augenlicht.

Kommerziell hat sich die Musik für den Künstler im Verhältnis zu seiner Schaffenskraft nie in angemessenem Maß ausgezahlt. So produktiv er auch war: In den Augen der Öffentlichkeit fand und findet Moondog eigentlich kaum statt. 1994 war es ihm jedoch beschieden, mit den Aufnahmen zu "Sax Pax For A Sax" ein größeres Publikum anzusprechen.

Im Mittelpunkt des Albums steht das Saxophon. Ausgerechnet! Für den ein oder anderen rangiert das Instrument auf der Beliebtheits-Skala in unmittelbarer Nachbarschaft mit der Blockflöte, der Otamatone oder dem Dudelsack. Moondog legte seine Kompositionen als Hommage an den Erfinder des Saxofons an und gab ihnen im Albumtitel gleich eine Botschaft mit. Dem Saxophon, das oft in Militärkapellen zu hören war, schickte er den Frieden (pax) mit auf den Weg.

An den Aufnahmen waren insgesamt neun Saxophonisten beteiligt, die unter dem Banner der London Saxophonic firmierten. Fun Fact am Rande: Einer der Tröter hört auf den Namen Will Gregory und macht nur ein paar Jahre nach diesen Recordings mit einer gewissen Alison Goldfrapp Weltkarriere.

Das Nonett mit seinen Holzblasinstrumenten verbreitet einen Sound, der nach Big Bands der 1930er klingt, als dieser Klang die Swing-Ära prägte. Beschwingt, teils euphorisch, aber stets mitreißend. Das erste Statement "Dog Trot" macht seinem Namen alle Ehre. Wie ein arrogant dahin schlendernder Straßenköter im Jazz-Gewand hoppelt der Hund dahin.

Moondog selbst gibt hier wie auf der kompletten Platte auf der Bassdrum den Takt vor, um den sich zahlreiche Sax-Melodien schlängeln. Klingt wie improvisiert? Jaha, von wegen! Alles, das man hier hört, ist bis ins kleinste Detail ausgetüftelt und niedergeschrieben vom Meister selbst. Mag man kaum glauben, so locker und fluffig trötet es durch die Lande.

Im selben Tempo fährt Moondog mit einer Liebeserklärung an die französische Hauptstadt fort. "Paris" mit seinem Männerchor-Gesang hinterlässt in der Tat den Eindruck einer "Big Band auf Lachgas, wie es der Musikkritiker David D. Duncan dereinst formulierte. "When I'm walking down the avenue, I'm as high as Eiffel is to you" ... das wuppt, das macht einfach Spaß.

Sein wohl bekanntestes Stück "Bird's Lament", eine Hommage an Charlie Parker, den Gott am Alt-Sax, nimmt sich daraufhin etwas zurück. Die Neu-Aufnahme des bereits 1969 erschienenen Liedes erlangt im Remix von Mr. Scruff unter dem Namen "Get A Move On" 2001 noch einmal größere Popularität und brachte allerorten Beine in Tanztempeln zum Schwingen. In der Mitte des Albums brechen "Sea Horse" und "Fiesta" die Saxophon-Dominanz. Zwei wunderschöne Klavier-Interludes lockern die Atmosphäre auf und leiten in den zweiten Teil über.

Ein Charakteristikum besitzen alle Stücke mit Blasinstrumenten-Beteiligung: die Melodieführung der einzelnen Stimmen. Diese umgarnen sich, flirren um sich selbst und um ihre Nachbarn, steigen auf und ab und kommen irgendwann wieder zusammen. Klingt nach Kanon? Durchaus. Dennoch entsteht nie der Eindruck einer perfekt durchchoreografierten Performance.

In dieser Gemengelage erschafft Moondog die vielfältigsten Stimmungen. Von melancholisch getragen ("New Amsterdam") über coole Tiefton-Akrobatik ("Present For The Prez") und naiv-kindlich klingende Fingerübungen ("Mother's Whistler") bis hin zu majestätisch dahinschreitenden Hymnen ("Golden Fleece"): Louis Hardin serviert dem Hörer einen Melodie-Strauß nach dem anderen. Das wahrlich friedvolle "Hymn To Peace" und "EEC Lied" beschließen den Reigen der Tröterei.

Die schiere Anzahl der Melodien, die Hardin aka Moondog dem Hörer hier ums Kleinhirn zwirbelt, ist fast unüberschaubar. Die kongenialen Arrangements der einzelnen Stimmen faszinieren schon vom ersten Ton an. Man muss wirklich kein Jazz-Fan sein, um an "Sax Pax For A Sax" Gefallen zu finden. Moondog lockt mit seiner Kompositionskunst auch Jazz-Verächter hinterm Ofen hervor. Gemeinsam mit dem Freejazz-Nerd schunkeln sie in Moondogs Bassdrum-Takt in den Sonnenuntergang. Peace!

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Dog Trot
  2. 2. Paris
  3. 3. Bird's Lament
  4. 4. Sandalwood
  5. 5. Tout Suite No. 1 In F Major (Mov. 1)
  6. 6. Tout Suite No. 1 In F Major (Mov. 2)
  7. 7. Tout Suite No. 1 In F Major (Mov. 3)
  8. 8. D For Danny
  9. 9. New Amsterdam
  10. 10. Sea Horse
  11. 11. Fiesta
  12. 12. Novette No. 1 In D Flat Major (Mov. 1)
  13. 13. Novette No. 1 In D Flat Major (Mov. 2)
  14. 14. Novette No. 1 In D Flat Major (Mov. 3)
  15. 15. Single Foot
  16. 16. Mother's Whistler
  17. 17. Present For The Prez
  18. 18. Shakespeare City
  19. 19. EEC Suite (Golden Fleece)
  20. 20. EEC Suite (Hymn To Peace)
  21. 21. EEC Suite (EEC Lied)

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 7 Monaten

    Schöne Würdigung des "Vikings of Sixth Avenue" und von einem der wichtigsten Köpfe der Avantgarde-Musik.
    Obwohl bei Moondog eher das Gesamtwerk zählt, kann man auch das Album "Moondog" (1969) herausnehmen: Da sind das genannte "Bird's Lament" (war sogar mal in der Sat.1 Wochenshow zu hören) und "Stamping Ground" aus "The Big Lebowski" drauf. Moondog hat in den 50ern auch mal ein Album mit Julie Andrews (Mary Poppins) aufgenommen.
    Es gibt eine neue Doku, in der u.a. Philip Glass, Damon Albarn und Jarvis Cocker zu Worte kommen. Der Einfluss von Moondog ist überall zu finden.

  • Vor 7 Monaten

    Nie gehört. Zu müde um es jetzt zu checken. Morgen dann