laut.de-Kritik

Eine HD-Klangreise im besten Sinne.

Review von

Klone greifen hoch mit ihrem neuen Werk, daraus machen die Franzosen kein Geheimnis. Den bedeutungsschwangeren Titel "Le Grand Voyage" unterfüttern sie mit den großen Existenz-Mysterien: "Unsere Musik erlaubt dem Hörer, zu reisen und Fragen zu stellen wie: ‚Was ist der Geist? Was ist die Materie?’" So etwas geht schnell nach hinten los. Hält die Musik den großen Worten nicht stand, rutscht man ins Lächerliche. Klone aber meistern die Gratwanderung zwischen berechtigtem Pathos und Überambition. "Le Grande Voyage" trägt seinen Titel völlig zurecht, es eignet sich hervorragend als Soundtrack zum Nachdenken über besagte existenzielle Fragen.

Als Inspiration in vielerlei Hinsicht dienten Klone offenbar Anathema und ihr 2012 veröffentlichtes "Weather Systems". Parallelen ergeben sich im 'himmlischen' Artwork, aber auch inhaltlich und musikalisch. Die Band beschäftigt sich mit Nahtoderfahrungen und erzeugt oft eine ähnlich transzendent-unwirkliche Atmosphäre wie die offen als Einfluss genannten Briten. "Manchmal fehlt Rockmusik die Seele. Deswegen sind Bands wie Anathema so wichtig – sie gehen tief genug, um das Publikum zu berühren. Wir versuchen, dieselbe Ernsthaftigkeit in unserer Musik zu erreichen. Man soll nach etwas höherem, streben, besseren von etwas stärkerem, unergründlichen…", so Gitarrist Guillaume Bernard.

Mit "Yonder" liefern Klone eine Vorlage für genau das zum Einstieg – audiovisuell. Zum Song drehten sie bzw. Videograph Arthur Jarry einen bildgewaltigen Kurzfilm, wo die spanischen Bardenas Reales das Tor zum Jenseits darstellen. Nach diesem Ort, "free from human kind", sehnt sich Sänger Yann Ligner im Text zum Song. Man glaubt ihm die Sehnsucht in jeder Silbe, die er mit leicht heiserer Stimme und weit gedehnten Vokalen intoniert.

Instrumental erwecken Klone die Reise als eine Art musikalische Bergwanderung zum Leben. Je näher sie dem Gipfel kommen und damit ihren Ausblick erweitern, desto mehr Details flechten sie ein. Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Bass, irgendwann auch schwere Post-Metal-Riffs fügen sich wie Puzzle-Teile ineinander, bis schließlich eine von Streichern unterstützte Melodie den Bruch durch die Wolkendecke symbolisiert. Ligner geht plötzlich auf als Teil und Vorsänger eines mehrstimmigen, elysischen Chors.

Die grobe, im modernen Art-/Post-Dunstkreis freilich nicht unübliche Formel behalten Klone fürs ganze Album bei. Unweigerlich streben sie einem Höhepunkt, der Erlösung entgegen. Die Franzosen haben aber verstanden, dass mehrere Wege dorthin führen und man auf unnötige Umwege verzichten kann. Statt endlos in sphärischem Gerümpel zu mäandern, kommen sie oft angenehm schnell auf den Punkt. Das funktioniert, weil verschiedene Kernelemente die meisterhaft arrangierten Kompositionen prägen. In "Breach" sind es dreampoppige, in Reverb schwebende Clean-Gitarrenakkorde, bei "The Great Oblivion" heavy groovende Riffs, die mit mehr Distortion und ohne die darüber hüpfenden, erbaulichen Leads von Cult Of Luna stammen könnten, bei "Idelible" prägnante Schlagzeug-Breaks und ein Saxofon-Solo. Im rhythmisch getriebenen "Keystone" erkennt man in früher Phase der Band stärker ausgeprägte Parallelen zu Tool. Nur "Sad And Slow" fehlt ein solches Alleinstellungsmerkmal im Albumverbund. Immerhin dient er als guter, aber wenig eindrücklicher Song dazu, die außerordentliche Qualität der anderen Stücke zu unterstreichen.

Das nach und nach enthüllte, mannigfaltig Klang-Panorama von "Le Grand Voyage" erstrahlt zum Glück in gestochen scharfem HD. Die Produktion vermittelt das Gefühl, man stünde in einem voller transparenter Tücher hängenden Raum. Hinter jedem Tuch steht ein Instrument, nach Belieben werden die Schleier gelüftet oder verdunkelt, um unterschiedliche Akzente zu setzen. So erklingt in "Breach" eine filigrane Gitarrenmelodie, darunter grollt der Bass, während ganz ganz fein im Hintergrund Streicher flirren. Bei "Keystone" stehen ringsum Trommeln, zwei Gitarren komplementieren sich von gegenüberliegenden Seiten des Raums aus, weiter hinten zirpen Electronics – bis auf einen Schlag alle Vorhänge fallen, das Schlagzeug explodiert und ein Streichorchester den Song an sich reißt und in epische Höhen schraubt.

Klone klangen noch nie so fokussiert und definiert in ihrem Tun und nutzen den Luxus, ihren Sound gefunden zu haben dazu, ihr Reich variantenreich zu bespielen. Mit "Le Gand Voyage" haben sie eine Klangreise im besten Sinne geschaffen.

Trackliste

  1. 1. Yonder
  2. 2. Breach
  3. 3. Sealed
  4. 4. Indelible
  5. 5. Keystone
  6. 6. Hidden Passenger
  7. 7. The Great Oblivion
  8. 8. Sad And Slow
  9. 9. Silver Gate

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3 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Absolut großartig das Album. Habs sehnsüchtig erwartet nach dem schon überragenden Vorgänger und wurde reich belohnt. Die Songs sind allesamt fantastisch, und die Produktion erst.... Kopfhörer auf, laut machen und den kristallklaren Sound genießen! Ich bin begeistert und möchte zum Abschluss nochmal die live Version von yonder (hellfest) empfehlen - funktioniert anscheinend auch live hervorragend das ganze. 5/5

  • Vor 2 Jahren

    Ich kann mich nur anschließen. Ein großartiges Album, das zum Glück nicht so weich gespült daher kommt wie "Weather Systems" von Anathema.

  • Vor einem Jahr

    "Kristallklar" finde ich sehr passend. Tatsächlich musste ich mich erstmal ein bisschen damit anfreunden - ich hatte mir das Album nicht zuletzt wegen des tollen Covers gekauft und irgendwie trotz des Titels mindestens eine Spur "rohere" Naturgewalt erwartet. Naja, zugegeben ein maximal genrefremder Wahlloshörer-Kauf :D

    Der sich aber umso mehr gelohnt hat. Der Klang ist (auf diese etwas glattere Art) wirklich umwerfend schön. Gerade zuhause ganz, ganz großes Kino, sofern man keine grundsätzliche Prätentiös/Prog-Allergie hat. Schwache Nummern sind keine drauf, aus der ohnehin grandiosen zweiten Hälfte ragt für mich wegen der schönen Dynamik "Silver Gate" noch mal ein wenig heraus.

    Super Scheibe, zurecht häufig unter diesjährigen Highlights gelistet.