laut.de-Kritik

'Gegen alle Konventionen' gilt nicht mehr.

Review von

Sieben Jahre ohne neues Max Herre-Studioalbum. Des einen Freud, des anderen Leid. "Hallo Welt!" war die große Songwriter-/Hip Hop-Symbiose, die Brücke zwischen Freundeskreis und der ersten Liebe. Doch das ist eben alles verdammt lang her. "Hallo Welt!" plumpste damals in ein Zeitalter ohne Beginner-Comebacks und rappende Heinos. Eine Zeit, in der sich Zeilen wie "zu viele Gutmenschen und zu wenig Wutbürger" noch ohne Beigeschmack mitrappen ließen.

"Athen" stellt dem so einiges entgegen: Etwa einen Promotext, der von der "Suche nach einem neuen Sound" schwadroniert – völlig unvorhersehbar. Genauso wie der Einsatz von Autotune in der gleichnamigen Vorabsingle. Die Kommentarspalten brennen freilich durch, die Cloud-Rapisierung stößt nicht überall auf Gegenliebe.

Dabei ist der überlange Titelsong für sich genommen erst einmal eines: ein wirklich hübsches Stück Musik. Den orientalischen Sample-Lines der griechischen Sängerin Melina Kana folgt die viel diskutierte Vocal-Pitch-Hook. Das Moodboard für Soloalbum Nummer vier liegt vor: Fernweh, Sehnsucht, Roadtrip, nicht zu meisternde Hürden. "Wir kommen nie bis Athen und ich wollte mit dir nach Athen / Doch hier kommen wir leider nicht weiter."

Es ist der Bericht eines Roadtrips, einer flüchtigen Liebe, bunter ausgemalt, als er je in der Erinnerung würde scheinen können. Diese grenzenlose Freiheit entfaltet sich dann bald in musikalischer Hinsicht, wenn nämlich floydige Instrumentals E-Drums und Autotune nach wenigen Minuten in die Schranken weisen.

Ganz schön sphärisch, was Monsieur Herre hier mit Co-Autor Tua zusammengeschustert hat. Dessen Vibes überstrahlen auch den neuerlichen Herre-Denalane-Aufguss "Das Wenigste", der im deutschen Radio-Pop zwischen Sarah Connor und Johannes Oerding wohl mindestens das gehobene Mittelfeld bedienen dürfte. Lyrischer Sparringspartner hier (wie auch auf dem Rest der Platte): Maxim.

Nach dem starken Auftakt lässt Herre dann aber auch schnell die Luft aus dem Reifen. Release-Verschiebung, um länger am Album zu arbeiten – ja, aber warum noch mal genau? Schon Track zwei ("Villa Auf Der Klippe") zeigt: Max Herre hat sich nicht erneut selbst, sondern vielmehr den Zeitgeist gefunden. Wie zu Beginn des Jahres bereits Dendemann wittert auch er den großen Wurf in einem Trettmann-Feature. Doch eben weil er diesem das Autotune-Feld samt Dancehall-Intonationen ("Schneeweiß, schneeweiß / Villa, Villa") nicht alleine überlässt, legt sich früh ein Gestank der Prätention über das Album, der trotz vieler guter Ideen nicht mehr verfliegen mag.

Feature-Gäste sind ja ohnehin so eine Sache: Wo 2012 ganz tagesaktuell noch Cro und Clueso in der Booth standen, gehen nun eben Trettmann und Fischfilet-Monchi an den Start. Afrob und Megaloh werden weiterhin durchgeschleppt, letzterem wird sogar gestattet, den vorhersehbaren, aber im Grunde spannend erzählten Protesttrack "Dunkles Kapitel" mit einer stumpfen Pressspan-Hook zu veredeln. Das kann leider auch kein Dirk von Lowtzow mehr kaschieren.

Ansonsten: Vibe statt Substanz. Effektiv. Was Max Herre sonst noch mit Athen verbindet, hört man zum Beispiel in "17. September". Den Track mit verträumtem Retro-Orgel-Beat aus der KitschKrieg-Schmiede widmet er dem viele Jahre in Griechenland tätigen Vater. "Frank, ich lieb dich / wie oft ich schon versucht hab, dir das zu sagen."

Wiederkehrend: Roadtrip, Zweifel, Ferne. Da, wo "Athen" funktioniert – etwa im souligen "Sans Papier" – funktioniert es über Stimmungen durch Schlagwörter. Der "Nachtzug Nach Lissabon"-Flair ist stark in solchen Momenten, intensiv in seinen Metaphern zwischen Melancholie und Unruhe ("Nachts"). Doch auch 22 Jahre nach der "Quadratur des Kreises" passt Max Herre weiterhin besser in die Rolle des kompromisslosen Denkers, als in die des konsequenten Storytellers.

Diese Ambivalenz beschert uns am Ende aber eben auch etwas zu lässig gestauchte Lückenfüller mit Fanta-4-Vibes ("Lass Gehen") oder Absacker von der "Hallo Welt!"-Resterampe ("Diebesgut"). Und auch Conscious-Schilderungen (ill)egaler Jugend-Momentaufnahmen hielt man eigentlich seit "Esperantos" "Erste Schritte / Retrospektive" für auserzählt, "Siebzehn" lädt aber doch noch einmal ungebeten nach. "Hinterher merkt man erst, wie man die Dinge verklärt / Nur manchmal führt kein Weg mehr zurück." So möge es sein.

Im Blick zurück ist "Athen" das durch und durch gefühlige Spätwerk eines 46-jährigen Deutschrap-Pioniers, der ohne Zeitgeist-Experimente eigentlich noch immer am besten bedient wäre. Klassen über "Advanced Chemistry", schwächer als "Die Farbe Von Wasser" – nicht nur wegen der ähnlich gravierenden Ausfälle, die den Gesamteindruck dieser ganzen 'In Würde altern'-Kiste etwas trüben.

Ein griechischer Exkurs, der das Regeldrama auf den Kopf stellt: Das retardierende Moment etwas zu ausschweifend, dafür die Klimax früher denn je. Er quadriert den Kreis – nur leider nicht mehr gegen alle Konventionen.

Trackliste

  1. 1. Athen
  2. 2. Villa Auf Der Klippe
  3. 3. Terminal C (7. Sek.)
  4. 4. Siebzehn
  5. 5. Lass Gehen
  6. 6. September
  7. 7. Nachts
  8. 8. Diebesgut
  9. 9. Dunkles Kapitel
  10. 10. Sans Papiers
  11. 11. Fälscher
  12. 12. Konny Kujau
  13. 13. Das Wenigste

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15 Kommentare mit 40 Antworten

  • Vor 25 Tagen

    Herres NXTLVL! Hab es schnell wieder weggelegt und freu mich dann lieber aufs Afrob Album.

  • Vor 24 Tagen

    Wenn ich ein Eigenheim habe und es mir wirklich gut geht dann höre ich das auch! Versprochen :)

  • Vor 24 Tagen

    Aus meiner Sicht mindestens ein 4/5. Musikalisch, wie der Autor schon beim Tieltrack beschreibt, ein wirklich hübsches Stück Musik, textlich manchmal etwas zu verschachtelt. Dennoch eher ein Konzeptalbum; man merkt, das der Fokus nicht mewhr auf dem produzieren von Hits liegt, sondern eher in der musikalischen Selbstverwirklichung. Stark vergleichbar mit Cro's tru. Ich höre es gern (mal sehen wie lange), vorwiegend am Abend. Bei nächtlichen Autofahrten passt es perfekt.

  • Vor 17 Tagen

    Maximax ist als Rapper zwar weiterhin nicht mein Fall, aber das Album ist sehr viel besser als "Die Farbe von Wasser", da Max zwar stellenweise sehr gefühlig wird, aber nicht auf Albumlänge den penetranten systemischen Coach gibt und es musikalisch viel mehr zu bieten hat. Dass AirBaeron damit heillos überfordert ist und sich stattdessen auf Afrob freut, sollte zeigen, dass Herre hier einiges richtig gemacht hat. :D

    • Vor 17 Tagen

      Ist in Ordnung.
      Ich steh zu meiner Aussage vor allem nach dem was man vom neuen Afrob Album schon zu hören gekriegt hat.

    • Vor 17 Tagen

      Ich sage ja nicht mal, dass die neuen Auskopplungen schlecht sind. Klassischer Sound steht Afrob viel besser als Synthie-Beats und Trap-Versuche. Ist aber halt nichts, was mich umhaut.

  • Vor 14 Tagen

    Egal, wie man ihn als Person findet - musikalisch war er immer gut, hat vor allem mit Freundeskreis eine Zeit und eine Ära geprägt. Was dieses neue Album jetzt allerdings sein soll, kann ich mir null erklären. Ich hab mir viel Zeit und Mühe gegeben, um da noch etwas herauszuhören, was ich gut finde. Ich muss aber sagen, dass es vor allem tonal unterirdisch ist. Dieser autotune, diese komische neumoderne Youtube-Rapper-Soundgestaltung finde ich vom akustischen Hörerlebnis eher agressivierend als wirklich beeindruckend. Schade Schokolade!

  • Vor 9 Tagen

    Bin vom Album begeistert - sehr schöne Musik, die zum Träumen einlädt. Rap war bis jetzt nicht mein Fall, "zufällig" auf Max Herre über 917xfm gestoßen und gleich begeistert. Freue mich auf das Konzert in Graz (März 2020)