laut.de-Kritik

Dein Genick weiß Bescheid, es muss hart sein wie U-Stahl.

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"From here to there and every place in between ... Volle 53 Sekunden klatscht DJ 5ter Ton dem Hörer das selbe Cut um die Ohren, bevor der "brandneue Joint von den Massiven Tönen" endlich im Umlauf ist. Noch einmal sechs Minuten und 48 Sekunden später ist die deutsche Rapszene des Jahres 1996 auf den Kopf gestellt.

Nach mehreren Jahren des Tourens von Jam zu Jam, in denen man sich überregional einen Namen in der noch jungen Community machte, warfen die Massiven nach der EP "Dichter in Stuttgart" im Oktober 96 ihren ersten Longplayer auf den Markt. Und setzten die "echte" Schwabenmetropole auf die Landkarte, die "Mutterstadt" - jenes Stuttgart im Schatten der Fantastischen Vier, die damals von den Heads längst als Sellout und Hip Hop Clowns abgekanzelt waren, wenngleich sie mit ihrem vierten Album "Lauschgift" bereits 1995 einen durchaus ernstzunehmenden Schritt zur eigenen Rehabilitierung gegangen waren.

"Was ich beginn bring ich zu Ende, weil ich die Anfänge kenne, / an Hip Hop häng' wie mein DJ an der Nadel, als Plattenjunk / hat Battlemixer, und satten Funk im Waffenschrank. / Er spielt nicht un- sondern plugged, wenn er das Pult anpackt, brennt's wie / Fischermen's Friends, jeder Kopfnickerfan kennt's schon." So vollmundig diese Zeilen auch waren - sie trafen zu.

"Mit den Massiven gab es den Wechsel von diesen eher leichten Spätachtziger-, Frühneunziger-Dingern hin zu den fetten Boombap-Beats – Kopfnicker eben" wird David Pe, ebenfalls eine Legende der alten Schule, sich später im Buch "Könnt ihr uns hören?" erinnern. Man kann guten Gewissens behaupten, Wasis Instrumentals brachten dem deutschen Rap jenes Kopfnicken bei, das in der folgenden Dekade sein Markenzeichen bleiben sollte: "Dein Genick weiß Bescheid, es muss hart sein wie U-Stahl.

Das bezieht sich beileibe nicht nur auf den opulenten Opener: "Ausbruch", eine grenzgeniale Collabo mit der Freaks Association Bremen um Flowin Immo und Ferris MC, dürfte von Havocs irrsinnigen Produktionen aus dem Vorjahr inspiriert gewesen sein, und wer "Mc's Sehn Mich" hört, braucht nicht lange zu überlegen, wer die Kultproduzenten der Jahrtausendwende wie Plattenpapzt und Roey Marquis beeinflusst hat.

So vielseitig wie die musikalische ist auch die lyrische Seite. Die klassischen Representer durften bereits damals auf keinem Rapalbum fehlen, aber die Massiven erzählen eine insgesamt sehr atmosphärische und beinahe intime Story: "Nichtsnutz" spricht jenem Teil der Jugend aus der Seele, die sich abends lieber mit Sprühdosen aus dem Elternhaus stiehlt, als für Klausuren zu lernen.

Die selbe Lebensrealität wird aber auch abgefeiert: "Betäubt Und Taub" vertont wie kein zweiter Song das einzigartige Gefühl, das die Hip Hop-Jams der Anfangstage vermittelten. Und, natürlich, Stuttgart. "Schoß Der Kolchose" zeichnet ein derart liebevolles Bild von der "Mutterstadt" am Neckar, dass es locker als klassisches Heimatlied durchgehen könnte. Und schon hier deutet sich an, dass die schwäbische "Kolchose"-Crew den deutschen Rap in den folgenden Jahren prägen wird wie sonst nur ihr Hamburger Äquivalent Eimsbush/Mongo-Clikke.

Dabei ist der jeweils eigene Stil der drei MCs Wasi, Schowi und Ju für die damalige Zeit bereits stark ausgeprägt. Schowis straighte Wortspielkanonaden, Jus Brecher und Wasis komplexe Verschachtelungen, all das vermengt sich zu einer vielseitigen und trotzdem homogenen Melange.

"Es ist mir aus den Augen abzulesen: Ich frage mich / wohin die Wege führen die ich gehe? / Versteh' es nicht, / ertrag es nicht, ich habe nichts. / Ich will aus der Dunkelheit ins Tageslicht." Diesen berechtigten Wunsch erfüllen sich die Massiven Töne bereits mit ihrem Zweitling "Überfall", das auf Platz sechs chartet, und ihrem dritten Album "MT3" (Platz sieben).

Doch irgendwo auf dieser Reise verlieren die Massiven nicht nur Wasi, sondern auch ihre Identität. Eine ganze Generation von Backpackern sitzt 2002 voller Fremdscham vorm TV und sucht so verzweifelt wie vergebens nach der Ironie in Zeilen wie "Wir sind die Coolsten, wenn wir cruisen, wenn wir durch die City düsen, / wir sind die Coolsten, wenn die süßen Ladies uns mit Küsschen grüßen."

Was die Rapper auf "Kopfnicker" in "Trend II" noch messerscharf abkanzelten, die aufgesetzte Mondänität, dieses prahlhansige Posertum der Maserati-Kathis und DJ Pierre Duvalls aus Schwäbisch Hall - am Ende erwischte es auch die Massiven Töne selbst. Den - damals noch gravierenden - Vorwurf des Sellouts wurden sie nie wieder los. Was bleibt, ist ein brachial gutes Debütalbum, das die deutsche Szene maßgeblich mitgeprägt hat - thematisch, technisch, lyrisch und ganz besonders musikalisch.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Kopfnicker
  2. 2. Nichtsnutz
  3. 3. Mutterstadt ft. Afrob, Max Herre
  4. 4. Betäubt & Taub
  5. 5. Das Und Dies Remix
  6. 6. Ausbruch ft. FAB
  7. 7. Mc's Sehn Mich
  8. 8. Jurasta Park
  9. 9. Trend II
  10. 10. Ohne Ende '95
  11. 11. Schoss Der Kolchosse ft. Afrob, Max Herre, Emil

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3 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Ein besseres dt. Hip Hop Album kenn ich gar nicht.Der Track Kopfnicker ist eine Reimlawine, untermalt von einem eingängigen Refrain. Alle 3 Mc´ putzen verbal alles weg, was nur geht. Am besten finde ich Wasi` Part.

  • Vor 30 Tagen

    U-Stahl hat keine besondere Härte, sondern die Stabilität kommt von der U-Form. Naja....

  • Vor 30 Tagen

    Die Meilensteinliste scheint sich dem Ende zuzuneigen.

    • Vor 30 Tagen

      Natürlich tut sie das, im Deutschrapbereich, wo es einfach keine unzähligen Releases gab, bevor laut.de entstand.
      Aber warum machst du das an diesem Album fest? Taucht doch auch - völlig zurecht - bei diversen anderen Rapmedien als Meilenstein, All-Time-Classic oder dergleichen auf.

    • Vor 28 Tagen

      Im Deutschrap-Bereich sind "Sillium", "Im Auftrag ewiger Jugend und Glückseligkeit", "Außen Top Hits, Innen Geschmack" und "Direkt aus Rödelheim" noch frei: Alben, denen man eine gewisse Signifikanz zugestehen kann und die man sich heute noch anhören kann.

    • Vor 27 Tagen

      Och, ein paar mehr kommen noch dazu: Reim, Rausch, Randale, Battlekingz, Genesis - Exodus - Main Concept fallen da spontan ein.

      Das ist aber alles kein Argument gegen die Kopfnicker, wie ich finde. Ich geb mir die tatsächlich heute noch regelmäßig.

    • Vor 27 Tagen

      Fenster zum Hof ist noch erwähnenswert und Hahnenkampf.

    • Vor 27 Tagen

      Krass, dass "Fenster zum Hof" noch gar nicht dran war. Eins der wenigen Deutschrap-Alben aus den 90ern, das ich mir noch gerne anhöre, und wäre natürlich ein verdienter Meilenstein.

      Wenn "Reim, Rausch und Randale" ein Kandidat ist, dann würde ich noch Da Fource mit "Überlegen" in die Runde werfen.

    • Vor 27 Tagen

      Wenn man die Vorschläge liest und sieht, was sonst schon so dabei war, kann man nur hoffen, dass Morpheau recht behält.

    • Vor 27 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 27 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 27 Tagen

      :lol: Wenn man deutschen Rap mit Ami-Rap und anderen Genres vergleicht vergleicht, bleiben halt echt nur wenige Alben zurück, die Meisterwerke oder auch nur in ihrer Gesamtheit gelungen sind und sich nach einigen Jahren noch gut durchhören lassen. Es gibt aber ja schon noch einige Alben, die einen Einfluss auf die Szene hatten und noch nicht besprochen wurden, ob man sie heute gut findet oder nicht. Die Frage ist halt auch, wie man einen "Meilenstein" definiert und wann man selber angefangen hat Rap zu hören. Ich könnte mir Alben von den Fantas, den Massiven oder Blumentopf z. B. nicht geben.

    • Vor 27 Tagen

      "Das Album" vom Wolf würde ich da auch noch irgendwo mit einordnen.

    • Vor 27 Tagen

      Schade auch, dass G.L.S.-United damals kein Album gedroppt haben, die waren on fire: https://www.youtube.com/watch?v=6pQ5Xqv6bQk

    • Vor 27 Tagen

      Lit as fuck und eben wirklich Pioniere.

    • Vor 27 Tagen

      War auch eher etwas überspitzt, wenn man aber mal den nostalgischen Faktor außen vor lässt, dann bleibt zwar immer noch ein gewisser Stellenwert in der Entwicklung von Deutschrap, aber qualitativ ist das schon recht mau. Auf der anderen Seite, ist die letzten 10 Jahre auch nicht wirklich viel herausragendes hinzugekommen.

    • Vor 27 Tagen

      @morpheau: "Das Album" hat mit seinen jugendlich-harmlosen Texten einen gewissen Charme, man kann aber nicht abstreiten, dass Der Wolf technisch und lyrisch nie sonderlich versiert gewesen ist. Es geht teilweise schon arg holprig zu auf dem Album.