laut.de-Kritik

Zwischen Gottesliebe und VOX-Engagement.

Review von

"You're closer than a brother to me" / "'cause friends are the family that you chose". Nein, mit der eigentlichen Familie hat es Michael Patrick Kelly nicht mehr so. Unmut gebe es in Deutschlands bekanntester Straßenmusiker-Familie zwar keinen, doch eine gemeinsame Reunion fühle sich für den Ex-Teenieschwarm nach eigener Aussage einfach nicht richtig an. Schockschwerenot, das Kelly-Kapitel der deutschen Musikgeschichte nimmt ja beinahe Buddenbrooksche Ausmaße an.

Statt sich am kollektiven Abgrasen deutscher Stadien im Frühjahr 2018 zu beteiligen, fährt der 39-Jährige erst mal seine ganze eigene Marketingstrategie. Neue Platte, neue Tour, neues TV-Engagement. Das per se sehr interessante Musikformat "Sing meinen Song" zeigt "Paddy" Arm in Arm mit den BossHosses und Lenas der nationalen Musiklandschaft. So auch mit Kollege Gentleman, der in den letzten Jahren bereits sein ganz eigenes Meisterstück in Sachen bekömmlicher, legitimer Pop-Anbiederung hingelegt hat.

Mit dem Patois-Feature des Kölsch-Jamaikaners im Gepäck heftet Kelly seiner dritten Platte in drei Jahren den Titeltrack "iD" an. Zufällig mitverfasst von Gentleman-Songwriter Clayton Morrison, der sein Talent erst jüngst für "Conversations" unter Beweis stellte. Der Track lässt die größten Befürchtungen zunächst wahr werden: Der Buchung größerer Hallen und erhöhter VOX-TV-Präsenz muss eben immer auch ein gewisser Ed-Sheeranisierungsprozess folgen. Simples Dur-Akustikstrumming und lecker punchy Elektro-Bass-Drum, dazu reichlich generisches "Eeh-eeh-oh" im Refrain. Ein Kelly auf Abwegen? Nicht ganz, bleibt der prädestinierte "Das perfekte Promi-Dinner"-Backingtrack doch der einzig wirkliche Ausreißer ins Weichspül-Business.

Dennoch überraschen die große Popgesten nach dem balladesken, meist nur dezent untermalten Songwriter-Album "Ruah" diesmal natürlich nur bedingt. Bewegen sich die fluffig-lockeren Uptempo-Nummern meist in unspektakulären bis plagiierenden Gefilden ("A Little Faith" vs. Deep Purples "Black Night", anyone?), fallen die ruhigeren Momente wiederholt positiv ins Gewicht: Die Halbballaden "Higher Love" und "Requiem" überraschen mit pompösem Streicherausbruch, "Last Words" wiederum mit hymnischem Kanon, ja selbst das Trauerfalsett zu Beginn von "So Beautiful" könnte problemlos auf einem Sigur Rós-Album der fröhlicheren Phase stehen. Auch gegen die luftigen Indie-Pop-Momente in "New Spirit" spricht im Grunde erst einmal gar nichts.

Die entlarvende Funktion nimmt dann allerdings die lyrische Ebene ein: Neben gewohnt missionierenden, aber durchaus weltjugendtagstauglichen Hallelujah-Schwaden ("Requiem") schleicht sich auf Studioalbum Nummer vier eine gewisse Lifestyle-Hippness ein. "Remember when we turned 16 and got in the clubs with fake id." Ist das nicht etwas over the top für einen Mann, der sich in jenem Alter kaum ohne Geleitschutz vom familieneigenen Hausboot runtertrauen konnte und bis vor wenigen Jahren noch Kirchenkonzerte unter seinem katholischen Ordensnamen bestritt?

Schon klar, dass uns die Adel Tawils dieser Welt nicht immer detailgetreu von ihren höchstpersönlichen Wochenenderlebnissen berichten, aber hat es ein christlich wiedergeborener Ex-Teenie-Star denn nötig, uns derartigen Kram über die turbulente Jugend vorzuträllern? Das kannst du doch besser, Mann.

Wobei, kommt drauf an: Denn wenn Michael Patrick Kelly einmal nicht gerade die große (göttliche) Liebe besingt oder sich in "Last Words" gar zum Präsidentenkiller aufschwingt ("because he was an enemy of the people", versteht sich), reicht es dann in der Regel nämlich doch nur für "Hey, how do you do it / how do you love / you look like someone who knew it".

Und so schnell wie derartige Ergüsse ins Ohr rauschen, so schnell flutschen sie dann auch samt Melodie und Rhythmus wieder raus. "iD" ist die musikalische Identitätssuche eines Mannes, der Schritt für Schritt aus dem Schatten der Vergangenheit tritt. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, ein bisschen wenig Risiko. Mit rar gesäten emotionalen Highlights wie den genannten "Last Words" und "Requiem" scheint Michael Patrick Kelly seinem Ziel allerdings ein Stück weit näherzukommen – und damit auch seiner verdienten Aufmerksamkeit.

Trackliste

  1. 1. Golden Age
  2. 2. iD (feat. Gentleman)
  3. 3. Higher Love
  4. 4. Friends R Family
  5. 5. New Spirit (feat. Wildwood Kin)
  6. 6. Requiem
  7. 7. Run Jump Fly
  8. 8. A Little Faith
  9. 9. Land Of Bliss
  10. 10. So Beautiful
  11. 11. So Beautiful (Reprise)
  12. 12. Free
  13. 13. Lazarus
  14. 14. How Do You Love
  15. 15. Last Words

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2 Kommentare

  • Vor 10 Monaten

    Bin ich doch in meiner Kindheit/Jugend in einem (a-)sozialen Umfeld aufgewachsen, in dem man die Kellys (na ja, Petra vielleicht nicht) eigentlich nur hassen und verunglimpfen durfte, und ich, aus Sorge um mein gesellschaftliches Standing, latürnich mitmachte, muss ich jetzt, zwanzig Jahre später, eingestehen, dass einige von denen echt was drauf haben. So auch dieser Kelly: Hab zwar nur zwei Stücke (zufällig) gehört, aber das ist wirklich schöner, eingängiger aber nicht anbiedernder und nicht allzu glatt polierter Indie-Gitarren-Pop-Rock mit tollen Harmonien und gutem Gesang.