laut.de-Kritik

Die beste Punkrockplatte der 90er vertont die Auswirkungen der Thatcher-Ära.

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"The air in here is dead industrial and so austere / The air round here smells of religion and Vauxies beer". Frankie Stubbs sitzt im Frühling 1991 vor einer Hafenkneipe in Sunderland, atmet den rost-getränkten Niedergang der ehemaligen Industrieregion Nordengland und schreibt an der besten Punkrockplatte der 90er. Im Gegensatz zu New Model Army-Mastermind Justin Sullivan, der nur zwei Autostunden entfernt als autonomer Vagabond im regnerischen Grüngrau vor der Stadt campiert und ebenfalls die Auswirkungen der Thatcher-Ära vertont, bewegt sich Leatherface-Frontmann Stubbs mitten zwischen arbeitslosen Dockarbeitern und dem harten Inner-City-Life. Punkrock oder Post-Core sind keine Bauwagensiedlung. Stubbs selbst gestand einst ein, dass er wusste, dass seine Band alles richtig mache, als bei ihren Auftritten die Iro-Punks vor der Bühne von den Rucksack- und Brillenträgern verdrängt wurden.

Trotzdem beruft sich Stubbs auf die klassischen Folk-Werte: "Musik bedeutet in meinen Augen nicht Pop oder Rock'n'Roll, für mich hat in der Folkloremusik alles seinen Ursprung. Dort sangen die Menschen über die Dinge ihrer Epoche, ganz schlicht und leicht verständlich. So halten wir es auch mit unserer Musik. Mit Gitarre, Bass, Gesang und Schlagzeug kannst du in drei Minuten pro Song das Wesentliche zum Ausdruck bringen". Dieser Philosophie stets verpflichtet nehmen Leatherface während ihrer aktiven Zeit von 1988 bis 2010 keinen schlechten Song, keine überflüssige Zeile, keinen hingerotzten Refrain, kein abgenudeltes Riff und erst Recht keine unnötige Coverversion auf.

In über 100 Tracks und sieben Studioalben frönt Stubbs dieser Mission – oft flankiert von seinem kongenialen Co-Songwriter Dickie Hammond - und kombiniert schrammelige, meist melancholische Hüsker Dü-Harmonien mit staubigem Motörhead-Rock. Vor allem das nach vorne walzende, unaufhaltsame Zusammenspiel aus Drums und Bass erinnert an Lemmy und Wurzel und baut das nötige, feste Fundament für die einzigartigen Melodien, dem einfachen, aber poetischen Storytelling Stubbs und dessen whiskeygetränkter Reibeisenstimmen auf. Auf ihrem dritten Werk "Mush" aus dem Jahre 1991 gelingt ihnen die Blaupause dieses Sounds und eines der wichtigsten Alben der 90er.

Bereits der Opener "I Want The Moon" hämmert sofort unaufhaltsam los wie Schwertschmiede zu Zeiten von William Wallace. "We aren't the side who runs but never buys / We are the ones who run but never hide". Die Hymne baut den Außenseitern und Ausgestoßenen, den Querulanten und Querdenkern ein Denkmal. Das alte, internationale Ziel strömt dabei aus jeder Pore – Schritt Für Schritt Ins Paradies einer gerechteren, solidarischeren Gesellschaft, Rio Reiser lässt grüßen: "I want the moon / A peaceful place that we call home / I'm over the fucking moon / And I want the moon / We don't make bargains and don't deal with markets".

Die größten Tracks gelingen Leatherface immer dann, wenn Stubbs eine Ebene mit dem 2015 verstorbenen Dickie Hammond findet. "I Don't Want to Be the One to Say It" lässt den Kopf im Midtempo-Groove nicken und die Hüfte shaken, bis es dann im letzten Drittel der Refrain sich zu einem wilden Headbanger steigert – und Stubbs hintergründige Lyrics über die Spießer, Kriegstreiber und Machtmenschen kraftvoll in Szene setzt: "A hymn and a rhyme a plethora of ashtray abuse / A bucket full of sunshine and a missile to use / I'd love to see you smile or am I just wasting my time again / And I would rather die".

Das folgende "Pandora's Box" stünde als melancholische, aber niemals beliebig-weichflötige Quintessenz in der Hall Of Punk. Mit nur einer Zeile – "And of course it's not plutonium that cause pandemonium" – erreicht mehr als alle Anti-Atomkraft-Barden mit ihren schlecht gestimmten Wandergitarren. Auch "Springtime" tarnt sich vordergründig als straighter Slamdancer, doch die einzigartige Gitarrenarbeit der beiden und wundervolle Zeilen wie "There's a little bit of springtime in the back of my mind / Remembers when there was a time when we danced" heben den Song auf ein völlig anderes Niveau. Die zwei Tracks wagen auch einen Blick in die spätere Phase der Band bis zum Ende 2010, in der Leatherface den Melodien immer mehr Raum geben und den einstigen Motörhead-Einfluss weiter zurückdrehen.

Auf "Mush" fügen sich aber die härteren, an die ungestüme Anfangstage erinnernden Stücke wie "Winning" oder "How Lonely" jedoch noch nahtlos in den punkigen Parforceritt ein und machen Leatherface zur größten Punkrock-Band seit den 90ern. Unzählige Bands wie Hot Water Music, Gaslight Anthem oder Dillinger Four berufen sich auf die Sunderländer und covern später ihre Songs.

"Mush" erschien ursprünglich auf Roughneck, die spätere CD-Version enthält drei Bonustracks ("Trenchfoot", "Scheme Of Things", "Message In A Bottle"), die das Album noch einen weitere Boost geben. Besonders das schnelle "Scheme Of Things" mit der pathetischen Eskalation im letzten Drittel darf auf keinem Mixtape und in keiner Leatherface-Playlist fehlen - und dann "Message In A Bottle". Leatherface brauchen genau zwei Riffs und allen ist klar, dass sie auch einen The Police-Klassiker locker zu ihrem eigenen Song machen können. Auf jeder Platte adaptieren sie fremde Tracks – zum Beispiel von Elvis, Dylan, Chapman oder Cave und werfen Metallica den Fehdehandschuh im Kampf um die beste Coverband aller Zeiten hin.

Nachdem Frankie Stubbs die "Message In A Bottle" in die Nordsee geworfen und "Mush" fertig geschrieben hat, verlässt er die heruntergekommene Hafengegend und wandert durch die Straßen raus aus der Stadt, dorthin, wo New Model Armys Justin Sullivan über die grünen Hügel blickt. Auch Stubbs vermisst am Ende die ehemals unberührte Natur. In einem Interview beschrieb er einst seine Vorstellung vom perfekten Lebensabend: Mit einem Ghettoblaster und den besten Tapes im Gras sitzend und über die Stadt schauend. Oder wie er im zitierten "Dead Industrial Atmosphere" singt: "There's dark satanic mills and there's green and pleasant hills". Eine Zeile wie der perfekte Punkrock-Song: Er zieht seine Hoffnung aus der Hoffnungslosigkeit.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. I Want The Moon
  2. 2. How Lonely
  3. 3. I Don't Want To Be The One To Say It
  4. 4. Pandora's Box
  5. 5. Not A Day Goes By
  6. 6. Not Superstitious
  7. 7. Springtime
  8. 8. Winning
  9. 9. In The Real World
  10. 10. Baked Potato
  11. 11. Bowl Of Flies
  12. 12. Dead Industrial Atmosphere
  13. 13. Trenchfoot
  14. 14. Scheme Of Things
  15. 15. Message In The Bottle

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