23. Oktober 2008

"Lass' Deinen inneren Bello raus!"

Interview geführt von

Kool Savas veröffentlicht dieser Tage das neue Mixtape "Die John Bello Story Vol. 2". Uns hat er erklärt, wieso der neue Bond-Song "überkrass" und was an Blumentopf "eklig" ist.Beinahe wäre dieses Interview an widrigen Umständen gescheitert. Nach einer knapp einstündigen Verspätung der Bodensee-Fähre, 40 elenden Überland-Kilometern bei durchschnittlich 30 km/h, sintflutartigen Regenschauern auf der Autobahn und einem baustellenverseuchten München grenzt es an ein Wunder, dass ich nur eine einzige Stunde zu spät im Mercure Hotel aufschlage.

Der Barrieren damit aber noch nicht genug: An der Rezeption quittiert man meine Frage nach Kool Savas mit kritischen Blicken, gefolgt von einem ernüchternden:

"Ich glaube nicht, dass der hier bei uns ist."

Mein Info-Zettel hier glaubt das aber schon. Und der Manager erwähnte heute morgen am Telefon zwar, dass ich ihn aufgeweckt hätte, aber nichts von einem Hotelwechsel.

"Aha. Wie heißt denn der, der Manager?"

Der heißt Herr Soundso.

"Herr Soundso, moment ... Ja, Tatsache. Der wohnt hier."

Im nächsten Moment kommt besagter Herr Soundso dann auch schon um die Rezeptionsecke gebogen und begleitet mich zu Savas. Der wiederum wirkt noch etwas müde und ist dank meiner Verspätung gerade beim Mittagessen, empfängt mich aber herzlich in seinem Hotel-Zimmer.

Hallo und guten Appetit. Lass es Dir schmecken!

Dankeschön. Das Krasse ist, ich hab gestern nur zwei vegetarische Hot Dogs gegessen, den ganzen Tag. Das hier ist mein erstes richtiges Essen, ich hab' mich so darauf gefreut, das ist echt lecker.

Savas hat noch den ganzen Teller vor sich, und auch wenn es der Job eines Rappers ist, den Mund voll zu nehmen, muss man das nicht überstrapazieren. Also überlege ich mir ein Interlude. Einen Skit, während der gute Mann sich stärkt.

Übrigens, während Du isst, vielleicht eine Anekdote am Rande: Wir sind uns schon mal begegnet, das ist aber lange her, ich muss dazu ein bisschen ausholen: Für meine ersten KKS-Mixtapes hatte ich damals, so um 2000 rum, ein eigenes "King Kool Savas"-Logotype entworfen, weil ich Dein damaliges ehrlich gesagt nicht mochte und hauptberuflich auch eher für's Optische (!) zuständig bin. Irgendwann hab ich das am Computer nachgebaut und in einem Anflug von Grafiker-Großkotzigkeit dem Staiger gemailt, mit der Bitte, er solle es Dir bei Gelegenheit weiterleiten.

Ich hab dann nix mehr gehört – bis Du mit M.O.R. auf "NLP"-Release-Tour unterwegs warst. Nach dem Konzert standst Du draußen, hast Autogramme gegeben. Ich hab' Dich gefragt, ob Du den Entwurf je gesehen hast und Du so: "Ja, Alter, Du bist das? Voll geil, danke... aber die beiden 'S' von 'Savas', die fand' ich so ein bisschen SS-mäßig, das war dann doch zu krass." Und da hattest Du vielleicht auch nicht ganz unrecht, wie mir später auffiel. Dann hast Du ja auch das 'King' aus dem Namen genommen und ab da war die Sache eh passé. So viel zu unserer gemeinsamen Vergangenheit ...

Hammer Alter ... ich erinner' mich vage ... hast Du das Logo noch? Schickst Du mir das doch noch mal?

Ich fürchte, ich hab' das nicht mehr.

Okay, schade. Und hast Du schon öfter bei laut.de was über uns geschrieben?

Über Dich bzw. die Optik-Crew noch nicht.

Ich hab bei laut.de immer gutes Feedback bekommen, muss ich echt sagen, fand ich immer cool. Die haben immer voll nett über mich geschrieben. Ich habe das Gefühl, dass die das ziemlich wertschätzen, die Mucke. Wenn ich mir überlege, was Massiv oder Fler da für Kritiken bekommt, dann fahr' ich da ja voll die gute Schiene.

Jo, das sind kritsche Leute da. Und kritische Leser auch, klar. Für meine letzte Bushido-Review z.B. bekam ich eh auch ein Bomben-Feedback in den Kommentaren. Aber mehr Bomben als Feedback.

Und? Erzähl mal.

Naja, Du kannst es Dir bei Gelegenheit ja mal durchlesen.

Aber hast Du ihn aus Prinzip zerstört?

Nö, gar nicht. Seine ersten Sachen haben mich echt gestoked, die fand ich großartig. Aber meiner Meinung nach ist ihm dann nach und nach der Biss abhanden gekommen. Das jüngste Album legt davon konsequent Zeugnis ab. Schade, ehrlich ... Aber ich sehe, Du bist fertig mit Essen, lass uns loslegen, wir haben eh nur eine knappe halbe Stunde ... bereit für ein paar Fragen?

Genau. Genug davon. Her mit den Fragen, ich bin gespannt.

Ich hab' versucht, die Sachen, die in der jüngeren Zeit sowieso ständig gefragt wurden und deswegen auch hinlänglich bekannt sind, so gut es geht auszulassen. Insofern: Welche Frage würde Savas am liebsten beantworten – was würdest Du gerne an den Mann bringen?

Ich merke, dass mir am meisten so technische Fragen Spaß machen. Also, wenn's um die Musik geht, steh' ich auf Fragen wie "Wie habt ihr den Beat so hinbekommen?", "Warum habt ihr diesen Effekt so eingesetzt?" und so weiter. Das kommt sonst eher in amerikanischen Interviews vor, dass Leute gerade auf diese Sachen eingehen. Was mich bei deutschen Interviews nervt, ist die Frage nach dem Sinn, nach der Message, so quasi "Was ist denn jetzt der Inhalt?" - als ob man das als Artist so auf den Punkt bringen kann. Letztens habe ich gesagt, dass Instrumente ja auch nicht unbedingt einen Inhalt haben. Dass das auch mehr ein Gefühl ist, oder ein Gefühl vermittelt.

Natürlich, in dem Moment, wo ich was schreib' und sage, sagt das ja irgendetwas aus, das ist ja keine Phantasiesprache. Trotzdem finde ich, kann man auch im Rap, wo es nun mal um Raps geht, ein Gefühl vermitteln, Spaß machen, interessant sein und auch seinen Charakter darin zeigen. Ich hab' das Gefühl, dass ich die Ami-Rapper, die ich höre, auch kenne. Auch wenn es nur Battle-Raps sind, die ich von denen höre – ich hab' trotzdem das Gefühl, die zu kennen. Und genau das nervt mich an "Was ist die Message?", "Was ist der Inhalt?" und so. Das finde ich meistens zu flach, ich würde mir ehrlich mehr musikspezifische Fragen wünschen. Das macht mir Spaß.

Sozusagen die "Optik" der Songs, verstehe. Liebe Interview-Nachfolger da draußen: Ihr wisst Bescheid. Gut. Vor kurzem hast Du Curse' zehn Rapgesetze kommentiert und sie größtenteils unterschrieben. Eines davon lautet sinngemäß: "Bleib auch als Rapper immer Rapfan." Wovon ist Savas momentan Fan, abgesehen von den "holzig klingenden Portishead" zum Einschlafen?

Das Problem ist, dass ich nicht dazu komm', mir so viele Sachen zu brennen. Ich habe das alles am Computer. Aber wenn ich dann doch mal 'nen Törn hab, dann geh' ich auf YouTube, da kommt man ja heutzutage schnell an Mucke. Und da hör' ich mir dann immer wieder gerne "Cosmic Girl" von Jamiroquai an, das ist voll der schöne Song. Es gibt viele einzelne Tracks, von Chris Brown und Jordin Sparks zum Beispiel: Obwohl ich Chris Brown als Artist gar nicht feier', gefällt mir "No Air" total gut.

Dann hab ich vorgestern den Titeltrack vom neuen James Bond gehört, dieses Ding von Alicia Keys mit Jack White oder so. Das fand ich überkrass. Ich hatte keine Ahnung, wer das ist, dachte, das wär eine neue Band und war voll begeistert, dachte "Wow, da kommt die Überband". Dann war das Alicia Keys. Die mag ich auch sehr, die hat auch ein paar Tracks, die ich sehr, sehr geil finde. Ansonsten, rapmäßig gibt's halt Sachen wie Cassidy, Corey Gunz... keine Ahnung. Ich schau mir viel Battle-Kram im Netz von diversen Rappern an. Und natürlich wart' ich jetzt auch auf die neuen Eminem-Sachen, darauf bin ich sehr gespannt. Und Dings natürlich, R'n'B-Kram, R. Kelly zum Beispiel. Alles was von dem kommt, wird immer schnell auf CD gepackt.

Okay, alles klar. Dann ein absehbares Thema, ich versuch's auch knapp zu halten: Kurzer Überblick über Deine Gefühlswelt in Bezug auf das Ende von Optik Records zum Ende des Jahres?

Ähm, also durch das Gefühlstal bin ich inzwischen auf jeden Fall durch.

Das heißt, es war auch auf jeden Fall ein Tal da?

Na klar. Man kann ja jetzt auch nicht himmelhoch jauchzend sagen: "Ich beende meinen Traum." Aber mittlerweile sehe ich das echt sehr nüchtern. Auf 'ne gewisse Art und Weise hat das auch einen Ansporn zu neuen Sachen gegeben. Nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen Optik-Beteiligten. Das liegt echt hinter mir. Auf der anstehenden Tour wird sich das auch zeigen. Aber man ist natürlich nicht glücklich darüber. Auf der anderen Seite lebt diese Energie und Idee auf eine andere Art und Weise weiter. Und wenn ich sehe, was "John Bello 2" höchstwahrscheinlich für einen Erfolg haben kann, dann macht mich das auch sehr glücklich und froh. Aber so, wie man es sich damals erträumt hat, hat das halt nicht geklappt.

Naja, ich würde sagen "geklappt" hat das auf jeden Fall. Ganze sieben Jahre lang sogar. Das würd' ich schon als Etappe sehen, als Erfolg werten. In diesem Zusammenhang eine Anschlussfrage: Du hast ja, so weit ich weiß, noch nirgends neu unterschrieben. Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit Prinz Pi, der meinte, er hätte sich vom Labelgeschehen zurückgezogen, um sich wieder voll und ganz auf's Künstler-Dasein konzentrieren zu können. Darf man von Dir eine ähnliche Entwicklung erwarten? Weniger Geschäftsmann, mehr Musiker? Oder simpler formuliert: Kommen ab 2009 wieder mehr S-A-V-Releases?

Definitiv. Ich will nur noch Mucke machen, wirklich viel Mucke machen, auch nicht mehr so lange warten bei den Alben. Den Leuten einfach öfter mal ein Update schicken.

John Bello?


Weil Du es eben selbst angesprochen hast: Der Name "John Bello" – Woher kommt der? Steht "Bello" tatsächlich nur für eine Art von Durchdrehen?

Genau, mittlerweile. Aber das hat sich auch erst dahin entwickelt. Ursprünglich war's garnix, nur eine Art Kosename, den wir uns untereinander an den Kopf geworfen haben: "Du Bello!" und so, manchmal hab ich auch Freunde auch nur aus Jux mit "John Bello" angesprochen. Irgendwann hatt' ich dann ein Telefonat mit Illmatic und sagte ihm im Gespräch - wirklich nur spaßeshalber - dass ich mein nächstes Album "John Bello Story" nenne. Der hat sich totgelacht, denn das war wirklich reiner Unsinn.

Ich hab's dann aber tatsächlich gemacht, einfach um ihn zu schocken. Um zu zeigen, dass ich das echt durchziehe. Ich wollte wissen: Wie ist das, wenn man was wirklich Beklopptes macht, etwas, das wirklich überhaupt keinen Sinn hat. Irgendwie hat sich für mich darin dann auch ein Alter Ego herauskristallisiert, eine zweite Sache neben Kool Savas, wo ich mich viel lockerer machen kann. Und mir tut das sehr gut: Ich komm' dann in den Bello-Modus, wo ich ausraste, bekloppt werde, rumspaste, einfach überschüssige körperliche und geistige Energie abbaue. So ist das (grinst).

Inzwischen hat das aber auch etwas mehr Konzept bekommen, so nach dem Motto: Lass' Deinen inneren Bello raus. Lass' den Dingen ihren Lauf, mach' Dich locker. Kuck' einfach nicht drauf, ob dieses oder jenes jetzt peinlich oder unangenehm ist, ob ich mich blamiere, oder ob ich ein Bild erfüllen muss, das die anderen von mir haben. Scheiß drauf, mach einfach Dein Ding, Alter.

Wie mein Kater. Der heißt ebenfalls Bello und macht auch nur, was er will. Apropos Namen und weil's mir eben in's Auge sticht: Du hast den Namen "Melanie" auf den Unterarm tätowiert. Trotz Eurer Trennung im Privaten vor einiger Zeit ist sie nach wie vor Deine Haus-Produzentin. Läuft diese "geschäftliche" Beziehung reibungslos und von ganzem Herzen weiter, oder hat sich an Eurem Verhältnis als Team in dieser Hinsicht auch etwas verändert? (Wenn Dir das zu privat ist, können wir die Frage auch gerne skippen.)

Es hat sich definitiv nix an der Zusammenarbeit mit Mel verändert. Es ist und wurde auch nie ein Problem. Genau wie die Frage.

Dann cruisen wir weiter von der Frauenwelt zum nächsten unumgänglichen Thema: Karren. S-A-V ist bekennender Auto-Fan. Wenn Du Dir frei Schnauze und ohne Einschränkung drei Schüsseln aussuchen könntest – welche wären das? Inklusive Farbangabe bitte.

(Wie aus der Tek geballert:)997 Turbo, als Cabrio in schwarz mit schwarzen Felgen und schwarzem Interieur mit Carbonapplikationen. Das wäre eigentlich so mein Traumwagen. Und dann noch, hm, warte mal ... boah, es gibt so viel. Also wenn's drei wären, dann würd' ich mir für jeden Anlass was aussuchen. Dann würde ich als Geländewagen wahrscheinlich einen Range Rover nehmen, Supercharged, auch komplett in Leder und ebenfalls in schwarz. Generell: bei mir sind alle Autos immer irgendwie schwarz.

Und dann hätt' ich noch gerne ein Langstreckenfahrzeug, eine Limousine. Und da muss ich ganz ehrlich sagen, dass der bequemste Langstreckenwagen, den ich je gefahren bin, ein Phaeton war. Viel besser als eine S-Klasse, viel besser als ein 7er, besser auch als ein A8. Bequemlichkeit untopbar und total geräumig – aber der hat halt null Image, überhaupt nicht angesagt, die Kiste. Aber ich hätt' ja auch ganz gerne einen Wohnwagen.

Einen Wohnwagen!

Ja, ich fand das immer schon voll gemütlich. Mein Onkel hatte damals einen, mit dem sind wir auch mal in Urlaub gefahren und ich fand das überkrass. Ich bin voll der Wohnwagen-Fan! Ich mag auch Tourbusse. Ich mag, wenn das alles so kompakt ist: Beim Wohnwagen hast Du Deine kleine Schlafstelle, einen kleinen Fernseher, eine kleine Kochnische. Das find' ich geil, das würd' ich auf jeden Fall machen.

Auch in schwarz?

Das wär egal, bei dem spielt's keine Rolle. So lange er nicht grün oder knallrot ist.

Ich war letztens drei Wochen mit so einem Teil in Norwegen unterwegs, das hat schon was. Stimmt.

Echt? Und? Wie war's? War das ein großes Wohnmobil?

Das war eins für bis zu vier Personen. Wir waren zu dritt drei Wochen unterwegs. Dort hörst und siehst Du echt tagelang keinen Menschen, wenn Du keinen Bock drauf hast.

Krass. Wie ist das?

Die Stille, die Landschaft und die Entfernungen sind beeindruckend. Da kann man gut zur Ruhe kommen und abschalten. So richtig, mein' ich. Die Erholung spürst Du, wenn Du zurück ins tägliche Remmidemmi kommst. Meine Empfehlung hast Du.

Hammer, Alter. Norwegen. Wie weit ist das? Wie lange fährt man dahin?

Kommt drauf an. Mit dem 997er nicht so lange wie mit dem Wohnmobil, schätze ich. Und dann brauchst Du eh die Fähre.

Ganz kurz noch: Was für ein Sprache sprechen die da? Und sind die nett die Norweger? Kann man sich da in der Abgeschiedenheit ein Haus kaufen? Wie sind ...

(Man vergisst für ein paar Momente das tickende Damokles-Schwert, das aufgrund von unverrückbaren Folgeterminen über dem Interview baumelt und verliert sich in Fragen und Antworten zum Thema Norwegen. Bis uns ein schrilles Telefonklingeln jäh unterbricht. Savas geht ran:)

Hallo? [...]
Los, oder was? [...]
Können wir noch n' bisschen... noch leicht hinauszögern? [...]

(Ich, flüsternd:) Noch zehn Minuten!

Ja komm'. Pack' noch zehn Minuten drauf. Okay? Okay. (Legt auf.)
Also los jetzt, Gas geben.

Killer-Stichwort: Wie steht's um Deinen Führerschein? Darfst Du den behalten? Gibt's da schon was Neues?

Nee, mein Anwalt ist dabei und gibt sich alle Mühe. Bis jetzt darf ich noch fahren und das ist sehr schön. Ich hoffe, dass das auch so bleibt.

Pro Backpack, Contra Blumentopf.


Gut, nächste: Was mir persönlich immer wieder auffällt, jetzt mal abgesehen von dem Auto-Ding: Du wirkst, abseits von Deinem Job als Rapper und jenseits der Musikvideos sehr menschlich und normal. Ohne Image-Hülse, ohne Star-Allüren, ohne übertriebenes Representer-Gehabe. Und das, obwohl Du es Dir ja leisten könntest, als Battle-Rap-Pionier vielleicht sogar müsstest. Ich finde, man kann bei Dir eine klare Trennlinie zwischen dem Rapper Savas und dem Menschen Savas, zwischen Job und Leben erkennen. Das ist, wie ich finde, nicht unbedingt üblich. Ist das Deine Art von Selbstvermarktung oder bist das einfach und ehrlich nur Du, Savaş "Bello" Yurderi?

Alles andere wäre mir selbst unangenehm, ich könnte das nicht. Selbst wenn Leute nur denken, ich sei arrogant, dann ist mir das schon peinlich. Aber das ist keine Marketingstrategie, Alter. (Lacht)

Wirkt auch nicht so. Themawechsel: Westberlin Maskulin - angenommen, Taktlo$$ vollzöge einen 180°-Sinneswandel und wollte plötzlich schiffsladungsweise Majorlabel-Tonträger verkaufen: Wärst Du zu einer Wiederbelebung des Berliner Urgespanns bereit? Oder ist das von Deiner Seite ausgeschlossen?

Unter Umständen ist alles denkbar. Aber wie gesagt: Das ist noch so weit weg, wir haben nie darüber geredet, weil wir zur Zeit gar keinen Kontakt haben. Aber "undenkbar" und "ausgeschlossen" ist es auf gar keinen Fall.

Da wir grade von WBM sprechen und obendrein in der bayerischen Hauptstadt sitzen, drängt sich mir da noch etwas anderes auf: Hattest Du Ende der Neunziger die Münchener Crew Feinkost Paranoia, sozusagen die "Westberlin Maskulin des Südens" auf dem Schirm?

Ich wusste, dass es die gibt, kannte aber nur einen Song von denen.

Und zwar?

Die Single, wie hieß die noch... "Kleines Mäuschen" ...

"Süße kleine Maus".

Ja, genau.

Und was war, oder ist Deine Meinung dazu? Ich meine, 1998 war das ja schon auch massiv neuartig, oder?

Als ich die Single gehört hab, da hatte ich "Maskulin" schon fertig aufgenommen. Das heißt, wir waren textlich und inhaltlich auch schon so extrem, dass mich das nicht mehr geschockt hat. Wir haben in jedem Satz "Fick dies, fick das", "Fotze", "Schwanz" und alles das schon benutzt, von daher war das kein Schock mehr. Aber ich fand's lustig, dass relativ zeitnah auch irgendwo anders so was ähnliches entstanden ist. Das war auf jeden Fall interessant.

Eine andere München-bezogene Frage habe ich noch, die meines Wissens immer völlig selbstverständlich ausgelassen wurde, deren konkrete Beantwortung ich aber bis zum heutigen Tag vermisse. Wahrscheinlich reißen mir 50% der Leser dafür jetzt auch den Kopf ab, aber ich würd's trotzdem gerne mal von einem der ersten und wichtigsten Multiplikatoren dieser Meinung hören. Vielleicht ist es in höheren Rap-Kreisen heutzutage auch nur noch ein Running Gag, beziehungsweise -Diss, aber bitte sag's mir: Was, zur Hölle, haben alle Berliner Rapper eigentlich immer so kategorisch gegen Blumentopf?

Ich weiß nicht, Mann. Man findet die irgendwie eklig, Alter. Weil in Berlin sind die Typen, die wie Blumentopf aussehen, wirklich die Hardcore-Nerds. Das sind halt wirklich die absoluten Spacken. Wo man sich sagt, "Ey, der zieht sich superstrange an", was natürlich scheiße ist, das daran festzumachen, aber ich mein': Die sehen halt schon wirklich extrem unstylisch aus ...

Aber lass' mal die Kleidung weg, konzentrieren wir uns mal auf's Wesentliche, den Sound, wie eingangs besprochen.

Ey, der Sound. Dazu wollt' ich als nächstes was sagen. Das ist einfach ... Wie ordentlich die alles aussprechen und so. Ich weiß nicht, ob Du Blumentopf feierst, es täte mir dann auch leid, aber ganz ehrlich: Ich kann mir keinen Berliner vorstellen, der sich Blumentopf anhören kann. Ich kann es bis heute nicht. Für mich werden die nie eine Faszination haben und mich törnt daran überhaupt nichts.

Siehst Du Sie vielleicht als eine Art Hip Hop-Streber, wenn Du sagst, dass sie alles so säuberlich aussprechen?

Weiß ich nicht, die sind einfach seltsam, Alter. Komisch, ich find's echt nerdig. Auch die Stimmen und die Betonung und so. Und dieser Fußball-Rap von denen, das ist so ... also ich – ohne die zu dissen – bekomme da echt immer leichte Fremdschäm-Gänsehaut.

Okay, dann wäre das mal vom Tisch. In dieser Hinsicht bist Du ja der Begründer des "Deutschrap 2.0": Davor gab's, etwas vereinfacht gesprochen, Hamburg, Stuttgart und – eben – noch München. Plötzlich war Berlin und die "neue deutsche Härte" auf der Rap-Landkarte. Etwa sechs Jahre später zeichnet sich mit Acts wie K.I.Z., die Du mal als "ganz lustig aber zu punkig" beschrieben hast, einem Marsimoto oder den "neuen" Deichkind eine weiterer Sprung des hiesigen Hip Hops ab. Diesmal geht's mehr so in Richtung Elektro-Pogo-Punk-Pop-Multikulti-Rap. Wie siehst Du diese Entwicklung?

Die Frage ist: Ist das ein neuer Style? Ich will das gar nicht abwerten oder in Frage stellen, was die machen, aber die Frage ist wirklich, ob das etwas wirklich Neues ist, oder eine Weiterentwicklung. Ich weiß nicht, ob das vergleichbar ist mit dem Schnitt, der gemacht wurde, als "LMS" rausgekommen ist. Meiner Meinung nach ging da damals schon ein Raunen durch die Szene a la "Okay, was ist das jetzt!?"

Und man hat auch an den Reaktionen der Artists gemerkt, dass da erst mal ein Schock da war. Andere Artists sind regelrecht in Euphorie ausgebrochen, als sie "King Of Rap" gehört haben. Aber ich weiß auf jeden Fall, was Du meinst; dass das alles elektronischer und technoider wird und so weiter. Und das ist ja auch okay – muss ja auch sein, irgendwas muss da auch passieren.

So ungern ich das jetzt in Anbetracht Deiner allerersten Antwort sage, aber ich meinte das eher auf einer inhaltlichen Ebene: Unter "2.0" verstehe ich die flächendeckende Einbringung des Vor-den-Kopf-Stoßens, der Kompromisslosigkeit, des Gangsters, der Straße et cetera in den Deutschrap. Davor gab es ein breites Hip Hop-Potpourri aus Spaß, Allerweltsthemen, Stories und Battles, die maximal überhalb der Gürtellinie augetragen wurden. Was jetzt passiert, halte ich für eine Art Mix aus 1 und 2, ergänzt um einen, ja: "bello-artigen" 3.0-Nihilismus in dem man sich selbst weder für voll, noch allzu ernst nimmt. Erst mal inhaltlich und infolgedessen dann auch wieder musikalisch.

Das ist gut möglich, auf jeden Fall. Das finde ich aber gleichzeitig auch schade. Also ich find's gut, wenn von allem etwas da ist und es nicht nur den einen Hardcore-Strom gibt. Das ist ja in Amerika nicht anders: Da gibt es South – und für die Leute gibt's dann im Kopf erst mal nur South. Obwohl East- und Westcoast und all das auch noch da ist. Ich fänd's halt schon gut, wenn in allen wichtigen Bereichen die Sachen ihren Schein abkriegen und gefeiert werden. Aber es ist definitiv ein Wandel zu spüren, auch inhaltlich, wie Du sagst. Eigentlich hast Du das eh schon auf den Punkt gebracht.

In diesem Zusammenhang: Im Gespräch mit Falk meintest Du neulich, Du würdest den Backpacker in Dir gerade wieder (neu-)entdecken. Ich hab dann mal auf Verdacht in der Wikipedia geguckt und tatsächlich: Als Abschluss der dortigen Definition des Backpackrappers, allerdings eher als krasser Gegenentwurf, findet sich dort momentan ein Zitat von Dir.

Hammer. (Lacht.)

Wenn wir also schon von Updates sprechen: Könnte man folgerichtig behaupten, Du vollziehst grade ein Upgrade zu "Savas Version 2.0"? Sozusagen: "Deutschlands Rucksack-Jigga"?

Ääähm, ja, vielleicht. Ich möchte das aber vorher noch zusammenfassen: Ich war Backpacker am Anfang, hab' mit Graffiti angefangen, hab' nur Backpacker gekannt und hab' nur Backpack-Mucke gehört. Aber ich hab' auch immer Gangster-Rap gehört. Dann wurd' ich ein bisschen missverstanden bei meinen ersten Texten, weil die alle dachten, ich bin voll der Anti-Dude – dabei war ich voll Hip Hop, weißt Du. Dann hab' ich mich von den Backpackern angepisst gefühlt und eine Antipathie gegen die entwickelt, weil die "LMS" und "King Of Rap" so hart gefrontet haben. Aber im Prinzip hab' ich ja auch nur die deutschen Backpacker gemeint, beziehungsweise die, die mich in dem Fall angegriffen und abgetörnt haben, nicht die ganze Sache an sich. Trotzdem war ich nach wie vor Hip Hop-Fan, das merkt man auch daran, dass ich weiterhin alles analysiert hab' und so weiter.

Dann gab's für mich eine Zeit lang hauptsächlich nur noch Gangster-Rap, Dipset, dies, das, aber: Ich hab mir trotzdem weiterhin alles angehört. Nur der klassische Backpack, also Sachen wie D.I.T.C., Show & AG, Talib Kweli und was man darunter halt so versteht, das hat mich lange gar nicht mehr erreicht, das hab ich lange nicht mehr gefühlt. Heute denk' ich: Das ist eine perfekte Mischung aus allem. Am Ende des Tages kommen eh alle Musiker auf den einen Trichter, dass sie sagen: "Ey, ich hör' alles Mögliche."

Ich kann mir keinen guten Musiker vorstellen, der sich nicht alles Mögliche anhört. Ich mein', bei MTV Masters hat Juliette Lewis gesagt, der und der hat nicht so 'nen Flow wie Jay-Z. Und wenn eine Juliette Lewis sich Gedanken macht, ob Jay-Z Flow hat oder nicht, dann zeigt das auch, dass sie offen ist. Am Ende ist das der Punkt: Ich wäre schon gar nicht ignorant genug, um nur Rap zu hören. Und dann womöglich auch nur eine Seite davon? Das geht gar nicht. Also, wenn da etwas kommt, was mich törnt und das klingt backpackig, dann ist das so. Ich seh' da so ein bisschen die Parallelen zu Eminem: Ein Backpacker, der erfolgreich wurde, der mit den Vorwürfen dann auch leben musste, aber trotzdem nie seine Liebe für Hip Hop an sich verloren hat. In diesem Sinn: Ja, ich bin so eine Mischung.

(Es klopft an der Tür, Herr Soundso kommt rein, um uns mitzuteilen, dass die zehn Minuten Nachspielzeit endgültig rum sind. Mit meinen Fragen bin ich just in time durchgekommen. Es folgt ein kurzer, freundlicher Handshake zum Abschied, Savas verschwindet ins Bad und ich hinaus ins verregnete München.)

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