laut.de-Kritik

Einen Hype hat er nicht mehr nötig, Begeisterung aber verdient.

Review von

Als "eines der großen Alben des modernen Americana" lobte die britische Musikzeitschrift Uncut vor drei Jahren Matthew E. Whites Debüt "Big Inner". Auf dem Zettel hatten den Amerikaner damals die wenigsten. Umso mehr überraschte er mit seiner tiefenentspannten Mischung aus Folk, Gospel, Soul und Rock, an der er mit der 30-köpfigen Hausband seines Labels Spacebomb Records gefeilt hatte.

Allein die Arbeit mit einer Hausband verdeutlicht, wie wichtig White die Rückbesinnung auf alte Zeiten ist. Der Titel mag mit "Fresh Blood" anderes suggerieren, doch der Zweitling bleibt der bisherigen Linie treu: Er nutzt klassische Ansätze, der Kunstgriff liegt in der Verschmelzung der aufgegriffenen Genres, der Abstimmung von Streichern, Bläsergruppen, Chorpassagen und Whites eingängigem Gitarren- und Piano-Spiel. Sein Gesang begleitet die Arrangements flüsternd, berauscht oder wütend. Er wirkt manchmal wie eine Mischung aus Devendra Banhart und Bon Iver.

Der Opener "Take Care My Baby" ist ein gutes Beispiel dafür: Er beginnt mit sanften Pianonoten und heiserem Wispern. Nach und nach entwickelt sich mit Streichern, Bläsern und unterstützendem Chorgesang eine warme Atmosphäre, in der White verzückt singt: "Oh baby, I never met another girl like you / Talking all night long from the midnight on".

Leicht kitschige Liebesbekundungen wie diese sind eher die Ausnahme. Passend zu den vielfältigen Kompositionen bietet die Platte ein breit gefächertes Themenspektrum: In "Rock & Roll Is Cold" sorgen simple Klavier- und Gitarrenrhythmen, zwischen denen sich Bläser tummeln, für einen lässigen Americana-Anstrich. Dazu sinniert White aber nicht über Roadtrips und Sehnsüchte, sondern belächelt Klischees und Attitüden des R'n'B, Gospel oder "You said you found the soul of Rock'n'Roll / Rock'n’Roll it don't have no soul / Everybody knows that". Sein Fazit: "Everybody likes to talk shit", worauf sein Chor antwortet "Doo na na, shut up, shut up".

"Fresh Blood" hat allerdings auch seine düsteren, ernsten Momente. "Tranquility" reflektiert über den Tod von Schauspieler Philip Seymour Hoffman. Im andächtigen "Circle 'Round The Sun" verarbeitet er den Selbstmord einer Bekannten, wobei der gläubige Musiker den Verlust auch aus einer religiösen Perspektive betrachtet.

Das eindringliche "Holy Moly" behandelt sexuellen Missbrauch in der Kirche. Nach einem düsteren Piano-Auftakt mit der geflüsterten Frage "Holy moly, what's wrong with you?", pumpt sich der Song mit Streichern, Chor und Trommeln zu einem aufgebrachten Finale auf, in dem ein ebenso erzürnter White und seine Background-Sänger rufen "I will not fear anymore".

Gegen Ende des Albums verlieren die Titel wieder an Schwermut und Abgründen. "Vision" setzt mit Claps und beschwingten Bläsern einen überraschenden Akzent zwischen den gemächlich in souligen Folk-Gefilden dahintreibenden "Golden Robes" und "Love Is Deep".

Die beiden Letztgenannten sind die schwächeren Momente der Platte. Das tut "Fresh Blood" aber keinen Abbruch. Matthew E. White überzeugt erneut mit seinen detailverliebten Arrangements, seiner in sich gekehrten Art und einem Gespür für Timing. Einen Hype, wie den um sein Debüt, hat er zwar nicht nötig, die Begeisterung aber sicherlich verdient.

Trackliste

  1. 1. Take Care My Baby
  2. 2. Rock & Roll Is Cold
  3. 3. Fruit Trees
  4. 4. Holy Moly
  5. 5. Circle 'Round The Sun
  6. 6. Feeling Good Is Good Enough
  7. 7. Tranquility
  8. 8. Golden Robes
  9. 9. Vision
  10. 10. Love Is Deep

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