6. August 2012

"Alle löchern mich wegen Gotye"

Interview geführt von

Das Warten hat ein Ende: Mit ihrem Debütalbum "Vows" geht die Wahl-Australierin Kimbra nun auch hierzulande in die Offensive und gibt sich dabei redlich Mühe, die "Somebody That I Used To Know"-Ketten abzulegen.Monatelang nahm man die Sängerin lediglich als Duettpartnerin in Gotyes Über-Hit wahr. Damit soll jetzt Schluss sein, denn Kimbra fühlt sich zu Höherem berufen. Die Basis für eine langandauernde Erfolgsstory ist jedenfalls vorhanden. Die gebürtige Neuseeländerin sieht gut aus, kann singen und sie schreibt obendrauf auch noch innovative Songs. Doch all das nutzt heutzutage herzlich wenig, wenn man nicht in der Lage ist, das Gesamtpaket gewinnbringend zu positionieren. Dafür bedarf es einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein.

Kimbra ist selbstbewusst. Bereits ihr Starlet-Auftreten in der Lobby des Berliner Nobel-Hotels, wo wir uns zum Interview verabredet haben, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Kimbra für Vieles wie gemacht scheint; nur nicht für den gängigen nine-to-five-Alltagstrott. Mit knallrotem Lippenstift, zerzaustem Bubie-Kopf, weißer Spitzen-Bluse und klackernden Stilettos begrüßt uns die Sängerin und folgt uns auf divenhaften Schritten zum reservierten Interviewplatz. Doch die vermeintlich Unnahbare entpuppt sich bereits zu Beginn unseres Gesprächs als redselige und selbstbestimmte junge Frau, die frei von erwarteten Allüren einfach nur genau weiß, was sie will.

Hi Kimbra, in wenigen Tagen erscheint bei uns dein Debütalbum "Vows". Inwieweit stellt dieses Album eine Befreiung für dich dar?

Kimbra: Spielst du auf den Gotye-Hype an?

Ja

Kimbra: Nun, ich würde nicht sagen, dass das Album eine Befreiung für mich darstellt, denn das Wort Befreiung hat für mich einen zu negativen Vibe. Ich bin ja nicht auf Wiedergutmachungstour (lacht). Ich liebe diesen Song immer noch, und es gibt keinen Grund für mich, vor Scham im Boden zu versinken. Ganz im Gegenteil: Ohne diesen Song würde ich wahrscheinlich heute nicht hier sitzen. Ich bin wirklich dankbar für die Entwicklung.

Es ärgert mich auch nicht, dass überall dort, wo mein Album noch nicht erschienen ist, mich alle Leute mit Fragen zu diesem Song löchern. Das ist völlig ok und auch nachvollziehbar. Dennoch ist es natürlich so, dass ich sehr gespannt bin, wie die Reaktionen auf meine eigenen Songs ausfallen werden. Ich hoffe einfach, dass die Leute meine Songs genauso ins Herz schließen werden wie "Somebody That I Used To Know".

In deiner Heimat Neuseeland ist dem so. Dort erschien dein Album bereits letzten Herbst und landete schnurstracks auf Platz 3 der Charts.

Kimbra: Ja, das stimmt. In Neuseeland genieße ich schon einen kleinen Star-Status (lacht). Aber all diese Rampenlicht-Privilegien interessieren mich nicht wirklich. Ich möchte in erster Linie mit meiner Musik überzeugen und mich stetig verbessern.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Gotye überhaupt zustande?

Kimbra: Wir kennen uns schon ziemlich lange. Ich lernte Gotye vor einigen Jahren durch meinen damaligen Produzenten kennen. Wir freundeten uns an. Er besuchte dann einige Shows von mir, bei denen ich hin und wieder auch einen Song von ihm coverte. Irgendwann rief er mich dann an und sagte mir, dass er da diesen Song hätte und ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zusammen daran zu arbeiten. Also besuchte er mich in meinem Haus und wir fingen einfach an.

Ich baute ein Mikrofon in meinem Schlafzimmer auf und wir nahmen einfach auf. Das ist schon ziemlich abgefahren, wenn ich bedenke, wie einfach und simpel die Entstehung war, und was letztendlich daraus geworden ist. Ich glaube, wir beide hätten im Traum nie daran gedacht, dass dieser Song wenig später weltweit an die Spitze der Charts stürmen würde.

"Ich wollte schon immer die Leute aufrütteln"


Lass uns über dein Album sprechen. Ich finde es unheimlich schwer, deinen Sound zu kategorisieren, da du viel mit unterschiedlichen Genre-Elementen arbeitest. Die Songs pendeln alle zwischen Pop, Soul, Rock und Jazz hin und her. Fühlst du dich dennoch einer Branche besonders verbunden?

Kimbra: Eigentlich geht es mir nur um die Stimmung. Mir ist es egal, aus welcher Richtung ein Song kommt, so lange er mich in irgendeiner Art und Weise berührt. Das kann sowohl ein Metal-Song als auch ein Dance-Song sein. Ich habe da keinerlei Vorbehalte. Ich bin mit Earth Wind & Fire und Stevie Wonder aufgewachsen. Dann kamen irgendwann Prince und Michael Jackson dazu. Und heute höre ich unheimlich gerne Nine Inch Nails und The Mars Volta.

Ich lasse mich eher unterschwellig inspirieren und versuche, all diese verschiedenen Stimmungen in meine Songs zu integrieren. Ich wollte schon immer Musik machen, die die Leute aufrüttelt. Meine Songs sollen frisch und aufregend klingen. Ich möchte die Menschen überraschen und sie mit kontroversen Soundgemischen überfallen. Insofern empfinde ich es als großes Kompliment, wenn mir jemand sagt, dass er meine Musik nicht einordnen könne. Genau darum geht es mir. Ich finde, Pop-Musik sollte nie vorhersehbar sein. Künstler wie Michael Jackson oder Prince haben sich in ihrer Musik nie wiederholt, sondern immer versucht, neue Wege zu gehen. Das versuche ich auch.

Wenn wir schon bei Idolen sind: Viele Experten nennen dich in einem Atemzug mit Florence Welch, Björk und Nina Simone. Fühlst du dich geehrt, wenn du solche Vergleiche hörst oder eher missverstanden?

Kimbra: Es freut mich natürlich, wenn ich mit derartig großen Namen in einen Topf geschmissen werde, denn Künstler wie Björk und Florence erfinden sich stetig neu. Sie sind kreativ und nicht festgefahren und verfügen über atemberaubende Stimmen. Ich würde aber nicht zwingend von Inspirationsquellen reden. Für mich ist die Herausforderung einfach größer, wenn ich mich mit Musik beschäftige, die auf den ersten Blick wenig mit meiner eigenen zu tun hat.

Und zwar?

Kimbar: Ich höre viel afrikanische Musik. Mich interessieren auch mehr männliche Stimmen. Es gibt unheimlich viele tolle Indie-Sänger da draußen. Da kriege ich einfach mehr Input für meine eigenen Songs, verstehst du? Für mich ist es wesentlich spannender, je weiter sich die Musik, die ich höre, von meiner eigenen weg bewegt.

"Viele meiner Songs mussten erst reifen"


Dein Album heißt "Vows". Inwieweit haben gehaltene oder gebrochene Versprechen dein Leben bisher beeinflusst?

Kimbra: Für mich haben Versprechungen eine ganz besondere Bedeutung. Das ganze Leben dreht sich doch irgendwie um Versprechungen. Die Liebe, die Arbeit, die Familie: alles wird irgendwie zusammengehalten, weil sich Menschen gewollt oder ungewollt Versprechen geben. Auf der anderen Seite kann aber auch alles einfach so auseinanderfallen, weil Versprechen gebrochen werden. Wir sitzen heute beide hier, weil ganz viele Versprechen vorher gehalten oder gebrochen wurden. Hätten wir beide im Laufe der Zeit irgendwann andere Entscheidungen getroffen, wären wir uns wahrscheinlich nie begegnet.

Erinnerst du dich denn noch an den Tag, an dem du der Musik die Treue geschworen hast?

Kimbra: Oh ja, ziemlich gut sogar. Ich war damals 17 und lebte noch in Neuseeland. Eigentlich wollte ich Französisch oder Hebräisch studieren, aber ich hatte auch den Drang Musik zu machen. Also legte ich mir ein MySpace-Profil an und hoffte, dass sich irgendetwas Spannendes daraus ergeben würde. Das geschah dann zum Glück auch, denn ich lernte über MySpace meinen Manager kennen.

Du bist dann nach Australien gezogen. Wie schwer ist dir diese Entscheidung damals gefallen?

Kimbra: Es war nicht ganz einfach. Aber ich wusste, dass ich eine derartige Chance vielleicht nie wieder bekommen würde. In Australien konnte ich das erste Mal in meinem Leben unter professionellen Bedingungen arbeiten. Das hat mir die Augen geöffnet und mir dabei geholfen, klare Vorstellungen über meine Zukunft zu entwickeln. Von da an wusste ich, dass ich Musikerin werden wollte.

Bereits zu der Zeit entstanden Songs, die jetzt auf deinem Album zu hören sind. Warum hat die Fertigstellung von "Vows" letztlich so lange gedauert?

Kimbra: Wenn es nach mir gegangen wäre, stünde das Album schon längst in den Regalen (lacht). Ich wollte so schnell wie möglich mit meinen Songs an die Öffentlichkeit. Letztlich bin ich aber heilfroh, dass ich Leute um mich herum hatte, die mich in den richtigen Momenten gebremst haben. Viele meiner Songs mussten erst reifen. Das Gesamtpaket musste sich erst entwickeln. Ich war einfach noch zu unbeständig. Das musste ich mir selbst aber erst eingestehen.

Ich war damals wirklich sehr ungeduldig und es hat lange Zeit gedauert, bis ich verstanden habe, dass es sich um einen langfristigen Prozess handelt. Im Nachhinein weiß ich jetzt, dass es richtig war, das Ganze wachsen zu lassen. Ich hatte die Möglichkeit mit vielen verschiedenen Menschen zu arbeiten, die bereits Großes geleistet haben. Ich rede von Leuten, die mit Dr. Dre, Fiona Apple und den Flaming Lips gearbeitet haben. Solche Leute haben einen vollen Terminkalender, und so dauerte alles einfach seine Zeit.

Du hast neben Gotye auch mit anderen Künstlern zusammengearbeitet, wie beispielsweise Miami Horror, A-Trak und Mark Foster. Wie wichtig ist dir der Austausch mit anderen Musikern?

Kimbra: Ich tausche mich gerne mit anderen Künstlern aus, mit denen ich mich musikalisch und menschlich verbunden fühle. Man lernt unheimlich viel, wenn man sich auf andere Ideen oder Visionen einlässt. Oftmals ist es auch so, dass man in irgendeinem Song feststeckt und nicht weiterkommt und jemand anderes die Fähigkeit besitzt, diese Blockade zu lösen. Das ist schon faszinierend.

Stehen demnächst weitere Zusammenarbeiten an?

Kimbra: Ja, so einige. Ich schreibe gerade etwas für eine Disney-Produktion. Außerdem habe ich einige Songs mit John Legend und Ben Weinman von The Dillinger Escape Plan aufgenommen. Es ist einfach toll mit Künstlern zu arbeiten, die eigentlich ganz andere Musik machen als man selber. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich auch noch wesentlich mehr in dieser Richtung machen. Es gibt so viele Künstler mit denen ich gerne einmal zusammenarbeiten würde.

An wen denkst du da so?

Kimbra: Die dänische Band Mew zum Beispiel. Das ist eine meiner Lieblingsbands aus Europa. Dann gibt es da noch den japanischen Produzenten Cornelius, dessen Arbeit ich sehr bewundere. Oder die Battles. Die Liste ist wirklich lang. Ich würde fast sagen, je kontroverser, desto besser. Ich liebe es völlig verschiedene Elemente und Richtungen miteinander zu verbinden, um letztlich etwas Einzigartiges entstehen zu lassen. Nur so wächst man als Künstler.

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