laut.de-Kritik

Wie Rosenstolz, und zwar in schlecht.

Review von

Seit zehn Jahren warten Klee-Fans auf ein neues Studioalbum. Zwar veröffentlichte die Kölner Band, die im Kern aus Sängerin Suzie Kerstgens und Pianist, Keyboarder und Zweitsänger Sten Servaes besteht, 2015 mit "Hello Again" ein Cover-Album, doch danach folgte wieder einmal eine lange Pause.

Dass sich Klee so lange rar gemacht haben, hatte aber auch einen Grund, wie Servaes kürzlich dem Nachrichtensender n-tv verriet: "Uns ist schlicht das Leben dazwischen gekommen. Unausweichliche Ereignisse. Schönes wie Schlimmes. Trennungen, Trauer, Tod, Krankheiten, Liebe, neue Leben." Trotz der vielen negativen Ereignisse schreibt die Band nun auf "Trotzalledem" Frohsinn wieder in Großbuchstaben.

Das verdeutlicht schon "Club Der Liebenden", wenn es im Refrain heißt: "Herzlich willkommen im Club der Liebenden, im Club der hoffnungslos romantisch Gebliebenen." Den Glauben an das Gute haben die Kölner also noch längst nicht verloren. Dazu bleibt musikalisch alles beim Alten, lebt der Song doch von viel Bass, flächigen Synthies, discoidem Schlagzeug und dem samtigen Organ Suzies. Am Ende findet man noch ein Zitat von Tears For Fears' "Shout", so dass die Nummer vor Ausgelassenheit aus allen Nähten platzt.

In "Kopfüber" kann man sich vor Scheinoptimismus kaum noch retten. Obwohl der Planet "in Flammen" steht, feiert die Band das Leben, als gäbe es kein Morgen. Eskapismus, so weit das Auge reicht, was sich auch klanglich wiederspiegelt, rücken Klee doch keinen Millimeter von ihrem unbedarften Intro-Strophe-Refrain-Outro-Schema ab. Dem Selbstoptimierungswahn erteilen die Kölner dann in "Danke Nein" eine Absage. Allerdings kommen die betonte Coolness im Gesang, die vielen "Ooooh-Oooohs" und eine Zeile wie "Ich bleib' so, wie ich bin" ziemlich penetrant daher.

Hier und da handeln die Songs davon, aus dem alten Leben auszubrechen sowie dem "Hamsterrad" und dem "System" zu entfliehen. Nur nutzt man dafür wie in "Wir Tanzen Allein" etwas zu schlichte Bilder, wenn es um einen Menschen geht, der sich auf seinem Museumswärterstuhl in seiner Einsamkeit "unsichtbar" fühlt und sich wünscht, das südliche Pendant zum Nordlicht, "Aurora Australis", zu sehen.

Besser fällt "Zwischen Hoffen Und Resignieren" aus, wenn Kerstgens zu sparsamen Singer/Songwriter-Tönen und psychedelischen Streichern über die Höhen und Tiefen des Lebens sinniert. Auch im weiteren Verlauf zeigen Klee, dass ihnen nachdenkliche Momente gut zu Gesicht stehen. "Das Gegenteil Von Glück" versprüht musikalisch und textlich eine gewisse Post-Punk-Melancholie, und in "Septembernebel" singt Suzie zu dunklem Klavier, elegischen Streichern, trauerverhangenen Folk-Einsprengseln und schwerer Western-Gitarre vom Kommen und Gehen.

Demgegenüber stehen jedoch eine Handvoll Songs, die vor Optimismus geradezu übersprudeln, so dass einem unweigerlich bunte Einhornbilder, die man täglich in den sozialen Netzwerken sieht, in den Sinn kommen. Dazu packt die Band noch "Glitzer drauf". Der Liebe widmen sich Klee auch wieder einmal. So treffen sich in "Drachentöten" Suzie und Sten zu chansonesquen Klavier- und Elektronik-Klängen und luftig leichter Gitarre zu einem Duett und besingen die kleinen Dinge, die eine Beziehung ausmachen, was wie Rosenstolz klingt und zwar in schlecht. "Wir reden uns alles schön", gibt zwar Kerstgens in "Glitzer Drauf" zu bedenken, hat aber in den Tracks zuvor größtenteils nichts anderes gemacht.

Dementsprechend täuschen die melancholischen Momente nicht darüber hinweg, dass "Trotzalledem" im Grunde genommen das musikalische Äquivalent zu einer Blumenwiese oder einem romantischen Urlaub an der Bretagne darstellt. Mit ihrer Unbedarftheit und Naivität wirken Klee hoffnungslos aus der Zeit gefallen.

Trackliste

  1. 1. Club Der Liebenden
  2. 2. Kopfüber
  3. 3. Danke Nein
  4. 4. Weil Du Ein Wunder Bist
  5. 5. Wir Tanzen Allein
  6. 6. Zwischen Hoffen Und Resignieren
  7. 7. Wenn der Himmel Auf Die Erde Fällt
  8. 8. Befrei Dich
  9. 9. Das Gegenteil Von Glück
  10. 10. Drachentöten
  11. 11. Mein Herz
  12. 12. Glitzer Drauf
  13. 13. Septembernebel

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9 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Monaten

    17 Dinge, die ich aus dieser Kritik gelernt habe:

    1. Optimismus (hier sicherlich völlig unbeabsichtigt einigermaßen tendenziös durch „Frohsinn“ ersetzt) im Angesicht „negativer Ereignisse“ (interessante Umdeutung des Zitats „Schönes wie Schlimmes“) ist unangebracht, oder kann nur – wie wir wenig später erfahren – „Scheinoptimismus“ sein.

    2. Wer sich ins Leben stürzt, betreibt „Eskapismus“. Also steht der Begriff gar nicht für „Realitätsflucht“, sondern meint offenbar das Gegenteil.

    3. Tears-For-Fears-Zitate (zumal in Kombination mit viel Bass, flächigen Synthies, discoidem Schlagzeug und samtigen Organen) sorgen dafür, dass Songs vor „Ausgelassenheit aus allen Nähten platzen“.

    4. Betonte Coolness im Gesang kommt beim Thema Selbstoptimierung „penetrant rüber“. Merke: Bei gewissen Themen ist ausschließlich brennende Leidenschaft erlaubt, denn die ist niemals penetrant.

    5. Rund 99% aller Pop-Songs, die bis heute geschrieben wurden, sind „unbedarft“, denn sie folgen dem Intro-Strophe-Refrain-Outro-Schema. Ah, sorry, das habe ich falsch verstanden: Nicht die Songs sind unbedarft, sondern ihr Schema. Moment, ein „unbedarftes“ Schema …?

    6. Von mir völlig unbemerkt werden wohl alle naslang Songs über Museumswächter veröffentlicht. Das wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass Bilder, in denen „es um eine Person geht, die „es Leid ist, täglich "Bilder" und "Menschen" zu bewachen“ zwangsläufig „abgedroschen“ sind.

    7. Kursivieren knallt mehr, wenn man dabei nicht mit (amerikanischen) Anführungsstrichen geizt. Doppelt gemoppelt hält einfach besser.

    8. Wer davon träumt, nach Australien zu reisen, der träumt falsch.

    9. Gemächliches Plätschern gebietet sich nicht. Zumindest nicht für Songs. Die müssen vermutlich „rasant“ plätschern.

    10. Wer „über die Höhen und Tiefen des Lebens sinniert“ (Abgedroschenheit liegt ganz offensichtlich im Auge des Betrachters), macht das auf die richtige Weise, wenn er dabei nicht von „gemächlichem Plätschern“ sondern von sparsamen Singer-Songwriter-Tönen begleitet wird. Zumindest dann, wenn diese mit „psychedelischen Streichern“ untermalt sind.

    11. Galoppierender Adjektivismus ist the new black.

    12. Optimismus darf nur im gedämpften Tonfall geäußert werden, sonst ist er des Teufels. Das scheint ein Kernanliegen dieser Kritik zu sein.

    13. Die Herkunft („soziale Netzwerke“) bunter Einhorn-Bilder muss dem Leser sicherheitshalber erläutert werden – wäre ja schade, wenn eine so ausgefeilte Metapher als Rohrkrepierer endet.

    14. Auf einem Song dieses Albums widmen sich Klee der Liebe.

    15. Die Gruppe Rosenstolz besingt in ihren Songs gewöhnlich die kleinen Dinge, die eine Beziehung ausmachen.

    16. Die Worte „was wie Rosenstolz klingt und zwar in schlecht“ lassen nur eine Schlussfolgerung zu: Der/die Autor*in findet Rosenstolz gut. Mit diesem Punkt erübrigt sich eigentlich alles andere.

    17. Trotzdem sei vielleicht noch erwähnt, dass „romantische Urlaube in der Bretagne“ pfui sind. Blumenwiesen auch. Ganz undogmatisch natürlich.

  • Vor 3 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Monaten durch den Autor entfernt.