Porträt

laut.de-Biographie

Lil Ugly Mane

Es gibt Musiker:innen, die schon bei der erstbesten Möglichkeit nach den Sternen greifen wollen und ihre Seele an das nächstbeste Major-Label verkaufen, es gibt Musiker:innen die die Komfortzone ihres Underground-Unabhängigkeit ihr Leben lang nicht verlassen wollen, und es gibt wiederum Musiker:innen die diese Außenseiter-Attitüde so konsequent leben, dass sie schon bei den ersten Anzeichen von kommerziellem Erfolg den Kopf in den Sand stecken und mit dem Gedanken spielen, ihre Karriere zu beenden.

Lil Ugly Mane - Mista Thug Isolation Aktuelles Album
Lil Ugly Mane Mista Thug Isolation
Linguistik-Professor und Zuhälter: eine Antithese zur Realness.

Travis Miller gehört letzter Kategorie an. Der am 13. Mai 1984 in Richmond geborene Rapper und Produzent ist Vollblutmusiker und ein absolutes Multitalent, reagiert aber seit jeher allergisch auf jede Form der öffentlichen Aufmerksamkeit, der er deshalb schon seit seinen ersten professionellen musikalischen Gehversuchen Anfang der 2000er gekonnt ausweicht. Unter sage und schreibe 14 Künstlernamen und Aliasen veröffentlicht Miller Musik und darin sind weitere ebenso zahlreiche Veröffentlichungen als Teil von Gruppierungen wie Playaz Circle oder Head Molt noch gar nicht eingeschlossen.

Schon mit seinen ersten Veröffentlichungen unter dem Moniker Seidr (und später Rats) eint er sämtliche der abstraktesten und Mainstream-unfreundlichsten Genres über die man stolpern kann, zu einer Krach-Menage der Extraklasse. Noise, Black Metal, Chopped & Screwed, Plunderphonics: Travis Millers Kreativität und Experimentierfreude kennt keine Grenzen. Das bringt ihm zwar über die Jahre die Aufmerksamkeit anderer, ähnlich-denkenden Untergrund-Koryphäen ein, der finanzielle Erfolg bleibt allerdings aus. Das er diesen eigentlich gar nicht will, weiß er damals noch nicht.

Zu sagen der Mann wäre ein Enigma, wäre fast schon eine Untertreibung. Denn nicht nur wechselt er seine Künstler-Personae öfters als andere ihre Bettwäsche, mit fast jedem neuen Alias geht auch ein konsequenter und rigoroser Stilwechsel einher, der sich mal mehr mal weniger von Millers bisherigen Outings unterscheidet, sein Portfolio aber immer um neue Facetten bereichert.

So dauert es auch nicht lange, bis er den Noise hinter sich lässt, und sich Anfang der 2010er im Umkreis von Spaceghostpurrp und dessen Raider Klans einen Namen als Hip Hop-Produzent und Rapper macht. In diesem Genre stellt er sich der Welt dann auch erstmals unter den Namen vor, die man bis heute am ehesten mit Travis Miller verbindet. Sein Produzenten-Alias Sean Kemp und sein Rappername Lil Ugly Mane bleiben hängen. Nicht nur weil sie synonym für seine wahrscheinlich beste Arbeit stehen, auch weil er mit ihnen erstmals vorsichtig aus seiner isolierten Underground-Bubble ausbricht.

Nach wenigen Kollaborationen mit SupaSortaHuman, Denzel Curry und dem erwähnten
Spaceghostpurrp veröffentlicht Miller 2011 mit "Playaz Circle: Pre Meditation" sein Debüt-Mixtape unter dem Namen Lil Ugly Mane, das den Südstaaten-Sound seiner Flordianischen Zeitgenossen noch tiefer ins pechschwarze Herz von Memphis verlegt. Das Projekt ist roh, verhältnismäßig sehr experimentell und hat eine ähnlich grausame Audioqualität, wie viele der Tapes die ihn dazu inspirierten (Ugly Manes Anfänge atmen Tommy Wright III und Koopsta Knicca). Doch auch wenn Millers Talent für wabernde Beats, dichte Atmosphäre und schaurige Bilder schon hier nicht von der Hand zu weisen ist, so ist sein Charisma noch ausbaufähig, und das was ihn zu mehr macht als einer guten Kopie macht, sucht man ebenso vergebens. Noch, muss man retrospektiv anfügen.

Nur ein Jahr später knallt Miller der Szene sein offizielles Album-Debüt vor den Latz. "Mista Thug Isolation" liest sich nur befremdlich, es klingt auch so. Der Memphis-Worship von "Playaz Circle" ist mitnichten verschwunden, doch Miller dreht ihn mit der desolaten Absurdität, die dieses Unikum von einem Album durchströmt, komplett auf links. "Mista Thug Isolation" erzählt von denselben Drogen, denselben Pimp-Stories und denselben Drive Bys, die schon seit Stunde 0 ein fester lyrischer Bestandteil dieses Subgenres sind, verzerrt sie jedoch mit einem irrwitzigem Wortschatz und grotesker Überspitzung fast schon ins Ironische und Perverse. Denn natürlich: Wie soll ein weißer Twentysomething aus Richmond auch sonst über diese Dinge rappen.

Aber nicht falsch verstehen: Travis Miller meint dieses Memphis-Ding todernst. Nur weil er einen Charakter spielt, tut das der musikalischen Blaupause die diesem Tape zugrunde liegt, sowie der Düsternis die es verströmt, keinen Abbruch. Das ist das Schöne an "Mista Thug Isolation" und wahrscheinlich auch der Grund, wieso es bis heute als eines der besten Hip Hop-Projekte die abseits des Mainstream in den 2010ern veröffentlicht wurden, gefeiert wird: Auf den ersten Blick ist Millers Debüt ein unglaublich gut produziertes, authentisches Memphis-Tape, erst mit weiteren Durchgängen eröffnen sich die Facetten, die es zu etwas ganz Besonderem machen. Das geniale Sampling, der Humor, die depressive Verletzlichkeit: Alles Teil des großen Ganzen.

Das erkennen 2012 auch zunehmend immer mehr Leute außerhalb Millers Umfeld, die ihn (und darüber hinaus den gesamten Raider Klan) schnell zum nächsten großen Ding im Süden des Sprechgesang stilisieren. Während jedoch seine Mitstreiter diesen Weg mit Vergnügen gehen (allen voran Denzel Curry), kündigt Miller aus dem Nichts an, mit der Musik aufhören zu wollen. Zu groß der Druck, zu sehr die Angst vor einer wirklichen Karriere in der Industrie und den unausweichlichen Hürden, die damit einhergehen.

Mit "On Doing An Evil Deed Blues" gibt er seinen Fans als Abschiedsgeschenk mit auf den Weg. Ein achtminütiges Cloud-Rap Monster, ein weiteres Meisterstück in klassischem East Coast-Sampling, ein Song der mühelos die Grenzen seines Genres transzendiert. Das vielleicht beeindruckendste ist jedoch die Offenheit, die Miller darauf an Tag legt, wenn ihm die Gangster-Maske vom Gesicht gleitet. "I used to like to rhyme when there was never any pressure" rappt er da unter anderem und resümiert über seinen Abschied am Ende zufrieden: "I wrote some raps, I had a couple fire lines / I dropped a tape, I did a show, I got some shine / Never made a lot of money; that's fine."

Hier könnte Travis Millers Geschichte enden, doch als Travis Miller begann, die Schichten zu seinem Seelenleben abzuschälen, scheint er die therapierende Wirkung darin erkannt zu haben. Von hier an läuft sein Memphis-Film aus Sparflamme. Den Moniker Lil Ugly Mane behält er zwar bei, aber seine Musik schlägt weitaus ernstere, experimentellere und weniger zugängliche Töne an. Auf drei "Three Side Of Tape"-betitelten Compilations tobt er sich in seiner vollen kreativen (überwiegend instrumentellen) Bandbreite aus, ehe er sich 2015 mit seinem zweiten offiziellen Langspieler "Oblivion Access" ein weiteres Mal auf Albumlänge aus der Versenkung traut.

Schon vor dem Release kündigt Miller allerdings erneut an, das Projekt Lil Ugly Mane endgültig an den Nagel hängen zu wollen. "Oblivion Access" soll der Schlusspunkt sein, das Begräbnis wenn man so will. Vor allem inhaltlich macht das Sinn. Wenn ihm die Maske des Charakters, den er mit "Mista Thug Isolation" erschuf, zuvor langsam vom Gesicht glitt, reißt Miller sie sich dieses Mal schon mit dem ersten Ton selbst von der Visage und wirft sie in den Müll. Hier rappt nicht mehr ein fiktiver wortgewandter Pimp, hier rappt Travis Miller, ein gebrochener, von psychischen Problemen geplagter Mann, der Musik nicht mehr der Unterhaltung wegen macht, sondern weil er es muss.

Auf dem Cover liegt eine tote Ratte, eine robotische Text to Speech-Stimme spricht nihilistische Gedichte, auf zahlreichen, immer abgründiger werdenden instrumentalen Interludes stellt Miller seine Noise-Expertise zur Schau, und wenn er rappt, erzählt er uns am liebsten, wie sehr er sich und die Welt um sich herum hasst. Miller selbst bewirbt das Album mit den Worten: "[It's] the last of filthy water funneling out of the bathtub I’ve been soaking in for the last 5 years". Nein "Oblivion Access" ist wahrlich keine leichte Kost, aber vielleicht bis dato das profundeste Showcase von Millers Talent vor und hinter dem Mikrofon.

Um so bedauerlich ist es, dass er dieses Mal sein Versprechen, der Persona Lil Ugly Mane den Rücken kehren zu wollen, einhält. In den folgenden Jahren erscheinen zwar immer wieder alte Demos, Remixes und B-Seiten, auch vereinzelte Live-Shows finden statt, aber auf ein vollständiges Outing unter dem Namen Lil Ugly Mane warten Millers Fans bis heute vergeblich. Das heißt allerdings nicht, das er nach 2015 gar keine neue Musik mehr veröffentlicht. Der Mann der tausend Namen legt sich nämlich schon bald nachdem Lil Ugly Mane in Rente geht, ein neues Alias zu.

2016 formt er mit den befreundeten Rappern Wiki und Antwon die Gruppe Secret Circle, solo führt er den auf "Oblivion Access" etablierten Sound unter dem Moniker Bedwetter fort. Glaubt man jedoch den Inhalten, die er mit dem ersten Projekt unter diesem Namen transportiert, hat sich Millers mentale Gesundheit trotz des musikalischen Resets weiter rapide verschlechtert. Über surreale Instrumentals, erzählt Miller in unbeschreiblichen Details von metaphorischen Kindesentführungen und durchzechten Nächten im Kampf gegen die eigenen Dämonen.

"So I'mma see black till my eyes adjust, till my time is up, till my mind is fucked / Limp around town on the irish crutch with a belly full of whisky and self-disgust": "Vol 1: Flick Your Tongue Against Your Teeth And Describe The Present" gehört unweigerlich zu den niederschlagendsten, deprimierendsten und schockierend-ehrlichsten Alben, die dieses Gerne jemals zu sehen bekam. Travis Miller seziert sein mentales Chaos, mit der Filigranität eines Metzgers. Bis nichts als Selbsthass übrig bleibt: "I'm standing by a microphone and yelling at a wall / Pick a thousand names, you're still nobody at all".

Hinzu kommt, dass wenig später der schleppende Album-Rollout des Secret Circle-Debüts zu einem abrupten Stopp kommt. Nachdem zahlreiche Vorwürfe der sexuellen Gewalt gegen Antwon laut werden, löst sich die Gruppe auf und Wiki und Miller kehren ihrem ehemaligen Mitstreiter den Rücken. In einem Statement von Wiki heißt es: "The songs we made don't mean shit anymore. My heart is broken. But I won't stand by and act like everything is okay. [...] Ugly and I are hurt, yes. We poured 2 years into that project. But that doesn't even register on the scale of hurt that the victim(s) must be feeling."

Diese Tiefpunkte in Millers Lebens wären wahrlich kein schöner Abschluss für eine so vielversprechende Karriere. Doch vier Jahre nach seinem Bedwetter-Debüt sieht es Tag für Tag mehr danach aus. Zwei Features und ein Remix: Auf weitere musikalische Lebenszeichen warten Fans vergebens. Es schwirren Gerüchte um eine "Vol. 2" des Projektes umher, die allerdings nie offiziell bestätigt werden. Es scheint wirklich so, als habe Travis Miller der kommerziellen Musik endgültig den Rücken zugekehrt, ohne jemals für die Meisterwerke die er zum Untergrund-Kanon beitrug, entsprechend gewürdigt zu werden. Allerdings würde er sich wahrscheinlich auch gar nichts anderes wünschen.

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