laut.de-Kritik

Mit Blick zurück auf in die Zukunft.

Review von

Erinnert sich noch jemand an "Shogun", jenen Bestseller-Historienwälzer aus den 70ern und seine Fernsehverfilmung von 1980? Dort fand sich Richard Chamberlain nach einem schweren Sturm plötzlich im feudalen Japan wieder, inmitten einer fremden Kultur und umringt von Samurai, die eine unverständliche Sprache sprachen.

So ähnlich erging es den Manic Street Preachers und ihrem alten Studio in Cardiff. Eingekreist von investitionslüsternen Geldmenschen wurde das Gebäude, in dem sich die Aufnahmeräume befanden, kurzerhand weggentrifiziert und durch schnieke Luxus-Wohneinheiten ersetzt. Widerstand ist zwecklos.

Vermutlich benutzt die Band deshalb das Foto eines der letzten Samurai auf dem Cover. Die Zeiten ändern sich, und manchmal muss man einfach die Segel streichen. Die Waliser machten aus der Not eine Tugend und erbauten in Newport eine neue Behausung. Unter anderem deshalb sind vier Jahre seit dem letzten Album der Straßenprediger ins Land gezogen, eine für Manics-Verhältnisse lange Zeit.

"What is the future of the future", sinniert James Dean Bradfield in "Hold Me Like A Heaven" und stellt damit gleichzeitig die Frage nach dem weiteren Weg der Band. Bereits im Vorfeld hatte Nicky Wire laut überlegt, das Album markiere entweder den Beginn einer neuen Ära oder das Ende. Wenn man ehrlich ist: Es klingt nach letzterem.

Mehr denn je orientieren sich die Manic Street Preachers nach hinten, referenzieren sogar deutlich auf ihre ersten beiden Alben. Ein krachiger Song wie "Broken Algorithms" hätte auch auf "Generation Terrorists" oder "Gold Against The Soul" eine gute Figur abgegeben. Das gilt ebenso für die flotte Uptempo-Nummer "Prequels Of Forgotten Wars", die man schon alleine für den Titel liebhaben muss.

Wer also auf den letzten Alben der Manic Street Preachers das Rock-Element etwas vermisst hatte, darf aufhorchen. Die drei Waliser haben wieder Freude an Gitarrenriffs gefunden. Leider überzuckern sie diese weiterhin mit klebrigen Keyboards von höchst zweifelhafter Notwendigkeit. Immerhin lassen sie die unvermeidlichen Streicher, die seinerzeit "Postcards From A Young Man" unangenehm dominierten, überwiegend in der Mottenkiste. Oder setzen sie akzentuiert und gekonnt ein, so wie im schönen Album-Opener "People Give In".

Im Unterschied zum vorhergehenden Doppelschlag "Rewind The Film" und "Futurology" klingt "Resistance Is Futile" oft konventionell und leider auch wie ein krampfiger Versuch, die Vergangenheit zurückzuholen. Glücklicherweise bestechen die Songs weiterhin mit überbordender Melodienfülle, die auch ein seichtes Liedchen wie "Distant Colours" über Wasser hält.

Auf der anderen Seite erinnern die Manics mit der sehr schönen Nummer "Vivian" angenehm an ihre Phase rund um "This Is My Truth Tell Me Yours". Textlich betonen die drei Musiker wieder ihr Verhältnis zu Kunst und Kultur, der Song handelt von der amerikanischen Fotografin Vivian Maier.

Wo wir gerade von Frauen sprechen: Ein weibliches Feature gehört inzwischen zum guten Ton bei den Manics. So luden sie Catherine Anne Davies ins Studio ein, besser bekannt als The Anchoress. Das Resultat heißt "Dylan & Caitlin", dreht sich um die Beziehung des Dichters Dylan Thomas zu seiner Frau und sticht wie alle Duette der Band positiv heraus.

"Hold Me Like A Heaven" fällt ebenfalls auf, leider in negativer Hinsicht. Ich bin niemand, für den Stadionrock ein Schimpfwort darstellt, aber der Mitsing-Chor dieses Songs gehört international geächtet. Auch hier plänkeln wieder überflüssige Tasteninstrumente durch die Gegend.

Was bleibt unterm Strich? Das Gefühl, die Manic Street Preachers haben ein eingängiges, gleichzeitig rockiges und poppiges Album aufnehmen wollen, das überwiegend nach hinten blickt - und sich übernommen. Ein paar tolle Songs fallen dabei ab, einige Gurken ebenfalls. Vielleicht braucht die Platte mehr Zeit.

Trackliste

  1. 1. People Give In
  2. 2. International Blue
  3. 3. Distant Colours
  4. 4. Vivian
  5. 5. Dylan & Caitlin
  6. 6. Liverpool Revisited
  7. 7. Sequels Of Forgotten Wars
  8. 8. Hold Me Like A Heaven
  9. 9. In Eternity
  10. 10. Broken Algorithms
  11. 11. A Song For The Sadness
  12. 12. The Left Behind

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1 Kommentar

  • Vor 3 Monaten

    Wesentlich umverkrampfter als beim Postcard-Album, was für mich ziemlich übel rüber kam. Die Herren lassen los und machen ihr Ding - sie brauchen niemanden mehr was beweisen. Und das bekommen sie hier überwiegend gut hin. 5x durchgehört an verschiedenen Tagen. Bleibt weiter im Player.