laut.de-Kritik

Songs über Sex am Morgen und Selbstreflexion.

Review von

Nach "Crystal Sky" stand die Gefahr im Raum, dass Lena auf den Zug des elektronifizierten R'n'B-Dance-Pop aufspringen würde. Auf "Only Love, L" nehmen Dance-Beats nun zwar in der Tat großen Raum ein. Doch die Umsetzung überrascht dank einiger guter Kniffe frisch und klischeefrei.

Die 13 Stücke, alle auf Englisch gesungen, klingen nicht zwingend nach einer nationalen, deutschen Produktion. Im R'n'B-Radius von AlunaGeorge oder Iggy Azalea findet Lena Meyer-Landrut ihren – neuen - Platz, und auch Afrobeats werden eingemeindet. Musikalisch wie lyrisch stehen die Songs miteinander in engem Zusammenhang und loten zugleich einiges an Bandbreite aus.

Thematisch fasst "Only Love, L" mit schlichten Worten zusammen, wonach sich wohl die Mehrheit der Menschen sehnt und woran mancher, im Alltag funktionierend, nicht mehr zu denken wagt: Wir hätten gerne Sex, guten Sex ("Sex In The Morning feat. Ramz"), eine schöne Beziehung ("Love") und gelegentlich lieber auch mal keine ("Life Was A Beach", "Don't Lie To Me"). Wir möchten Grenzen ("Boundaries") ziehen, um uns selbst in einem kleinen Bereich, einer heilen Welt ("Ok") zu schützen.

"Boundaries" ist der wohl intensivste Tune, zugleich aber auch einer der zeittypischsten in seiner Klangästhetik. Weniger typisch garniert eine Flöte, die ein exotisches Eigenleben entfaltet, die Dance-Sounds auf "Notes To Myself", so dass man das schepperige Pluck Pluck/Clap Clap der Drum Beats verzeiht - auch wenn ich lieber das Klavier der ersten beiden Alben hören würde. Auf "Love" kommt das Piano daher wie gerufen. Der verträumte Song wirkt beruhigend. Er unterstreicht die Idee hinter der Platte, Erlebtes zu verarbeiten und umzuwandeln: Organisches Songwriting anstelle von zig Autoren glattgebügelter eklektischer Versatzstücke. Obwohl viele Autoren beteiligt waren.

Dass Lena für das Album lange gebraucht hat, wie sie selbst sagt, erklärt sich die Re-Set-Stimmung auf der Platte ganz gut. Zwar gerät auch manche Songstelle zickzackartig und zappelig. Aber innere Ruhe überwiegt, und ein nachvollziehbarer Bogen zwischen den Titeln macht "Only Love, L" zu einer runden Sache. Neben den klassischen Popsong-Themen Trennung, Einsamkeit und Lügen und den Beziehungsfragen strebt ein Teil der Platte einem anderen Pol zu: Für Selbstreflexion stehen "Notes To Myself", "Private Thoughts", "Stuck Inside" und die Vorab-Single "Thank You".

Mit Beziehungen meint Lena nicht nur die privaten, sondern auch die 'parasozialen', in denen Leute, die ihr nie begegnet sind, sie oder ihre Rolle verurteilen. Oft fiel ihr auf, dass sie noch immer so sehr öffentliche Person ist, dass Follower oder Medienleute ein verzerrtes Bild von ihr zeichnen: "She's arrogant / She's far too thin", zitiert sie die Vorwürfe, die ihr von Teilen der Boulevardpresse und Instagram-Kommentatoren in den Jahren während der Arbeit an diesem Album entgegen schlugen. "Fuck the haters / They don't know ya!" rät sie - sich selbst und wohl auch Leuten, die ähnlich betroffen sind.

Die Stimme lebt in manchen Songs (z.B. "Scared", "Life Was A Beach") vor allem von der schauspielerischen Neigung und darstellerischen Kraft der Sängerin. In einigen Tracks singt sie mit fester Stimme, so im gemeinsamen Track mit Ramz und in "Ok". Besonders gut wird Lena, wenn ihre Stimme Pirouetten dreht oder verständnisvoll und sensitiv für den Liebespartner wird. Einnehmend klingen die Vocals in "Notes To Myself". Einst als vernuschelt und für seltsame Aussprache englischer Wörter bekannt, liegt heute gerade die Präzision hoch bei Lena. Doch nicht immer scheint sie eine für sie selbst angenehme Tonhöhe zu wählen, piepst stellenweise in langsamen Passagen und in lang gehaltenen Tönen zu hoch.

Der Longplayer brilliert trotzdem: Die Melodien schillern durchweg schön. Die Dramaturgie des Albums passt genau so. Zudem sind die Texte unkompliziert, zeitlos und allgemein gültig. Auch das Anliegen der Platte ist schlüssig und erklärt sich von selbst: In einem digitalen Sound-Gewand stille Überlegungen anstellen, die sonst oft Folk und akustischem Songwriting vorbehalten sind. Hier hingegen fließen Afrobeats und Dancehall in Spurenelementen in vier Songs ein ("Thank You", "Dear L", "Stuck Inside", "Don't Lie To Me"). Neben letzterem wurde noch "Sex In The Morning feat. Ramz" von den Jugglerz produziert und steht dem Dancehall nahe. Auch musikalisch farblose Momente in "Private Thoughts" und "Scared" überbrücken die Texte einigermaßen cool. "Ok" rundet mit Future R'n'B das Album stilistisch auf der Ebene von Jessy Lanza oder The Internet ab.

Hier könnte auch ein internationales Album aus den Speakerboxes dröhnen und man würde nicht auf Lena kommen. Dennoch wirkt das Ganze authentisch und die Stimme nah, warm und vor allem: nicht auto-tuned. "Ok" funktioniert als passender 'Rausschmeißer'. Plötzlich reißt er ab. Es herrscht Stille. Einsam bleibt man nicht zurück. Lena wirkte 45 Minuten lang ehrlich. Dieser Eindruck hallt stark nach und rührt an. Warum kommt kein Hidden Track? Ah doch: "If I Wasn't Your Daughter (Acoustic Version)" als Bonus. Danach gerne wieder von vorne.

Trackliste

  1. 1. Dear L
  2. 2. Thank You
  3. 3. Private Thoughts
  4. 4. Scared
  5. 5. Life Was A Beach
  6. 6. Sex In The Morning feat. Ramz
  7. 7. Note To Myself
  8. 8. Love
  9. 9. Don't Lie To Me
  10. 10. Stuck Inside
  11. 11. Skinny Bitch
  12. 12. Boundaries
  13. 13. Ok
  14. 14. If I Wasn't Your Daughter (Acoustic Version)

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