Porträt

laut.de-Biographie

Michael Rother

In den 70er-Jahren revolutioniert er als Mitglied von Neu! und Harmonia den Krautrock. Mit seinen Soloalben bringt er es danach zu kommerziellem Erfolg. Er inspiriert diverse Künstler wie David Bowie, Sonic Youth und Radiohead und genießt international seit mehreren Dekaden ein hohes Ansehen. Nur hierzulande erinnert sich für sehr lange Zeit kaum jemand an Michael Rother. Dass sich das nach dem Millenium ändert, verdankt er Herbert Grönemeyer.

Michael Rother - Solo II
Michael Rother Solo II
Krautrock-, Elektronik- und Chillout-Perlen sowie ein neues Album.
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Michael Rother erblickt am 2. September 1950 in Hamburg das Licht der Welt. Schon früh entwickelt er eine große Leidenschaft für Musik. Seine Mutter studiert Klavier, schlägt aber nie eine Laufbahn als Pianistin ein. Sein Vater stirbt, als er fünfzehn Jahre alt ist.

In diesem Alter spielt er bereits als Gitarrist in der Düsseldorfer Amateur-Band Spirits Of Sound, der auch Wolfgang Flür angehört. Zunächst kopiert der Autodidakt seine Rock'n'Roll-Vorbilder aus dem angelsächsischen Raum, findet aber nach und nach zu einem eigenständigen Stil fernab jeglicher musikalischer Konventionen. 1971 löst sich die Gruppe auf. Im Anschluss wechselt Rother zu Kraftwerk. Zeitgleich steigt auch Schlagzeuger und Gitarrist Klaus Dinger in die Formation ein. Rother und Dinger bleiben nur einige Monate bei den späteren Electro-Pop-Pionieren, denen sich 1972 Flür anschließt.

Während dieser kurzen Zeit entsteht im Studio von Conny Plank eine Sessionaufnahme. Diese ist aber bis heute nicht veröffentlicht worden. Weiterhin kommt es noch zu einem Liveauftritt in der Sendung Beat-Club. Darüber hinaus hat Michael Rother bei Kraftwerk genug Gelegenheit, seinen Sound weiterzuentwickeln.

Anschließend rufen Rother und Dinger Neu! ins Leben, um etwas völlig Eigenes und Unerhörtes in die Welt zu setzen. 1972 nehmen die beiden in nur vier Nächten unter der Regie von Conny Plank das selbstbetitelte Debüt auf. Das bietet auf den Kern reduzierte Stücke, die von motorischen Rhythmen und unscheinbaren Melodien leben. Dazu hört man noch eine große Portion Improvisationsfreude.

John Peel ist so angetan von der Formation, dass er das rund 10-minütige "Hallogallo" so lange in seiner Show hoch- und runterspielt, bis es sich zum Hit entwickelt. Insgesamt setzt das Werk über 30.000 Einheiten ab. Mit "Neu! 2" verfolgen Neu! 1973 den Sound des Debüts konsequent weiter, verlieren aber aufgrund einer kreativen Krise das Fokussierte oftmals aus den Augen. Das ändert sich mit dem bisweilen recht krachigen "Neu! '75", das mit zwei zusätzlichen Schlagzeugern entsteht: Thomas Dinger und Hans Lampe. Das Stück "Hero" nimmt sogar den späteren Punk vorweg und dient David Bowie als große Inspiration für seine Berlin-Trilogie.

Zwei Jahre zuvor tut sich Rother mit den beiden Cluster-Musikern Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius zusammen, um das Harmonia-Debüt "Musik Von Harmonia" einzuspielen, das Anfang 1974 erscheint. 1975 lösen sich Neu! vorerst auf. In diesem Jahr steht Rother auch vorerst das letzte Mal auf der Bühne. Er konzentriert sich auf Harmonia und nimmt mit der Formation im August des selben Jahres "De Luxe" auf. Aus der restlichen Besetzung von "Neu! '75" bilden sich La Düsseldorf heraus, die in den späten 70ern und frühen 80ern insgesamt über eine Millionen Platten absetzen.

Harmonia bleiben dagegen ein Underground-Phänomen. 1976 zieht Rother ins niedersächsische Forst. Dort trifft sich die Band sogar für ein Album mit Brian Eno, das jedoch erst 2007 unter dem Namen "Harmonia '76- Tracks & Traces" auf den Markt kommt. Heute genießen die hypnotischen Klangexperimente der Formation international Kultstatus. Sogar Aphex Twin bekennt sich als stolzer Fan.

Nach den Aufnahmen mit Brian Eno gehen Rother, Moebius und Roedelius vorerst getrennte Wege. Fortan musiziert der geborene Hamburger unter eigenem Namen. Sein dezentes Gitarrenspiel rückt auf Platte noch mehr in den Fokus als bei Neu! und Harmonia. Sein Sound fließt mehr. Seine Melodien gestalten sich empfindsamer und romantischer. Für motorische Akzente sorgt außerdem noch Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit. Conny Plank fungiert erneut als Produzent. Das führt zum endgültigen Durchbruch. "Flammende Herzen" geht nach der Veröffentlichung 1977 rund 150.000 Mal über die Ladentheke.

Mit den drei Nachfolgern "Sterntaler" (1978), "Katzenmusik" (1979) und "Fernwärme" (1982) perfektioniert Rother sein Erfolgsrezept. Das letztgenannte Werk produziert er, wie auch die folgenden Platten, in Eigenregie. Nach "Fernwärme" endet außerdem noch die Zusammenarbeit mit Jaki Liebezeit, da er klanglich zu neuen Ufern aufbrechen möchte.

Jedenfalls versucht er sich auf dem 1983er-Album "Lust" als einer der ersten deutschen Musiker an einem Fairlight CMI Synth und arbeitet zudem noch mit Samplern. Das Soundbild klingt dadurch leichtfüßiger als auf den Vorgängern. Der Fairlight dominiert auch das 1985er-Werk "Süßherz Und Tiefenschärfe".

Zwischen Oktober 1985 und April 1986 reaktiviert er zusammen mit Klaus Dinger Neu!, jedoch aufgrund musikalischer und persönlicher Meinungsverschiedenheiten erfolglos. Dinger gibt die unfertigen Aufnahmen, die während dieser kurzen Zeit entstehen unter dem Namen "Neu! 4" erst 1995 frei, ohne aber Rother Bescheid zu geben, was zu weiteren Differenzen führt.

Nach den Aufnahmen widmet sich der Gitarrist und Elektroniker wieder seiner Solokarriere. "Traumreisen" von 1987 markiert sein insgesamt synthetischstes Album, besitzt aber auch mehr Saitenklänge als der Vorgänger. Das beachtet außerhalb seines Heimatlandes aber kaum jemand. National lässt das Interesse an Rothers Musik schon davor ziemlich nach. Er gerät zunehmend in Vergessenheit. Ein geplantes weiteres Werk lehnen die Labels ab. Nach seinen negativen Erfahrungen mit der Musikindustrie hebt der Wahl-Niedersachse 1993 mit Random Records eine eigene Plattenfirma aus der Taufe, um die volle künstlerische Kontrolle über seine Musik zu besitzen. Einige Tracks des abgelehnten Albums bringt er auf verschiedenen Wiederveröffentlichungen seiner früheren Platten unter.

1996 schafft er mit "Esperanza" musikalisch zwar den Sprung in die 90er-Jahre, jedoch halten sich die Verkaufszahlen in Grenzen. Dazu verschlimmern sich die Differenzen mit Klaus Dinger zunehmend. Der gibt nämlich im selben Jahr mit "Neu! '72 Live In Düsseldorf" eine weitere Aufnahme von Neu! frei, ohne Rother zu informieren. Die ist allerdings keine Aufnahme eines Live-Konzertes, sondern ein mit einem Kassettenrekorder aufgenommener Mitschnitt einer Probesession. Rother erlebt man 1998 dafür im Rahmen der KOMM 98 in Düsseldorf nach 23-jähriger Bühnenabstinenz wieder live.

In den Folgejahren können sich die zwei Streithähne nicht auf die Lizenzbedingungen für die CD-Veröffentlichungen der Neu!-Studiowerke einigen, was zu mehreren Gerichtsverfahren führt. Mittlerweile besitzen Rother, Dinger und Conny Planks Erben zu gleichen Teilen die Rechte an sämtlichen Neu!-Aufnahmen. 2000 kommt es nach Vermittlung von Herbert Grönemeyer sogar zur Versöhnung: Die beiden begeben sich gemeinsam ins Studio, um die drei ursprünglichen Neu!-Alben zu remastern. Die remasterten Versionen erscheinen ein Jahr danach auf Grönemeyers Label Grönland Records und erweisen sich als nicht ganz unschuldig an dem Krautrock-Revival nach dem Milllenium.

In der Folge intensiviert Rother seine Zusammenarbeit mit dem Deutschpop-Urgestein. Der steuert unter anderem auf seinem nächsten Album "Remember (The Great Adventure)" von 2004 Gastvocals bei. Musikalisch knüpft der Gitarrist und Elektroniker mit dem Werk an "Esperanza" an, streut aber auch mehr Krautrock-Rhythmen sowie Gesangsaufnahmen von Sophie Williams' ein, die er 1997 in Hamburg kennenlernt. Dort trifft er sich auch 2003 mit den Red Hot Chili Peppers zu einer spontanen Jam-Session auf der Bühne und in Los Angeles begleitet er wenig später den Gitarristen der Band, John Frusciante, bei einem Soloauftritt. Der findet nur lobende Worte für seine Musik.

Im Winter 2007 bestreiten Harmonia beim Worldtronics Festival im Haus der Kulturen in Berlin, das sie eröffnen, zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder einen Live-Auftritt. 2008 stirbt Klaus Dinger. Nach dem Tod Dingers verfolgt Rother seine Live-Aktivitäten weiter, zunächst mit Steve Shelley von Sonic Youth und Aaron Mullan als Hallogallo 2010, danach unter seinem eigenen Namen mit Franz Bargmann und Hans Lampe.

Seine Studioaktivitäten beschränken sich dadurch für lange Zeit auf Soundtrack-Arbeiten und Remixe. Eine weitere Solo-Platte sieht er lange Zeit nicht vor, doch die Corona-Pandemie 2020 bringt ihm zum Umdenken, denn Live-Gigs verschieben sich auf unbestimmte Zeit und von seiner in Italien lebenden Frau ist er pandemiebedingt getrennt. Zudem gibt es noch über siebzig Skizzen aus den "Remember"-Sessions. Ein Teil dieser Skizzen formuliert der Gitarrist zu vollständigen Tracks aus. Das Ergebnis, "Dreaming", hat noch mehr weibliche Gesangslinien zum Träumen zu bieten als der Vorgänger. Auch greift Rother ab und an mal in die Saiten, um die ruhigen Klänge zu akzentuieren.

Die Platte findet sich auch in dem zeitgleich veröffentlichten Boxset "Solo II", das auf Grönland Records erscheint und die Alben ab "Lust" sowie eine Menge Bonus Tracks enthält, die ursprünglich für das von den Labels abgelehnte Album aus den 90ern vorgesehen waren. Aus den Vorgängern und einer Menge rarer Songs setzt sich das ein Jahr zuvor veröffentlichte Boxset "Solo" zusammen, das sogar die Top 50 der deutschen Albumcharts erreicht. Dadurch entdeckt man Rothers Solowerke auch hierzulande wieder.

Alben

Michael Rother - Solo II: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2020 Solo II

Kritik von Toni Hennig

Krautrock-, Elektronik- und Chillout-Perlen sowie ein neues Album. (0 Kommentare)

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