laut.de-Kritik

Im Herzen bleibt der New Yorker ein Blumenkind.

Review von

Lenny Kravitzs musikalische Karriere schien nach dem plumpen "Strut" tot. Bereits im kreativen Grab liegend, die ersten Schaufeln Erde auf sich, schreckte er vor nichts mehr zurück. Selbst bis zum Bodensatz des Songwritings, noch schlimmer als jedes Weihnachtslied, ließ er sich herab: Mit "Happy Birthday" veröffentlichte er ein Geburtstagslied. Kravitz war auserzählt. But baby, it ain't over till it's over.

Die Frische und Energie, mit der der Multiinstrumentalist auf "Raise Vibration" zurückkehrt, überrascht um so mehr. Längst hatte Kravitz den Fokus verloren, versuchte sich zunehmend als Schauspieler. Doch nun gilt die ganze Konzentration der Musik, an der er spürbar wieder Lust gefunden hat.

Wie aus dem Nichts regeneriert Lenny, hat wieder etwas zu erzählen. Alles, was es dazu brauchte waren die Race Riots in Ferguson und Baltimore, gewürzt mit einer Prise Trump. Seine Antwort darauf hat sich in den letzten dreißig Jahren jedoch nicht geändert: "Let Love Rule". Im Herzen bleibt der New Yorker ein Blumenkind, die Liebe seine Lösung. Sei niemals feige, sei niemals grausam und iss niemals Birnen. Und nicht vergessen: Hass ist sowas von töricht und Liebe ist immer weise.

Als Resultat gelingen Kravitz mit den zwei Vorabsingles "Low" und "It's Enough" zwei seiner stärksten Stücke in diesem Jahrtausend. Das fast achtminütige "It's Enough" rückt ihn gar in die Nähe von Legenden wie Marvin Gaye, Isaac Hayes und Gil Scott-Heron. Zumindest bedient er sich sehr geschickt bei ihnen. Es gibt weitaus schlimmere Musiker, bei denen man sich seine Ideen stibitzen kann. Als Ergebnis steht Lennys eigener kleiner "Inner City Blues".

Gegen den sanft funkenden Groove des Stücks steht der zornige Text, der quer durch alle Missstände wütet: ".45 caliber in the face / Shot him in the head becaus of his race." Über all dem thront Ludovic Louis' Trompetensolo. Nur einen Klopps erlaubt sich Lenny, als er unter die Verschwörungstherotiker geht: "What's in all those trails up in the sky?." Und die Erde ist eine Scheibe. Wenn Kravitz nur einmal eine komplettes Album auf dem Niveau von "It's Enough" veröffentlichen könnte, es wäre sein Meisterwerk.

"Raise Vibration" ist es dann doch nicht geworden, dafür haben sich einfach ein paar zu schwache Songs eingeschlichen. Allen voran "Here To Love", das den schmalen Grat zwischen mitreißender Klavierballade und grenzenlosem Kitsch auf der falschen Seite herunter plumpst. Von der Grundidee an Songs wie Stevie Wonders "They Won't Go When I Go" angelehnt, landet das Lied stattdessen bei den Chicago-Schnulzen der frühen 1980er. Spätestens wenn der Chor einsetzt, überzuckert das Lied komplett. "We're not here to judge / We are here to love / There's no room for hate / We are just one human race." Ein Beitrag für den Eurovision Song Contest 1985. Lenny Kravitz' "Ein Bisschen Frieden".

In "Who Really Are The Monsters?" vermischt er bösen eFunk mit Rock. Sicher nicht der eingängigste Song, aber der garstigste des Longplayers. Dazu kommt die Frage, wer denn nun wirklich die Bösen auf unserem Planeten sind? Amerikas Einsatz der "Mutter aller Bomben" ist jedenfalls nicht geeignet, unsere Probleme zu lösen. Es dürfte wohl eher ausgeschlossen sein, dass jemand, dessen ganze Familie gerade weggesprengt wurde, in ein lautes "USA! USA! USA!" ausbricht.

Auf den ersten Blick wirkt das von Akustikgitarre vorangetriebene und mit Kinderreimen ausgestattete "5 More Days 'Til Summer" unbekümmert und sonnig. Doch unter der fröhlichen Hülle steckt Bitternis. Die Geschichte eines Individuums, das längst in den grauen Hallen einer Fabrik verloren ging und dessen letzte Freude fünf Tage Urlaub im Sonnenschein darstellen. "I've worked in this factory far too long / Can't remember when I last had some time to breathe."

In "Johnny Cash" zeigt sich Kravitz von seiner persönlichsten, verletzlichsten Seite. Der softe Song, dem Titel verpflichtet vom Country geküsst, führt zurück an den Tag, an dem Lennys Mutter starb. Nach ihrem Tod kam er in Rick Rubins Studio zurück und begegnete June Carter und Johnny Cash, die ihn trösteten und in den Arm nahmen. Mit gehörigem Cuíca-Einsatz grooved das fesselnde "Low" elegant über einen mit packenden Basslauf, funkender Gitarre und geschickt platzierte Bläser. Dazu kommt Michael Jacksons (oder doch Jason Malachi?) verzichtbarer Gastauftritt als Background Sänger, von dem nicht viel mehr als gelegentliche "Hu!"s und "Hihi"s bleiben.

Mit "Raise Vibration" gelingt es Lenny Kravitz, die Abwärtsspirale, die seit zwanzig Jahren erst zaghaft und dann immer mehr anspannte, zu nutzen und voller Eifer zurückzuschnellen. Im Spirit an seine ersten Alben angelehnt, verpasst ihm Gitarrist Craig Ross einen klaren, teilweise zu braven Sound. Etwas mehr Pfeffer hätte manchem Stück gut getan, ein paar Songs bleiben unter ihrem Potential. Trotzdem liefert Kravitz unerwartet sein bestes Album seit "5".

Trackliste

  1. 1. We Can Get It All Together
  2. 2. Low
  3. 3. Who Really Are The Monsters?
  4. 4. Raise Vibration
  5. 5. Johnny Cash
  6. 6. Here To Love
  7. 7. It's Enough
  8. 8. 5 More Days 'Til Summer
  9. 9. The Majesty Of Love
  10. 10. Gold Dust
  11. 11. Ride
  12. 12. I'll Always Be Inside Your Soul

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6 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    jepp, das sach man. schömes kratives comeback. im vergleich zu den schrottsachen der letzten mindestens anerthalb dekaden ein burner und verdientermaße 4/5. wenn ich einen schritt zurücktrete und es mit seinen evergreens vergleiche vielleicht eher 3/5. ....aber was sind schon zahlen in einer 5p-skala? ich mag auch den liebevoll-überraschten duktus der rezi sehr kein wunder bei der achterbahnfahrt mit lenny.

    • Vor 2 Monaten

      "achterbahnfahrt"

      Achterbahn, macht Looping und hoch und runter und wilde Kurve, also mindestens 3 Dimensionen. Bei Kravitz ging es 20 Jahre in Richtung Hölle, steil runter, das keine Achterbahn. Na wer weiß, eventuell hat er die Klum gesucht, um dem Seel einen aus zu wischen? Höre maximal 2/5. :P

    • Vor 2 Monaten

      es sind einige wirklich gut Songs drauf,die man gerne nochmal hören will. Low, Enough, 5. Das ist deutlich mehr als bei den letzten VÖ. Nach den ersten 5 Alben, die alle mehr oder weniger stark waren- zudem er sich mit Circus und 5 wirklich in sehr gutes Songwriting in Verbindung mit Top-Arrangements emporgeschwungen hat ging es in den Sinkflug. Ich hoffe für uns, dass er diesen mit dem neuen Werk stoppen kann.

    • Vor 2 Monaten

      Stark finde ich auch "The Majesty Of Love", cooler Funk. Auch der Opener "We can get it all together" entwickelt eine kraftvolle Qualität, wenn man sich auf ihn einlässt.

  • Vor 2 Monaten

    Selber im Herzen gebliebenes Blumenkind!!1

  • Vor 2 Monaten

    Sehr unausgeglichen zwischen funkigen highlights (low) und plakativen Langweilern (Here To Love).

    Auch wenn gutes dabei ist find ich ne 3/5 eher schon zu viel des guten

  • Vor 2 Monaten

    5 more days til summer finde ich ist vom Text her sein stärkster Song auf dem Album, einfach weil ich mich damit identifizieren kann. Aber es ist die Vorfreude auf den Urlaub der in 5 Tagen beginnt und nicht 5 Tage Urlaub, ich hoffe doch das der Protagonist mehr Tage Urlaub hat. (P.S. Wenn man für Geld Rezensionen schreibt, mein Traumjob, sollte es richtig übersetzt werden, ich glaube nicht das die Figur sich auf das Ende des Urlaubs freut.)

    • Vor 2 Monaten

      Glaube ich auch nicht. Ich habe mir den Absatz jetzt dreimal durchgelesen. Steht da doch auch gar nicht. Oder wie kommst du darauf? Hilf mir auf die Sprünge.

      Ansonsten sei vorsichtig mit deinen Wünschen. Sie könnten in Erfüllung gehen.

    • Vor 2 Monaten

      Da steht das er sich auf die 5 Tage freut aber der Titel lautet doch übersetzt 5 Tage bis zum Sommer sprich 5 Tage bis zum Urlaub. Und in der Rezension steht da 5 Tage Urlaub.

  • Vor 2 Monaten

    Endlich mal wieder ein gutes Album. Ich hatte ihn schon in die Belanglosigkeit geschickt.
    Aber LOW - JOHNNY CASH - 5 more days til summer - HERE TO LOVE kann ich mich nicht dran satt hören.
    Endlich darf ich wieder begeistert sein. Prince wäre stolz auf seinen Kumpel Lenny. Gutes Album 4 von 5 .

  • Vor einem Monat

    2 gute Songs, Low und 5 more days 'til summer, machen noch kein gutes Album, noch nicht mal ein halb gares. Zum Glück gibt es heut zu Tage Streaming.